Ich trank aus einer großen Tasse, auf der das Wort Kaffee in fünf verschiedenen Sprachen und in allen Grundfarben mit kitschiger Schnörkelschrift rund ein Dutzend Mal aufgedruckt war. Statt des dafür vorgesehenen Inhalts jedoch befand sich in der Tasse mit Vanille aromatisierter Tee.
Kein Kaffee, kein Fleisch, keine Mahlzeit nach 19 Uhr, kein Alkohol unter der Woche – so lauteten Linas ökotrophologische Grundregeln. Dafür steckte sie sich eine West Light nach der anderen an und ich als Nichtraucher fand das sogar noch beruhigend. Irgendein Laster musste und sollte sie ja haben, wenn ich an diesem Abend noch zum Zuge kommen wollte. Ich hätte mir ja Bier vom Kiosk mitgebracht, aber es war Dienstag und da wollte ich weder als routinierter Trinker dastehen noch meine Potenz durch zu viel Promille gefährden. Bescheuert, dachte ich, als Lina durch gespitzte Lippen eine weitere Rauchfahne zur Seite ausstieß, um mich nicht mehr als nötig einzunebeln.
»Meinst du nicht, dass das ein bisschen inkonsequent ist?« fragte ich. »Wer so viel raucht, kann doch auch Kaffee trinken und Fleisch essen.«
»Nö«, sagte sie gelassen, »schmeckt mir nicht. Und irgendwo muss man ja anfangen.«
»Ach so«, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
In gewisser Hinsicht fühlte ich mich Lina überlegen. Ich hatte ein abgeschlossenes Studium vorzuweisen, sie lediglich eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau. Ich kannte eine Menge Bücher und Bands, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Obwohl bereits bei Harry Potter und Madonna Schluss mit Schnittmenge war, befand ich, dass so etwas ja nicht kriegsentscheidend sein musste. Wir kannten uns vom Chat.
Natürlich war mir nicht entgangen, dass Lina jede Begrüßung dort mit einem infantilen Huhu einleitete und sich bevorzugt mit einem nicht weniger prickelnden Bussi verabschiedete, aber das war mir in diesem Fall relativ egal. Ich sah mir, nachdem ich ihre Nachrichten gelesen, um nicht zu sagen: überflogen hatte, einfach immer wieder ihr Foto an. Sie war ein süßes Mädchen mit einem frechen Lachen und aufreizenden Rundungen. Und ich stellte sie mir nackt vor. Das reichte.
Hier und jetzt in der Küche von Linas neuer Wohnung jedoch fragte ich mich, ob ich nicht völlig falsch gelegen haben könnte mit der Interpretation ihrer Absichten, mich direkt zu sich nach Hause einzuladen, ohne dass wir uns vorher auch nur einmal leibhaftig begegnet waren. Vielleicht hatte sie sich einfach nichts weiter dabei gedacht. Eine gehörige Portion Naivität war ihr schließlich nicht abzusprechen, ebenso wenig eine übertrieben wirkende Häuslichkeit.
Ich konzentrierte mich zunächst darauf, meine mitgebrachte Erregung im Zaum zu halten, schlug die Beine übereinander und war erstaunt darüber, dass es meinem rechten Fuß mühelos gelang sich hinter meiner linken Wade einzuhaken. Derart ›verklemmt‹ ließ ich meinen Blick umherschweifen, da sah ich sie erst: Marienkäfer, überall Marienkäfer! Eine ganze Familie klebte auf der Fensterscheibe, ein paar magnetische hafteten am Kühlschrank, zwei aus Holz fungierten als Salz- und Pfefferstreuer, einige aus Schokolade hielten sich gefährlich nah am Ceranfeld auf und ein besonders großes Exemplar aus Stoff lag oben auf dem Regal.
»Die sammle ich. Sind die nicht süß?« meinte Lina, als sie bemerkte, wie ich mich umsah.
»Schon«, antwortete ich und befürchtete, dass auch ihre Bettwäsche mit lauter schwarzrot gepunkteten Insekten verziert war.
Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass das Kondom, das ich vorsorglich eingesteckt hatte, am heutigen Abend genauso wenig seiner Bestimmung folgen würde wie die Schokoladenkäfer auf der Anrichte der ihrigen. Ich wollte auch gar nicht wissen, wie viele Weihnachten und Ostern diese schon unnatürlicherweise in Linas Obhut überlebt hatten. Jedenfalls kam ich mir in diesem Moment fast schäbig vor mit meinen lüsternen Absichten, hier in Linas Küche, umzingelt von ihren sechsbeinigen Ikonen. Immerhin nannte sich der Chatroom, in dem wir uns kennen gelernt hatten, Tummelwiese. Keine Wiese ohne Käfer, versuchte ich mich also zu beruhigen, da zerrte Lina mich am Arm und schleifte mich nach draußen auf den Balkon. Dicht an dicht standen wir in der Kälte auf einem winzigen Beton-Carré, das maximal zwei Klappstühlen Platz bot.
»Endlich ein Balkon«, seufzte Lina zufrieden.
Ich stierte derweil auf die graue Außenwand des Hauses gegenüber, das nur wenige Meter entfernt lag, und jegliche Form der Sonneneinstrahlung auch im Hochsommer weitestgehend verhindern würde. Dann fiel mein Blick auf die beiden, ob des Winters noch blütenlosen Blumenkästen an dem metallenen Geländer. Schmucklos waren sie hingegen nicht, ich entdeckte gleich mehrere in der Erde steckende hölzerne Marienkäfer am Stiel. Ob man in solch einem Fall nicht besser von einem Fetisch statt von Sammelleidenschaft sprechen sollte, fragte ich mich noch, da durfte ich mir Linas ganze Umzugsgeschichte anhören: vom Vormieter, der plötzlich verstorben war, der Herr Jürgens, 45 Jahre hatte der hier gewohnt und war erst drei Wochen nach seinem Tod entdeckt worden, nachdem seine Katze von einem Auto überfahren wurde und die Nachbarn ja wussten, wessen Katze es gewesen war, und sich fragten, wie sie dem Herrn Jürgens die traurige Botschaft denn überbringen sollten …
»Ich hatte ja erst Bedenken«, sagte Lina, »weil der Herr Jürgens eben hier gestorben ist, aber mein Ex, der Steffen, hat sie zum Glück zerstreut und auch eine Probenacht mit mir hier verbracht.«
»Aha«, sagte ich.
»Der Steffen hat auch das Laminat verlegt, alle Regale angeschraubt, die Lampen angeklemmt und hinterher sogar noch den ganzen Müll weggebracht«, sagte Lina.
»Nett von ihm«, antwortete ich.
»Ja, der Steffen«, seufzte Lina.
»Ihr könntet es vielleicht noch mal miteinander versuchen«, schlug ich vor.
»Hm … nee, wir sind inzwischen wie Bruder und Schwester. Na ja, er rechnet sich schon noch Chancen aus, denke ich. Aber ich will was anderes.«
»Was denn?« fragte ich neugierig.
»Wenn ich das wüsste«, sagte Lina und zwinkerte mir zu. »Komm, wir gehen wieder rein.«
Zurück in der Küche überkam sie ein seltsamer Tatendrang. Auf einmal öffnete sie sämtliche Schranktüren, um mir lauter praktische Stauräume und intelligente Regallösungen vorzuführen, deren Genialität zu gleichen Teilen auf Steffen und IKEA zurückzuführen war. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir Raucher zu sein, um den Eindruck zu erwecken, hier wenigstens einer mehr oder weniger sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Gedanklich bereitete ich meinen Abgang vor. Ich musste einen guten Vorwand finden von hier zu verschwinden. Denn wie ich Lina einschätzte, wäre sie bestimmt tieftraurig, wenn ich ihr sagte, dass sie am Ende dann wohl doch nicht mein Typ wäre. Und als notgeiler Abzocker wollte ich nun auch nicht dastehen. Abgelenkt von immer neuen Marienkäfer-Erscheinungen in Form von Anstecknadeln, Postkarten und Kugelschreiberköpfen fiel mein Blick dann doch hin und wieder auf Linas Brüste, die sich reizvoll unter ihrem grünen Pulli abzeichneten. Doch wann immer ich anfing, mir ebendiesen Pulli wegzudenken, sah ich verschämt zur Seite und nippte an meiner Tasse, ohne einen weiteren Schluck des inzwischen abgestandenen Tees zu trinken.
