Morgen werde ich Großes leisten. Ich werde jede verfügbare Minute zu nutzen wissen und endlich die Arbeit an meinem ersten Roman beenden. Ich werde das i-Tüpfelchen auf ein Projekt setzen, für das ich mir fast vier Jahre lang Zeit genommen habe. Die hat es auch benötigt, schließlich habe einen Job und kann meiner Berufung nicht so nachgehen, wie es mir gerade passt. Und so eine Geschichte muss sich ja auch entwickeln. Sie bekommt erst nach und nach das, was sie braucht: Schärfe, Spannung, Originalität. Sie ist wie eine Soße, die lange Zeit einkochen muss, um auf den gewünschten Geschmack reduziert zu werden. Aber das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Mir fehlt nur noch das letzte Kapitel. Eigentlich muss ich es nur noch tippen, reine Fleißarbeit, denn in meinem Kopf ist es schon seit Monaten so präsent, als sei ich selbst die Hauptperson in meinem Erstlingswerk.

7.30 Uhr. Was soll dieses nervtötende Piepen? Ich schlage blindlings auf den Wecker, wohl wissend, dass er in zehn Minuten erneut losposaunen wird. Ich drehe mich auf den Bauch und vergrabe meinen Kopf in das Kissen. Ich könnte gut und gerne noch zwei, drei Stunden weiterschlafen. Warum bin ich nur so müde?
Ich kenne das sonst nur von meiner Freundin, dass sie den Wecker so lange in 10-Minuten-Intervallen Alarm schlagen lässt, bis sie wirklich gezwungen ist aufzustehen. Warum sich derartig selbst quälen, habe ich mich immer gefragt. Heute kann ich diesem Ritual zum ersten Mal etwas Positives abgewinnen. Nach fünf Durchläufen rapple ich mich auf.
8.24 Uhr. Ich habe alles im Schnelldurchgang erledigt: Duschen, Föhnen, Anziehen, Frühstücken. Selbst auf das Lesen der Zeitung habe ich verzichtet. Okay, einen Blick auf die Schlagzeilen habe ich schon riskiert, auf den Sport zumindest: Wildwest am Bosporus. Die Türkei ist gegen die Schweiz im Relegationsspiel zur Fußball-WM ausgeschieden und erwies sich als schlechter Verlierer. Es hat Tumulte gegeben. Zum Glück keine stundenlange Hupkonzerte im Zeichen des Halbmondes. Ich kann eine leichte Schadenfreude nicht unterdrücken.
Draußen regnet es Bindfäden, gut so. Da komme ich erst gar nicht auf den Gedanken, vor die Tür zu wollen.
9.07 Uhr. Irgendwie geht die Uhr an meinem Rechner nach, jede Woche ca. drei Minuten. Kaum zu glauben, dass die Mechanik meiner Armbanduhr zuverlässiger ist als der Hightech in meinem PC. So was stört mich. Soll ich die Uhr nun vorstellen, damit sie in einer Woche richtig tickt?
Bevor ich Word aufrufe, schaue ich kurz noch mal bei betandwin.de vorbei: Mist, fünfzehn Euro weg! Ich hatte tatsächlich auf die Türkei gesetzt. Wer den Schaden hat … haha. Was soll’s, heute ist Schreibtag, da klinke ich mich ganz schnell wieder aus. Wobei: der HSV könnte auf Schalke durchaus für eine Überraschung gut sein.
9.56 Uhr. Er starrte unablässig auf seine Füße, seine Schuhe schienen ihm mit einem Mal viel zu groß geworden zu sein. Alle erwarteten von ihm, dass er nun eine Entscheidung traf, aber er konnte sich nicht entscheiden. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich in der letzten Nacht einfach aus dem Staub zu machen, aber das hätte nur noch mehr Probleme gegeben. Eigentlich wollte er überhaupt nicht, dass sich etwas veränderte ...
