»Das war’s schon für heute«, beendet mein Therapeut abrupt unsere erste Sitzung, sieht auf seine Armbanduhr, spielt ein wenig an deren blinkenden Rädchen herum und erwartet, dass ich mich nun aus dem Sessel erhebe, mit dem man so schön wippen kann, weil der hintere Teil der Sitzfläche praktisch frei über dem Boden schwebt. Ich habe mich direkt wohl gefühlt auf diesem bequemen Möbelstück, in dem großen Zimmer mit den hohen Erkerfenstern und dem dicken cremefarbenen Teppich auf dem alten Dielenboden. Wenn ich doch nur von dem Mann, der von nun an mein Vertrauter Nr. 1 sein will, weil er dafür Geld bekommt, einen genauso guten ersten Eindruck hätte. Zum Abschied reicht er mir die Hand auf eine Weise, dass ich annehmen muss, er wird sie sich waschen, sobald ich aus der Tür bin. Mit seiner schwarzen Bügelfaltenhose, der randlosen Brille und der akkuraten Frisur würde er ebenso einen guten Finanzberater abgeben, denke ich, aber hier geht es nicht darum, mein Geld in guten Händen zu wissen, sondern meine intimsten Gedanken, nicht um Sächliches, sondern um Ursächliches. Kein guter Anfang, wie ich finde.
»Dann erzählen sie mal«, beginnt er unsere nächste Sitzung. Ich gehorche und rede munter drauf los. Aus dem berühmten Nähkästchen plaudere ich, aber es scheint sich kein Faden zu finden, den mein Therapeut aufzunehmen und fachgerecht zu entwirren in der Lage wäre. »Ich fürchte, ihr Problem sitzt tiefer, als sie sich eingestehen.« Blödsinn! Ich gestehe alles, seit vierzig Minuten schon. Und derjenige, der sich hier fürchtet, bin ja wohl ich.

Es ist natürlich blöd, in Köln zu wohnen und sich über keine Brücke zu trauen, aber rechtsrheinisch gibt es ohnehin nicht viel zu sehen, nicht mal ein Kino haben sie dort, und mit der Bahn oder im Auto auf einer der inneren Fahrspuren, das schaffe ich schon noch ohne Herzrasen. Ich weiß nicht, wie und wann es mit meiner Gephyrophobie angefangen hat. Sie erscheint mir fast wie ein Geburtsfehler, so sehr in mir verankert, dass sie mir eigentlich – Haha! – keine große Angst mehr einjagt. Manchmal spielt sie mir sogar in die Karten, nicht die Angst als solche, aber die Tatsache ihrer Existenz. Erst vorigen Monat zum Beispiel, als ich Paula kennen lernte.
Nach meiner wöchentlichen Turntable-Session im Random kam Paula lobend auf mich zu: Prima aufgelegt hätte ich. Schon saßen wir für einen Absacker an der Theke, schnell wurden mehrere daraus. Sie trank Martini, ich Tequila, da habe ich es ihr erzählt, weil ich spürte, dass ich damit Eindruck auf sie machen würde.
»Echt? Du hast Angst über Brücken zu gehen? Das glaub ich jetzt nicht.«
»Ist längst nicht so beliebt wie Klaustrophobie oder Spinnenangst, aber dafür doch um einiges origineller.«
Paula rückte näher und bekundete auf einmal ein viel größeres Interesse an meiner Person als bei meinen vorangegangenen Ausführungen über die Philosophie des Plattendrehens.
»Und du fürchtest dich auf Brücken fast zu Tode? Erzähl! Ich finde das wahnsinnig spannend.«
»Na ja, das Schlimmste sind die Panikattacken.« Ich griff mir an den Hals und ächzte nach Luft, um es ihr zu demonstrieren. »Das Gefühl blanker Angst ist natürlich echt beschissen, aber wenn die körperlichen Symptome nicht wären, ginge es wohl noch.«
»Dabei machst du alles andere als einen ängstlichen Eindruck auf mich«, befand Paula, fischte die Zitronenscheibe aus ihrem Martini und biss mutig hinein.
