Auch wenn Judith nicht eben die ausschweifendste Party geplant hatte, als sie zu Silvester 2000 einlud, hatte sie sich doch mehr versprochen als die definitive Zusage von nur neun Personen, von denen sie die meisten nicht mal besonders gut kannte. Dennoch lächelte sie bei den Vorbereitungen, grundlos mochte man meinen, aber sie versuchte eben immer, das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen.
Schon gegen Mittag hatte sie das einzige elegante Kleid übergezogen, das sie besaß, aber es zwickte auf der Haut und schien ihr immer unpassender, je länger sie sich darin betrachtete. Mit einem leisen Seufzer hing sie es zurück in den Schrank. Den bunt gestreiften Pulli, den sie jetzt anhatte, trug sie ja wirklich oft, aber es war ihr Lieblingspulli und infolgedessen auch für bedeutende Anlässe das passende Kleidungsstück. Basta!
Die kleine Dachterrasse, die zu Judiths Wohnung gehörte, und von der aus man fast die ganze Stadt überblicken konnte, bis hinüber zum Dom, wenn man ganz nach rechts trat, sollte ihr Glückspfand an diesem Abend sein. Alle würden sich an dem grandiosen Ausblick auf das zu erwartende, gigantische Millenniumsfeuerwerk erfreuen wollen, doch die Konkurrenzveranstaltungen an diesem Abend waren wohl einfach zu zahlreich. Den Werbetrommeln der großen Diskotheken und Festsäle, ja selbst den Aufrufen der Dreier- und Vierer-WGs hatte sie nur wenig entgegenzusetzen. Ungewöhnlich heftig und mit einer leisen Wut im Bauch schrubbte Judith die Möhren ab, bis sie sich selbst dabei ertappte. Kein gutes Zeichen! Sie trat auf die Terrasse, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und atmete tief durch. Schon beim Zuschneiden der Zucchini vollführten ihre Hände wieder beinahe zärtliche Bewegungen. Sie summte leise eine Melodie und freute sich auf den krönenden Abschluss eines ganzen Jahrtausends.
Henrik trudelte als Erster ein, damit war zu rechnen gewesen. Er war immer der Erste, wenn es darum ging, sich irgendwo den Bauch voll schlagen zu können, ohne dafür zahlen zu müssen. Das Image eines Schmarotzers, das ihm anhaftete, schien ihn erstaunlich wenig zu kümmern. Die Schlacht ums Büffet sei ein ehrlicher Wettstreit, pflegte er zu sagen. Wer um zwanzig Uhr einlädt, hat – keine Diskussion! – auch rechtzeitig auf hungrige Gäste eingestellt zu sein. Das war Judith zweifelsohne, aber als sie Henrik eine Zeitlang über den kleinen Schälchen mit Gemüse, Kräckern und Dips grübeln sah, vertröstete sie ihn auf den Hauptgang. Doch erst der Blick in den Kühlschrank beruhigte ihn. Judith fühlte sich ein wenig unbehaglich, allein mit Henrik auf die anderen wartend, so nahe standen sie sich auch wieder nicht. Er, der im siebzehnten Semester Biologie studierte und seine Abschlussprüfung nunmehr seit über zwei Jahren erfolgreich vor sich her schob, langte auch deshalb immer so kräftig zu, um seinem Körper so viel Verbrennungsenergie zuzuführen, dass er die Heizung auch an kalten Wintertagen auf ein Minimum herunterdrehen konnte. Das spare eine Menge Geld, betonte er immer wieder, auch wenn er dafür bestenfalls verdrehte Augen und Kopfschütteln erntete. Zwar hatte Judith so eine einleuchtende Erklärung, warum Henriks Körperfülle niemals mit seinem außerordentlichen Appetit Schritt hielt, aber in ihre Vorstellung eines neuen, aufregenden Jahrtausends passte er nur schwerlich hinein.
Nun hockte Henrik schon minutenlang vor Judiths CD-Regal, scannte sorgfältig Reihe für Reihe, Cover für Cover. Alle paar Sekunden fasste er eine Hülle mit den Fingerspitzen, zog sie langsam heraus und bedachte sie mit einem abfälligen ›Uuhhh!‹. Nachdem er sie schnell wieder zurückgeschoben hatte, wischte er sich jedes Mal die Hand an seiner Jeans ab.