Es kann doch nicht sein, dass ich in einer Dreiviertelstunde nur vier Sätze zu Papier gebracht habe. Dazu noch zweimal ›eigentlich‹ – so eine unschöne Wortwiederholung darf einem eigentlich nicht passieren, schon gar nicht vor dem Hintergrund, dass ich überflüssige Füllwörter eigentlich ganz aus meinem Repertoire streichen wollte.
Meine Kehle ist staubtrocken, kein Wunder nach einem Marmeladentoast und vier Tassen Kaffee, gesund ist das nicht. Nicht dass ich noch krank werde, die Grippe ist wieder im Anmarsch. Erstmal einen O-Saft und eine Zinktablette. Seltsam, dass ausgerechnet ein eigentlich giftiges Schwermetall die körpereigenen Abwehrkräfte ankurbeln soll.
Wo sind die blöden Teile hin? Gestern waren sie noch da. Ich suche die ganze Wohnung ab, selbst Schränke, in denen die Pillen niemals sein können. Ein Haufen alter Briefe fällt mir in die Hände.
10.32 Uhr. Ich dachte, aus den alten Briefen eine nette Zusatzidee für das letzte Kapitel meines Romans ziehen, sozusagen etwas echt Authentisches darin einfließen lassen zu können. Schließlich stammen die Briefe aus einer Zeit, in der ich ungefähr genauso alt war wie mein Protagonist, gerade mal zwanzig. Stattdessen nur langweiliges Blabla. War mein Leben früher wirklich so uninteressant? An was kann ich mich erinnern? Das einzige, was mir spontan einfällt, ist meine erste Alkoholvergiftung. Es war natürlich an Karneval. Zwei frisch gebildete Pärchen und ich als fünftes Rad am Wagen, als Clown, den keiner wollte. Also habe ich eine Flasche Wodka missbraucht und bin dafür bestraft worden. Zwei Tage lang habe ich Blut gekotzt, der Arzt musste kommen. Heute würde mir das nicht mehr passieren.
Meine Bar könnte auch mal wieder upgedatet werden, eine halbvolle Flasche Smirnoff steht da seit über zwei Jahren. Gieße ich mir einen ein? Um diese Zeit? Alkohol soll ja nach neuesten Erkenntnissen das Kreativitätszentrum anregen. Britische Wissenschaftler haben das herausgefunden. Gibt es eigentlich irgendwas, das britische Wissenschaftler noch nicht herausgefunden haben?
12.15 Uhr. Es klingelt, ich öffne. ›POH-HOST!‹ schallt es durchs Treppenhaus, der Briefträger kommt auch immer später. Ich warte, bis das Klappern an den Briefschlitzen verstummt ist und hechte hinunter. Es stehen noch drei oder vier Juryentscheidungen von kleineren Literaturwettbewerben aus, da wird man ja wohl mal auf frohe Kunde hoffen dürfen. Nichts dergleichen, nur eine Rechnung, war ja klar. Meine Kfz-Versicherung ist schon wieder teurer geworden. Alles Abzocker! Ich werde meinen Autotyp gleich noch mal im Online-Tarifrechner durchspielen und sehen, ob das alles so seine Berechtigung hat. So viel Zeit muss sein.
13.50 Uhr. Mein Verdauungstrakt steht kurz vor der Rebellion, der Wodka war vielleicht doch keine so gute Idee. Im Tiefkühlfach befindet sich nur noch eine Spinatpizza, Salami wäre mir lieber. Haue ich eben ordentlich Tabasco drauf. Die Pizza braucht nur eine Viertelstunde, da lohnt es sich nicht, mich noch mal an den Schreibtisch zu setzen. Nachher bin ich wieder ganz in meine Geschichte eingetaucht und vergesse das Essen noch im Ofen.
Den letzten Bissen lasse ich auf dem Teller liegen. Meine Freundin würde sich darüber aufregen, aber es geht eben einfach nicht mehr, wo ich schon am vorletzten so schwer zu Schlucken gehabt habe. Mein Mund brennt vor Schärfe. Meinem Roman fehlt eigentlich auch noch die richtige Würze. Vielleicht sollte ich einiges streichen. Ich muss mich kurz mal ausstrecken.