Mit meinem Eingeständnis appellierte ich an ihre hilfsbereite Seite, an ihre Empathie, an ihre Weiblichkeit. In ihren Augen spiegelte sich meine Phobie als liebenswerter Makel wieder, als sympathische Schwachstelle. Ob ich mich nicht DJ Fear nennen wollte, hat sie vor der Tür noch gejuxt, dann wurde sie wieder ernst und meinte, ich solle es doch einmal mit einer Therapie versuchen, ihre gebe ihr richtig Auftrieb.
»Warum bist du in Therapie?« fragte ich.
»Och, dieses und jenes. Fängt bei meinen Eltern an und hört beim Prüfungsstress auf. Quasi mentale Generalüberholung.« Paula kicherte. »Jedenfalls gehe ich aus jeder Sitzung mit einer positiven Stimmung raus, angenehm entspannt und irgendwie befreit.«
Diesen Luxus sollte ich mir auch einmal gönnen, dachte ich, die Therapie als sportliche Disziplin, nur nicht so anstrengend, im Prinzip wie Segelfliegen oder Ballonfahren. Da Paulas Therapeut auf Monate hin ausgebucht war, schlug ich in den Gelben Seiten nach und landete prompt auf meinem Wippsessel.

»Ich werde das Gefühl nicht los, mein Therapeut sieht mich eher als Kunde denn als Patient. Kalt und berechnend wirkt er auf mich«, erkläre ich Paula, während wir Eis schleckend am Dom vorbeischlendern.
»Dann ist es auch nicht der Richtige«, meint sie.
»Bestimmt ist eine möglichst große emotionale Distanz zwischen Therapeut und Patient aus wissenschaftlicher Sicht durchaus zu empfehlen.«
»Dann dürfte meiner ein richtig mieser Seelendoktor sein«, lacht Paula.
»Ich bin wohl einfach zu skeptisch. Bestimmt spürt man die ersten Fortschritte erst nach Wochen oder Monaten.«
»Du willst wissen, ob du Fortschritte gemacht hast? Komm! Wir trauen uns was«, fordert Paula mich heraus und hüpft begeistert vorwärts.
»Auf keinen Fall. Vergiss es! Eher schwimm ich durch den Rhein.«
»Ach was! Auf der Hohenzollernbrücke ist der Fußweg breit. Du hakst dich einfach bei mir ein. Bitte, bitte, bitte!«
»Schon klar, wer sich seiner Angst nicht stellt, wird sie auch nicht überwinden«, nöle ich.
»Ich kann dir ja die Augen zubinden«, schlägt Paula vor und findet diese Vorstellung offenkundig verlockend.
»Vergiss es! Ich will meinem Feind direkt ins Auge sehen!«
Obwohl ich weiß, dass ich meinen Übermut hinterher bereuen werde, recke ich meine Faust in Richtung Hohenzollernbrücke, die in diesem Moment noch keine Gefahr darstellt, sie ist ja noch über 100 Meter entfernt. Ihren Anblick ertrage ich noch gelassen, wie ein Nichtschwimmer die Aussicht aufs Meer. Wäre ja auch noch schöner, wenn ich nicht mal eine Postkarte aus Venedig in den Händen halten könnte. Dann folgt der erste Schritt Richtung Geländer. Schlagartig bin ich auf ein einziges Gefühl reduziert: Furcht. Alles andere verdampft und verpufft. Schweißperlen drücken sich durch die Poren meiner Haut. Trotz des warmen Frühlingswetters friere ich und sage kein Wort mehr. Schöne Scheiße, ich wusste doch, was mich erwartet. Es kostet mich eine unmenschliche Kraft einen Fuß vor den anderen zu setzen, wie in einem Alptraum, in dem man wegzulaufen versucht, aber kein Stück vorwärts kommt. Paula schirmt mich mit ihrem Körper vor dem Abgrund ab und schiebt mich behutsam nach vorne.