»Punk hast du wohl nicht?« fragte er.
Judith war nicht nach Antworten zumute. Sie dachte an ihre beste Freundin Simone und hoffte, dass sie wenigstens zu später Stunde doch noch vorbeischauen würde, um mit ihr auf das neue Jahrtausend anzustoßen. Simones jüngste Eroberung, ein Traum von einem Mann, wie sie ihn überschwänglich titulierte, war an jenem Abend selbst in die Gastgeberrolle geschlüpft.
»Er verlässt sich auf mich. Ich kann ihn doch nicht im Stich lassen. Es tut mir ehrlich, ehrlich Leid. Total Leid quasi«, jammerte Simone. »Aber du hast ja wohl Verständnis für die Umstände. Hast du doch, oder?« Während Judith noch ihre Gedanken sortierte, um ihre aufrichtige Meinung kundtun zu können, fuhr Simone fort: »Fein! Der Jahrtausendwechsel wird ohnehin unnötig hochstilisiert. Man darf nicht allzu viel auf solche Daten geben.«
»Dann ist es doch auch egal, wo du feierst«, warf Judith ein.
Simone ignorierte ihre Äußerung. »Die Zeitrechnung ist ohnehin nicht ganz korrekt«, sagte sie. »Jesus ist nämlich de facto einige Jahre später geboren worden, als man die ganze Zeit angenommen hat. Das ist zweifelsfrei bewiesen. Wirklich!«
Ob sie denn dann Silvester 2000 in drei, vier Jahren mit ihr nachfeiern wollte, fragte Judith ihre beste Freundin im Scherz.
Das sei ja wohl nicht ihr Ernst, erwiderte Simone.
Gegen zehn zählte Judith zwei Gäste. Britta hatte ohne schlüssige Begründung per SMS abgesagt, Klaus sich angeblich den Magen verdorben und Meike und Jo von Sven, der noch gekommen war, ausrichten lassen, dass sich überraschend Verwandtschaft aus Stuttgart bei ihnen eingefunden hätte.
»Dann sollen sie sie doch mitbringen«, schlug Judith vor.
Sven fuhr mit der Hand dazwischen, als sie zum Telefon greifen wollte.
»Iss nich!« sagte er, »die Schwaben wollen Action. Die sind längst weg auf ne Riesenparty auf irgendeinem Kahn. Abendgarderobe erwünscht, Buffet vom Feinsten, achtzig Märker Eintritt. Ich wär mir ja zu schade für so was!«
Sven wirkte wie immer ein wenig ungepflegt, was er absichtlich zu kultivieren schien: Dreitagebart, zottelige Haare, Hemd über der Hose und ausgelatschte Chucks. Obwohl er nie einen so ungezügelten Appetit wie Henrik an den Tag legte, tat man ihm mit der Bezeichnung vollschlank noch einen Gefallen. Wie Judith studierte er Medizin, aber während sie im Frühjahr ihr Praktisches Jahr beginnen würde, quälte er sich immer noch durch die Theorie.
›Na toll‹, sinnierte Judith, als sie den Sekt kaltstellte, den Sven mitgebracht hatte (einen billigen Süßen noch dazu), ›jetzt sitz ich hier mit zwei Männern, die außer Essen, Trinken und Musikhören kaum was auf die Reihe kriegen. Das neue Jahrtausend klopft an die Tür und irgendjemand hat von außen abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen.‹
»Hast du was gesagt?« drang es vom Tisch, wo Henrik und Sven zusammengluckten wie zwei geheimniskrämerische Teenager.
»Nö«, seufzte Judith.
Die Tatsache, dass keinem der beiden irgendeine Unmutsäußerung über Größe, Qualität und Unterhaltungswert ihrer Party über die Lippen ging, beruhigte sie genauso wie es sie wunderte. Als sei ihre Feier so etwas wie The Best of the Rest, eine Art Notzusammenkunft derer, die weder für den heutigen Abend noch für das Leben als solches irgendwelche großartigen Pläne hatten.