15.03 Uhr: Scheiße, habe ich echt geschlafen? Muss wohl, denn ich hatte einen ›Anruf in Abwesenheit‹, wie mir das Display meines Telefons verrät. Nach einem weiteren Kaffee (um zum zweiten Mal wach zu werden), rufe ich zurück. Sven will wissen, ob ich ihm meine Bohrmaschine leihen kann. Es sei kaum zu glauben, aber niemand sonst aus seinem Bekanntenkreis habe eine.
»Gibt es denn heute keine richtigen Männer mehr?« sagt er.
»Du hast doch offensichtlich auch keine«, erwidere ich.
»Hatte ich aber mal. Mein Bruder hat die irgendwann zersemmelt, der Arsch … Aber was noch wichtiger ist: Kennst du eine Simone Braun?
»Nö, wer soll das sein?«
»Na ja, die ist ganz süß und meinte, sie hätte mit dir studiert.«
Die nächste halbe Stunde gehen wir dem Geheimnis von Simone Braun auf die Spur. Es bleibt auch eins, da Svens Beschreibung in mir so gar keine Assoziationen zu einer mir bekannten Ex-Kommilitonin weckt.
Simone Braun nervt. Ich kann mich zwar nicht an sie erinnern, aber jetzt spukt sie in meinem Kopf herum. In Gedanken auf der Suche nach der ›großen Unbekannten‹ – dabei ist Sven doch scharf auf sie.
16.59 Uhr. ... Das Hier und Jetzt war seine Welt und erforderte seine ganze Konzentration. Langfristige Ziele bedeuteten doch nur unnötigen Stress, ständigen Druck und permanentes Herumstochern in einer ohnehin ungewissen Zukunft. Maren würde im September nach Heidelberg gehen, so viel war sicher. Damit hatte sie ihn praktisch zum Abschuss freigegeben. Blöde Kuh – in seiner Vorstellung war er schon fast über sie hinweg. Pläne waren etwas für Spießer und Sicherheitsfanatiker, er aber wollte einfach nur in den Fluss des Lebens eintauchen und sich treiben lassen …
Endlich sitze ich wieder vor meinem Rechner. Der Roman, ja, ja, fast fertig, nur mit dem letzten Kapitel will es immer noch nicht so recht klappen. Zu viele Allgemeinplätze, zu viel Schwafelei, zu wenig Szene. Irgendwie fühle ich mich uninspiriert.
Umph, umph, umph, umph … mein neuer Nachbar hört gerne und viel Techno. Das nimmt mir jegliche Konzentration. Ich will mich dennoch nicht als Spießer zeigen – noch nicht – und gebe ihm noch ein, zwei Wochen, bevor ich oben auf der Matte stehen werde. Ich muss dieses seelenlose Gestampfe einfach übertönen. Ich schalte das Internetradio ein: die Red Hot Chili Peppers, schön. Hm, die müsste ich eigentlich auch noch auf Festplatte bannen, allein der Vollständigkeit meines Musikarchivs willen. Sind ja nur vier CDs.
Blöd, gleichzeitig Songs kopieren und in Word arbeiten überfordert den Prozessor. Ich bringe erstmal die Kopieraktion zu Ende.
18.20 Uhr. … Maren war eine Egoistin, dachte nur an sich, stellte die Aussicht auf eine finanziell gesicherte Zukunft über ihre Liebe. Sein Vater stellte indes nur Forderungen, weil er das von ihm erwartete, was er selbst nie geschafft hatte. Und seine Mutter stellte ihn immerfort als Träumer hin, der einfach nicht erwachsen werden wollte.
Je häufiger ich die Passage lese, desto weniger gefällt mir der stilistische Kniff mit dem ›stellte‹. Gut, das ist vielleicht Geschmackssache, aber was kommt inhaltlich rüber? Fehlt meinem Protagonisten nicht irgendwie die Leidenschaft, die Emotion?