»Siehst du, ist doch gar nicht so schlimm«, sagt sie in bemühter Stimmlage. Ich höre kaum zu, bin ganz mit mir selbst beschäftigt und beneide all die Passanten, die über die Brücke spazieren, als sei es die einfachste Sache der Welt. Wie sie lachen, herumhüpfen, sich dreist über das Geländer lehnen und von oben in den Rhein spucken. Ihr könnt mich jetzt kollektiv bloßstellen. Seht her! Eben noch Mann, jetzt ganz Memme! Erst zehn, fünfzehn Schritte sind wir gegangen, bin ich gekrochen, da legt sich ein festes Band um meinen Brustkorb, schnürt mir die Atemwege zu. Ein Zug rumpelt über die Brücke, ein Lastenkahn fährt unter ihr hindurch, alles bewegt sich, alles schwankt. Ich reiße mich von Paula los, fahre herum, streife ein Fahrrad, das ins Schliddern gerät. »Pass doch auf, Arschloch!« hallt es in meine Richtung, doch ich reagiere nicht. Die Domspitzen im Visier, hangele ich mich langsam am Mauerwerk zurück, Zentimeter um Zentimeter. Endlich ist es vorbei.
Erleichtert lasse ich mich auf eine der Stufen fallen, die vom Brückenaufgang hinunter zum Rhein führen. Erst jetzt bemerke ich den Schmerz im Handgelenk, das blau und geschwollen ist. Sichtlich enttäuscht hockt Paula sich neben mich.
»Alles in Ordnung?« fragt sie.
»Wie man’s nimmt«, erwidere ich und deute auf meine Hand. »Tut ganz schön weh.«
»Du solltest es röntgen lassen.«
»Ich schmier nachher Salbe drauf.«
»Es ist meine Schuld. Ich hätte dich nicht überreden sollen.«
»Ich hab’s dir ja gleich gesagt.«
»Aber ich dachte ... Wir können es ja in kleinen Schritten versuchen.«
»Kleinere Schritte als eben kann man wohl kaum machen.«
»Irgendwas muss man doch tun können.« Darauf habe ich nur gewartet. Das sagen sie alle, früher oder später.
»Helfersyndrom, was?«
»Jetzt werd bitte nicht unfair.« Paula spitzt ihre Lippen, wie um zu vermeiden, dass ihr eine böse Bemerkung aus dem Mund huscht.
»Mach dir nichts draus, es ist immer das Gleiche. Erst bin ich der begehrenswerte Exot, mit dem man sich schön schmücken kann, hinterher dann der bedauernswerte Krüppel, dem man nur noch Mitleid zollt.«
»Damit meinst du doch nicht etwa mich?«
»Unter anderem.«
»Du bist doch wohl ... ein hoffnungsloser Fall. Hilf dir doch selbst«, schnaubt Paula, steht auf und stapft davon.
»Ich brauch deine Hilfe nicht«, rufe ich ihr hinterher und weiß, dass ich ihr damit Unrecht tue, doch ich kann mir das erlauben, ich muss es mir sogar erlauben, denn sie hat mich nackt und entblößt gesehen, hilflos und wimmernd, hat jetzt ein neues Bild von mir im Kopf, das einer umgehenden Korrektur bedarf. Vielleicht war das der Anfang vom Ende, aber darüber kann ich nicht weiter nachdenken, wo mein Hirn wieder diese Fragen formuliert, die ich mir schon 1000-mal gestellt habe. Warum diese Phobie? Warum ausgerechnet Brücken? Über alle Unebenheiten und Stolpersteine des Lebens bin ich doch immer gut hinweggekommen, nur nicht über diese verdammten Brücken. Das mit Paula wird sich schon wieder einrenken. Mein Handgelenk hoffentlich auch.
Wenig später will ich die abwärts führende Rolltreppe zur U-Bahn betreten, da hechtet eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, auf mich zu, ganz bleich im Gesicht und eine Hand auf den Mund gepresst. Obwohl ich sofort zur Seite weiche, rempelt sie mich an und drückt mich ans Geländer. »Pass doch auf«, ärgere ich mich, aber sie läuft achtlos an mir vorbei, so wie ich vorhin an dem Radfahrer. In ihren Augen spiegelt sich Angst und Entsetzen, ich habe ein Auge dafür. Kurzerhand vergesse ich den Schmerz in meiner Hand und folge ihr wie aus einem Automatismus heraus. Nach Luft ringend entdecke sie auf dem Rand eines Blumenkübels aus Waschbeton sitzend, vor einem undefinierbaren Gestrüpp, das lustlos vor sich hin vegetiert. »Geht’s dir nicht gut?« frage ich das Mädchen, das eine viel zu enge Jeansjacke über einem bunt geringelten Wollpulli trägt. Ihre Antwort besteht aus einem Grunzen, tief unten aus der Kehle. Ich hocke mich vor sie, um in ihr Gesicht zu sehen, da greift sie in ihren Umhängebeutel, zieht ein Päckchen Tabletten hervor und drückt mit hastigen Bewegungen drei Stück durch die Alufolie direkt in den Mund.