Kurz vor elf kam noch das Pärchen. Mit ihm, Ludger, hatte Judith mal etwas gehabt, vor Urzeiten schon, wobei es im Grunde genommen nie eine richtige Beziehung gewesen war. Techtelmechtel wäre fast schon zu hoch gegriffen für die paar Knutschereien und wenigen gemeinsamen Nächte, in denen Judith nicht mal in die Nähe sexueller Erfüllung gelangt war. Auch bei Ludger hatte es erst nach einigen Anlaufschwierigkeiten funktioniert, wobei dieser Moment gleichzeitig das Ende bedeutet hatte. Nicht weil Ludger endlich gekommen war, sondern weil Judith sich plötzlich aufgesetzt hatte.
»Ich weiß nicht«, sagte sie kopfschüttelnd.
Da Ludger es auch nicht wusste, beendeten sie das Ganze, beschlossen aber Freunde zu bleiben. Wenigstens waren sie jetzt immer noch gute Bekannte, die sich alle paar Monate über den Weg liefen und sich per SMS jedes Jahr artig zum Geburtstag gratulierten.
Mittlerweile war Ludger bereits seit über zwei Jahren mit Lisa zusammen, die in erster Linie und auch auf den zweiten Blick durch nichts anderes als ihre strenge, schwarz gerahmte Brille auffiel. Sie hatte außer einem kurzen Hallo noch kein Wort gesagt und war gerade damit beschäftigt, ihrem Freund ein paar Flusen vom Pullover zu pulen.
Nun waren sie anscheinend vollzählig, wobei Judith insgeheim hoffte, den Türöffner doch noch einmal betätigen zu müssen, schließlich hatte sie je ein Kilo Rind, Schwein und Hähnchen für das Fondue eingekauft, dazu Fladenbrot, Sekt, Bier, Orangensaft und Wasser. Essen und Trinken also für rund ein Dutzend Gäste, die nicht da waren. Sie hatte sich das alles ganz anders vorgestellt und lächelte trotzdem wacker dem neuen Jahrtausend entgegen.
»Dann wollen wir mal«, sagte sie aufmunternd in die Runde, zündete die Tischfeuer für das Fondue an und goss jedem ein Glas Sekt ein.
»Für mich keine Blubberbrause, ich bleib beim Hopfentee«, witzelte Sven, hob seine Bierflasche und kratzte sich am Hals.
»Für mich bitte nur halbvoll. Sekt vertrag ich nicht so gut«, meinte Lisa, während Ludger ihr den Kopf tätschelte.
Sie stießen an.
»Du hast mir nicht in die Augen gesehen. Das gibt sieben Jahre schlechten Sex«, sagte Henrik zu Lisa.
Die hob ihr Glas noch einmal, setzte den abschätzigsten Blick auf, den sie hinter ihrer Brille zu formen wusste, und ließ ihn besonders lange auf Henrik haften.
»Na also, geht doch«, sagte er, ohne Lisas Missfallen wahrzunehmen. Dann schlug er sich auf die Stirn. »Ich bin ja so blöd. Ich hätte ein paar CDs mitbringen sollen. Ich könnte noch eben –«
»Nun lass doch«, fuhr Sven dazwischen, »Madonna ist doch okay.«
»Hat die nicht diesen britischen Regisseur geheiratet?« fragte Judith, um die Konversation in eine neue Richtung zu lenken.
Alle überlegten kurz, niemand antwortete. Sie schwiegen eine ganze Weile. Judith war mit einer Haarlocke, Sven mit dem Etikett seiner Bierflasche, Henrik mit seinem Fonduebesteck, Ludger mit Lisas Haar und Lisa mit Ludgers Hand beschäftigt.
»Ich geh mal eben für kleine Kampfhunde«, sagte Sven.
Er erhob sich ungelenk von seinem Stuhl und verfing sich prompt in der Tischdecke, woraufhin der Fonduetopf das Gleichgewicht verlor. Unsichtbare Spiritusschlieren ergossen sich über das Tischtuch, Flammen züngelten plötzlich unkontrolliert in alle Richtungen. Alle sprangen vom Tisch auf. »Tut doch was!« rief Ludger.