»Willst du noch was?« fragte Lina.
»Wie bitte? … Nein danke, ich bin nicht mehr durstig.«
»Man muss doch nicht durstig sein, um Tee zu trinken«, sagte Lina mit verwundertem Unterton.
»Trotzdem, danke«, antwortete ich, mir meiner Einsilbigkeit mehr und mehr bewusst werdend. Lina schien das nicht entgangen zu sein.
»Ich find’s echt total schön, dass du da bist«, sagte sie.
Hastiger als zuvor zündete sie sich Zigarette Nummer neun an. Sie würde mir auch dann noch E-Mails schreiben und Bussis verteilen, wenn ich schon längst das Interesse an ihr verloren haben würde und soweit war es ja eigentlich schon gekommen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie negativ sich Kaffeetassen, Balkone, Einbauschränke, tote Vormieter, hilfsbereite Ex-Freunde und vor allem Marienkäfer auf den Lustfaktor auswirken konnten und lächelte gequält. Da drückte Lina ihre erst halb aufgerauchte Zigarette aus, rückte nah an mich heran, blickte mich herausfordernd an, nahm meine Hände und legte sie unvermittelt auf ihre Brüste.
»Deshalb bist du doch hier«, sagte sie mit einer Bestimmtheit, die mich erheblich an meiner Menschenkenntnis zweifeln ließ. Hitze stieg in mir auf, ich fühlte mich völlig überfordert. Ich versuchte mich auf meinen Schritt zu konzentrieren, aber es rührte sich nichts.
»Äh, tut mir leid, aber ich müsste mal kurz –«
»Geh nur«, sagte Lina erwartungsvoll. »Ich warte im Schlafzimmer auf dich. Die Tür hinten rechts. Kann man gar nicht verfehlen.«
Hastig sprang ich auf und legte die paar Meter ins Bad schneller zurück als nötig. Ich schloss von innen ab, atmete tief durch und blickte auf eine Klobrille in Gestalt eines Marienkäfers. Da konnte ich mich nie und nimmer draufsetzen. Wo war ich hier hingeraten? Der Gedanke, dass Lina sich nebenan auszog, ließ mich zusammenzucken. Ich spürte eine Trockenheit in meinem Mund, hielt ihn unter die Wasserleitung und erblickte von schräg unten einen ganzen Schwarm Marienkäfer auf dem Zahnputzbecher. Allesamt streckten sie ihre lüsternen Fühler nach mir aus und mir war, als wäre ich nicht mehr als ein Grashalm, den es hinaufzuklettern galt.
›So eine Gelegenheit, und du lässt sie dir von ein paar Kitsch-Insekten verleiden. Das kann doch nicht dein ernst sein!‹, dachte ich bei mir, da rief Lina aus dem Schlafzimmer: »Kommst du?«
Ich wartete nur noch auf ein ›Schaa-hatz‹ und antwortete dennoch: »Ja, gleich.«
Leise öffnete ich die Badezimmertür, schlich ohne einen Atemzug zu viel aus der Wohnung und schaltete noch im Treppenhaus mein Handy aus. Unten ließ ich die Haustür leise ins Schloss fallen, sprintete die zweihundert Meter bis zur Bushaltestelle und sah zu, dass ich nach Hause kam.
Am nächsten Tag schrieb ich Lina per E-Mail, dass ich mir im Genitalbereich wohl einige seltsame Hautflecken eingefangen hätte, die mir jedoch erst in ihrem Bad aufgefallen seien, was mir dann so peinlich gewesen wäre, dass ich Hals über Kopf aus ihrer Wohnung geflüchtet sei. Sie schrieb nicht mehr zurück und auch ich auch ließ jeglichen weiteren Annäherungsversuch bleiben. Ich hatte es vermasselt. Ich wollte nicht. Ich konnte nicht.
Kurz vor dem Schlafengehen entdecke ich einen Marienkäfer an der Fensterscheibe im Wohnzimmer, zwinge ihn mit einiger Mühe auf einen meiner Finger und befördere ihn mit einem sanften Atemhauch nach draußen. Marienkäfer zerquetscht man schließlich nicht wie Fliegen oder Mücken. Es sind doch nützliche, niedliche Tierchen.