»Geht gleich wieder«, jappst sie, »alles okay.« Sie schaut zu mir auf und sieht, dass ich ihr nicht glaube.
»Ich geh hier so schnell nicht mehr weg«, sage ich.
»Es war … Ein Penner hat mir vor die Füße gekotzt.« Ihre Mundwinkel beginnen zu zucken. »Erzähl! Was machst du so?«
»Was? Wo soll ich da anfangen?«
»Fang einfach an!«
»Na ja, ich arbeite in der Entwicklungsabteilung einer Softwarefirma. Und ab und zu lege ich im Random Platten auf: Funk, Soul, Oldschool, in der Richtung ... Das ist doch blöd.«
»Nein, red weiter.« Ein leichtes Aufstoßen hängt sich an ihre Worte dran, ihre Augen sind nass. Ich erzähle ihr die Geschichte mit Paula, berichte über das Brückenfiasko, die Karambolage mit dem Radfahrer und dass ich noch vor einer halben Stunde fast genauso verstört und erschrocken ausgesehen habe wie sie in diesem Moment.
»Du hast echt Angst vor Brücken? Ist ja verrückt.« Sie reibt sich mit den Händen über das schmale Gesicht und klemmt sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren.
»Das Bescheuerte ist: Mit der Seilbahn fahren macht mir so gut wie nichts aus, frei schwebend über dem Rhein in dreißig Meter Höhe. Die sollten mal über die Einführung eines Monatstickets und den Bau von Zweiganlegestellen nachdenken.« Der erste zaghafte Versuch eines Lächelns. Sie muss ein sehr hübsches Gesicht haben, wenn es erst mit Farbe gefüllt ist.
»Ich leide unter Emetophobie. Das heißt, ich habe schreckliche Angst davor mich zu übergeben. Und vor dem Erbrochenem anderer. Sogar im Film.«
Mir ist zwar nicht nach Lachen zumute, aber auf eine seltsame Art komisch ist das Ganze schon. »Und ich dachte immer, meine Brücken seien merkwürdig. Hast du Lust, was essen zu gehen?«
»Falsches Stichwort. Ich esse heut garantiert nichts mehr. Was nicht drin ist, kann auch nicht rauskommen.«
»So schlimm?«
»Das größte Problem ist, dass mir von der Angst, ich könnte mich übergeben, übel wird.«
»Klingt nach Teufelskreis«, sage ich.
»Ich bin Marie«, sagt sie.
Von nun an sind wir unzertrennlich. Ich weiß es.

»Was mir wirklich Angst macht, ist die Tatsache, dass ich nicht in der Lage bin, meine Angst Kraft meines Verstandes zu überwinden«, sage ich zu meinem Therapeuten, der ein neues Hemd trägt, wie die Knickfalten im Brustbereich verraten.
Ich wasche alle neue Sachen, bevor ich sie das erste Mal trage, das sollte man allein schon wegen der chemischen Imprägnierung tun, aber ich unterlasse jeden Kommentar, der darauf hindeutet, dass ich neben meiner Phobie noch einem Zwang unterlegen sein könnte.
»Die Ratio ist eine Seite, Ihr Unterbewusstsein die andere. Wir wollen hier nichts anderes tun, als die Sedimente abtragen, die eine tief vergrabene Kindheitserfahrung überlagern. Wären Sie bereit für eine Sitzung unter Hypnose?«
Ich bin mir nicht sicher, sage erst einmal nichts und blicke aus dem großen Erkerfenster des Altbaus hinüber in das Grün Stadtpark. »So eine Aussicht hätte ich zu Hause auch gern«, sage ich.