»Scheiße!« stammelte Sven. »Fuck!«
Lisa quiekte und rannte ins Bad. Henrik goss die noch halbvolle Flasche Sekt über die Flammen. Judith machte geistesgegenwärtig ein paar Handtücher nass und warf sie auf den Tisch. Der Brand erstickte.
»Ich seh mal nach Lisa,« sagte Ludger.
»Das schöne Essen!« rief Henrik.
»Noch mal Glück gehabt«, seufzte Judith, ließ sich auf einen Stuhl fallen und rang sich ein angestrengtes Lächeln ab.
Ludger kam aus dem Bad. »Lisa hat sich die Hand verbrannt. Das war’s wohl mit Silvester.«
»Ist es schlimm? Soll ich mal nachsehen? Ich hab vielleicht noch Salbe«, sagte Judith, aber da waren beide schon fast aus der Tür.
Während Ludger sich wenigstens noch zu einem lieblosen ›Tschüs‹ hinreißen ließ, schnaubte Lisa nur in Judiths Richtung. Nachdem die Wohnungstür zugefallen war, verharrte Judith eine ganze Weile mit der Klinke in der Hand und stellte ihr Leben in Frage.
Inzwischen hatten Henrik und Sven das angebrannte Tischtuch auf den Boden geworfen und saßen da, als sei nicht das Geringste passiert. Sie tranken Bier, aßen Salzstangen und rauchten einen Joint – ›zur Beruhigung‹, wie Sven meinte.
Weil Judith sich immer noch verantwortlich für das Wohl ihrer Gäste fühlte, versuchte sie in das Gespräch der beiden einzusteigen. Sie redeten darüber, ob Schwarzfahren im Kölner U-Bahnnetz eine lohnende Alternative sei, wenn man davon ausginge, höchstens zweimal im Jahr erwischt zu werden, über Borussia Mönchengladbachs Wintereinkäufe und über die neue CD einer Band, deren Namen so lang war wie der Titel einer Doktorarbeit in Medizin. Als Sven schließlich fragte, ob Henrik es als Biologe für möglich hielte, blaue oder grüne oder ›meinetwegen auch violette‹ Goldfische zu züchten, und ob sich – falls ja – diese dann überhaupt noch so schimpfen dürften, wobei das mit dem Gold ja eigentlich schon ein etymologisches Täuschungsmanöver sei, zog Judith sich kurzerhand ihre Jacke über, ging auf die Dachterrasse und blickte in den Himmel. Es stieg bereits die eine oder andere Rakete auf, abgefeuert von denjenigen, die fürchteten, das eigene Feuerwerk könnte zur Stunde Null in der Gesamtheit aller Knall- und Leuchtkörper verblassen oder gar untergehen. Judith konnte die bis zum Bersten aufgeblähte Spannung über der Stadt förmlich riechen, nur sie fühlte sich ausgesaugt, leer gepumpt, eingefallen, fehl am Platze, was auch immer. In ihren Augen sammelten sich Tränen.
Als sie wieder in die Küche zurückkam, war Sven über dem Tisch eingeschlafen. Henrik zog sich derweil Mantel und Mütze über und blickte auf seine Uhr.
»Bin mal eben Mucke holen«, sagte er. »35 Minuten bis Mitternacht. Schaff ich locker. Pass auf, dass der Dicke nicht vom Stuhl fällt.«
»Ja, ja«, bemerkte Judith, goss sich Sekt in ein Bierglas, gab einen Schuss Genever dazu und setzte zu einem befreienden Schluck an. Sie hatte noch nie zu einem Glas geredet, nun tat sie es: »Gleich ist es da, das neue Jahrtausend. Seit ich denken kann, hat man darüber spekuliert und sich die tollsten Zukunftsvisionen ausgemalt. Soll ich dir sagen, wie es in Wahrheit ist? Ich bin allein auf meiner eigenen Party, abgesehen von dem Schnarchsack dahinten. Meine besten Freunde feiern woanders und langsam frage ich mich, ob ich überhaupt welche habe. Na ja, wenigstens wir haben wir uns noch, du und ich. Machen wir das Beste draus.«
Judith prostete mit ihrem Sektglas in den leeren Raum. Diner for One kam ihr in den Sinn, sie als Miss Sophie. So weit war es also schon gekommen, dabei war sie vor zwei Monaten erst 27 geworden. Eine quakende Melodie riss sie aus ihren traurigen Gedanken, ein Handyklingelton wie ein übermütiges Kinderlied. Das Läuten kroch aus Svens Jacke, der völlig weggetreten mit dem Kopf auf der Tischplatte lag und knurrte. Als das Klingeln nicht nachließ, ging Judith ran.