Vielleicht sollte ich das Ende meines Romans doch noch mal gründlich überdenken. Jetzt, wo ich es fast schwarz auf weiß vor mir habe (zugegeben: 1.097 Zeichen sind noch nicht die Welt), scheint es mir doch, wie soll ich sagen, ein wenig plötzlich zu kommen, als hätte ich nicht akribisch genug darauf hingearbeitet. Ich darf jetzt nicht schludrig werden, nur weil die Zielflagge in Sichtweite kommt. Andererseits habe ich das Gefühl, das von mir gewählte Ende könnte am Ende ein wenig zu endgültig ausfallen. Ich meine, sollte ich mir im eigenen belletristischen Interesse nicht die Option auf einen Fortsetzungsroman offen halten, so ein bisschen à la Harry Potter.19.17 Uhr. Mein Virenprogramm empfiehlt mir eine vollständige Untersuchung des Computers. Das macht Sinn, man kann ja heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Nachher ist mein ganzes literarisches Werk einem heimtückischen Virus zum Opfer gefallen und all meine Zukunftshoffnung dahin. Widerliche Viecher! Während der Rechner gecheckt wird, sollte man keine anderen Programme ausführen. Nun gut, ein halbes Stündchen schöpferische Pause kann ich mir ruhig gönnen.
20.04 Uhr. Ich blättere in der Fernsehzeitung. Nein! Ausgerechnet heute kommt die letzte Folge der dritten Staffel von Akte X. Wie konnte ich das vergessen? Ich würde es mir nie verzeihen, Fox Mulder und Dana Scully in ihrem vorerst finalen Fall nicht gesehen zu haben.
21.20 Uhr. Wieder kein befriedigendes Ende bei Akte X, im Gegenteil: Es wurden haufenweise neue Fragen aufgeworfen, es bleibt noch mehr im Unklaren als vorher. Auf der anderen Seite: So wird Spannung erzeugt. Eine Art Cliffhanger-Effekt von Kapitel zu Kapitel, das könnte auch meinem Roman gut tun. Von wegen ›Ende gut, alles gut!‹
22.05 Uhr. Ich lösche den gerade geschriebenen Absatz wieder. Ich fange an mich zu wiederholen. Ich darf den Leser nicht für blöd halten, ihm nicht das Essen vorkauen, muss ihm Raum lassen für eine Phantasie.
Es macht Pling! Eine E-Mail von Holger, von dem habe ich ja ewig nichts mehr gehört. Ich antworte ihm am besten sofort, sonst verpenne ich das wieder und beschwere mich hinterher, dass sich meine alten Kumpels nicht mehr bei mir melden. Nett, dass er sich nach meiner Schreiberei fragt. Ich bringe ihn direkt mal auf den neusten Stand, was mein Romanprojekt angeht.
Es ist mir ein Rätsel, warum ausgerechnet die 3, das Plus-Zeichen und das Q die schmutzigsten Tasten auf meiner Tastatur sind. Ich geh mal mit Spucke drüber. Ups, ›qqqqwwwrrrrrttttpppppppsssyyyyy‹ steht da jetzt. Nicht so gedankenlos, bitte! Konzentrier dich, du Idiot!
22.54 Uhr. Ich habe mich nicht an meine Anweisungen gehalten. Ich lalle ja inzwischen quasi beim Tippen, so geht das nicht. Habe ich echt eine ganze Flasche Rotwein getrunken? Ich gähne, lehne mich zurück, meine Augenlider klappen runter.
Im Dämmerzustand frage ich mich, ob der Titel meines Romans überhaupt der passende ist. Vielleicht sollte ich noch mal ganz von vorn anfangen. Aber nicht mehr heute.
Das Wesen der Ablenkung ist doch eigentlich ein Scheißtitel. Klingt irgendwie nach Physikbuch.