»Glauben sie mir, die Hypnose ist völlig ungefährlich.«
»Wenn’s denn sein muss.«
»Nichts muss sein. Sie müssen es wollen« sagt mein Therapeut.
»Okay, ich will«, sage ich und schließe auf Geheiß meine Augen. Das ist seine allerletzte Chance, denke ich, daran werde ich ihn und seine Honorarforderung messen, und indem ich so denke, weigere ich mich in Trance zu versinken.
»Was sehen Sie? Beschreiben Sie es!«
»Es ist Weihnachten. Ich habe eine elektrische Eisenbahn geschenkt bekommen. Vati und ich bauen sie noch Heiligabend im Wohnzimmer auf. Dazu gehören ein Tunnel und eine Brücke. Endlich können wir losfahren, aber auf der Brücke stoppt der Zug plötzlich, irgendetwas klemmt. Ich will ihn zum Weiterfahren bringen und fasse in die Schienen ... Es durchzuckt mich. Aua! Ein furchtbarer Schmerz. Ich werde zurückgeschleudert, lande mit dem Steiß auf einer Diesellok. Ich höre es krachen. Es tut so weh –«
»Herr Reimann. Sie dürfen jetzt aufwachen«, sagt mein Therapeut gelangweilt, doch ich bin noch in Fahrt und mime weiter den Traumatisierten.
»Ich kann mich nicht bewegen! Mir wird schwarz vor Augen –«
»Nun hören sie schon auf, Herr Reimann. Unter diesen Voraussetzungen ist es wohl das Beste, wenn wir die Therapie abbrechen. Wenn sie sich nicht helfen lassen wollen, bin auch ich überfordert.« Ich öffne meine Augen und blicke ein letztes Mal in das Gesicht, das an Mimik spart, als lohnten die Muskelbewegungen den Aufwand nicht. »Ich schicke ihnen die Rechnung. Die heutige Sitzung berechne ich ihnen nicht mehr.«
»Danke, das ist sehr großzügig von ihnen«, erwidere ich, nehme mein Jacke vom Haken, verlasse die Praxis und wähle mit dem Handy Maries Nummer. Die von Paula habe ich gelöscht.
»Melde gehorsam: Therapie beendet. Ich bin ungeheilt entlassen.«
»Was ist passiert?«
»Ich hab mich blöd aufgeführt. Aber ich konnte diesen Kerl von Anfang an nicht leide. Der erste Eindruck war’s. So wie bei dir, nur umgekehrt.«
»Na wenn psychische Wracks, die dich fast die Rolltreppe runterstoßen, einen guten ersten Eindruck bei dir hinterlassen, will ich nicht wissen, wer noch.«
»Ich sollte mal von einer Brücke in den Rhein kotzen und du dabei zusehen. Vielleicht wäre das heilsam für uns beide.«
»Sehr witzig.«
»Kann ich vorbeikommen?«
»Gerne.«
Marie ist gerade dabei, sämtliche Lebensmittel auf ihre Haltbarkeitsdaten hin zu überprüfen. Jede Woche macht sie das, mit dem Nebeneffekt, dass es in ihrer Küche ordentlicher aussieht als in einer Apotheke.
»Essiggurken kannst du ewig aufbewahren«, sage ich, um ihr die Arbeit zu erleichtern. »Honig übrigens auch.«
»Darum geht’s doch gar nicht. Mir reicht schon die bloße Vorstellung, dass etwas verdorben sein könnte«, antwortet sie, auf dem Boden kniend, mit dem Kopf fast im Kühlschrank steckend.
»Schon Pläne fürs Wochenende?« frage ich.
»Am Samstag ist unsere Abschlussparty. Aber ich werd wohl nicht hingehen. Freibier. Die Gefahr ist zu groß, dass früher oder später einer ... du weißt schon.«
»Und wenn ich dich begleite und ein bisschen aufpasse?«
»Ist aber drüben in Deutz.«
»Es gibt ja bestimmt auch noch andere Alternativen«, sage ich.