»Sven?« fragte eine männliche Stimme.
»Der schläft schon. Hier ist Judith.«
»Was heißt, er schläft schon? Geht’s ihm nicht gut?«
»Muss wohl an dem Joint liegen.«
»War ja klar. Mein eigener Bruder verpennt Silvester. Wo seid ihr denn?«
»Bei mir.«
»Geht’s auch etwas genauer?«
»Ich weiß nicht, was Sven dir erzählt hat, aber hier steigt nicht gerade ne Riesenparty. Genau genommen sind wir nur noch zu zweit.«
»Oh, dann will ich mal lieber nicht stören –«
»Nein, so ist es nicht. Es ist nur ... es hat einen kleinen Unfall gegeben.«
»Unfall? Ich versteh dich so – Seid doch mal eine Sekunde ruhig! – Hallo? Was für ein Unfall?«
Judith hatte weder gewusst, dass Sven einen Bruder hatte, noch dass die beiden sich für Mitternacht verabredet hatten. Damit wenigstens einer mit ihr anstoßen würde, und wenn es nur Svens Abziehbild sein würde, fasste sie sich ein Herz und rief ins Telefon:
»Judith HAMACHER, Luisenstraße ACHTZEHN! Nur noch zwanzig Minuten!«
Am anderen Ende der Leitung tutete es nur noch.
Um fünf vor zwölf klingelte es an der Haustür. Insgeheim hoffte Judith, dass es der Anrufer von vorhin war, der nicht unsympathisch klang, und nicht Henrik mit seinen Krawall-CDs. Sie rieb sich kurz die Hände an den Schenkeln und öffnete. Vor ihr stand ein rundlicher Mann in einer grünen Uniform.
»Frau Hamacher? Es tut mir leid, aber wir haben eine Beschwerde aus der Nachbarschaft erhalten.«
Judith schaute ungläubig. »Aber das kann doch nicht sein. Ich meine, die Musik ist ganz leise. Und wir haben doch Silvester.«
Der Polizist rückte seine Mütze zurecht. »Es geht nicht um Ruhestörung, Frau Hamacher. Es geht um Betäubungsmittel. Um Marihuana, um genau zu sein.«
Während draußen das Feuerwerk losging, sah sich der Polizist in Judiths Wohnzimmer um. Er trat in klebrige Sektreste, entdeckte das Knäuel nasser Handtücher auf dem Boden, blickte auf die verbrannte Tischplatte und sah dort das Tütchen mit dem Gras liegen.
»Mann, hier wurde aber wild gefeiert. Ihr habt es ja nicht mal bis Mitternacht ausgehalten«, lachte er höhnisch.
Er steckte das Plastiktütchen ein und fischte sogar den Jointstummel aus dem Aschenbecher. Mit einer wegwerfenden Handbewegung verzichtete er darauf, Sven aufzuwecken, nahm Judith aber ins Gebet.
»Weil heute Silvester ist, und ich auch noch was vom Rest der Nacht haben will, belasse ich es bei einer Ermahnung. Frohes neues Jahr!«
»Ihnen auch«, murmelte Judith und brachte den Polizisten zur Tür. Dann ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schluchzte so lange in ihr Kopfkissen, bis sie irgendwann einschlief. Am nächsten Morgen kam es ihr vor, als sei sie aus einem bösen Traum erwacht.
Heute arbeitet Judith als Chefärztin in der Inneren der Uniklinik. Sie ist glücklich verheiratet und im vierten Monat schwanger. Kontakt zu einem ihrer Silvestergäste hat sie schon lange nicht mehr. Die Story von ihrem persönlichen Jahrtausendwechsel aber ist auf jeder Party ein echter Knaller.