Es mag ignorant anmuten, aber es beruhigt mich irgendwie zu wissen, dass Marie viel schlimmer dran ist als ich. Ihre Angst ist allgegenwärtig, benötigt keinen speziellen Anlass, hat sich nicht nur in ihrem Bewusstsein, sondern auch in ihrem Körper eingenistet.
»Wenn ich dir einen Kosenamen geben müsste, würde ich dich meine Queen of Fear nennen«, bemerke ich.
Marie sieht mich an und lächelt. »Klingt schön«, sagt sie, »wie ein Song von Leonard Cohen.«

»Bitte nehmen Sie Platz, Herr ...« Der hagere Mann mit der hohen Stirn sieht auf seine Unterlagen. »Herr Reimann. Was kann ich für Sie tun?«
Der Sessel, auf dem ich Platz nehme, wippt kein bisschen und ist noch dazu sehr nachlässig gepolstert. Das Behandlungszimmer macht einen unaufgeräumten Eindruck, in einfachen Chromregalen herrscht ein heilloses Durcheinander aus Büchern, Faltblättern und Broschüren.
»Ich schlage mich schon seit ich denken kann mit Gephyrophobie herum. Ich war deswegen schon einmal in Behandlung, aber die hat nichts gebracht. Nun sind Sie mir empfohlen worden.«
»Das höre ich gerne. Darf ich fragen, von wem?«
»Marie Emonds«, sage ich und lasse die Katze früher aus dem Sack als geplant.
Ohne sichtbare Gefühlsregung erhebt sich der Mann von seinem Stuhl, reibt sich das Kinn und tritt an ein Fenster, das einen tristen Ausblick auf eine graue Behördenfassade bietet. »Es ist traurig, was passiert ist«, sagt er. »Sind Sie mit ihr befreundet?«
»Gesucht, gefunden, würde ich meinen. Und schon wieder verloren. Dabei hat sie so viel Hoffnung in Ihre Therapie gesetzt.«
»Weshalb sind sie hergekommen?« Maries Therapeut wirkt weder verunsichert noch verärgert. Mit einem Blick bin ich entwaffnet und fange an zu stammeln.
»Na ja, ich weiß es auch nicht ... Vielleicht wollte Ihnen Vorwürfe machen, einfach jemandem die Schuld geben, außer mir selbst. Vielleicht bin ich Marie in den letzten Wochen zu nahe gekommen. Näher als gut für sie war. Ich habe sie wohl überfordert.«
»Ich kann sie gut verstehen, Herr Reimann. Aber falls eine einzelne Person für Frau Emonds jetzigen Zustand verantwortlich ist, dann sind nicht Sie das.«
»Aber sie kennt doch gar nicht den Grund für ihre Angst.«
»Täuschen Sie sich da mal nicht. Mehr darf ich Ihnen leider nicht sagen.«
Ich schlucke.
»Ich darf sie nicht mal besuchen, weil ich nicht mit ihr verwandt bin. Erst in einigen Wochen, haben sie in der Klinik zu mir gesagt.«
»Frau Emonds ist dort in guten Händen. So ist es für alle das Beste.«
Das hoffe ich sehr. Marie hat einfach aufgehört zu funktionieren, als bräuchte sie einen langen Urlaub von sich selbst. Abends haben wir noch einen Film geschaut und eine Flasche Rotwein getrunken. Ihr Kopf ruhte auf meinem Schoß, sie wirkte entspannt und glücklich. Am nächsten Morgen ist sie aufgewacht mit Augen wie aus Glas und einem Teint wie aus Asche. Seitdem hat sie keinen Ton mehr gesagt. Die Angst, die Medikamente, die Zwänge, mein Gequatsche und die Ratschläge ihres Therapeuten, der sich nun anschickt, wieder zur Tagesordnung überzugehen – das war irgendwann zu viel für sie.
»Sie leiden nicht wirklich unter Brückenangst, oder?« unterbricht er meine Gedanken.
»Doch«, erwidere ich. »Aber ich brauche keine Therapie. Ich trainiere einfach jeden Tag. Immer ein Stückchen weiter. Die Klinik ist ja drüben auf der anderen Rheinseite. Und in ein paar Wochen lassen sie mich bestimmt zu ihr.«