Der Tag im Sender war schrecklich gewesen, Barbara fühlte sich elend. Ihre Radioshow Crime Stories stand kurz vor dem Aus. Es lag nicht an ihr, es ereigneten sich einfach zu wenig Verbrechen in dieser Stadt. Ein Überfall auf einen Kiosk am 8. Mai war noch das Highlight der letzten drei Monate. Der Täter hatte den Kioskbesitzer mit einer Flasche Lambrusco niedergeschlagen und sich die Tageseinnahmen gegriffen. Dann war er in einen Linienbus gestiegen und – so dämlich musste man erstmal sein – auf seinem Platz eingeschlafen. Von der rot befleckten Kleidung des Täters alarmiert, verständigte der Busfahrer unbemerkt die Polizei, woraufhin zwei Beamte den völlig verstörten Mann an der Endhaltestelle schließlich in Gewahrsam nahmen. Crime Stories war doch keine Witzsendung, sondern knallharter Journalismus mit durchaus erwünschtem Gänsehauteffekt. Barbaras Altstimme und ihre lakonische Vortragsweise trugen ihr Übriges dazu bei.
Was bis dato hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde, sprach ihr Chefredakteur am Nachmittag offen aus: »Wir wollen mal was Neues ausprobieren: eine Sendung über bewegende Tierschicksale, vermisste Kätzchen, verhungerte Papageien und so. Ich denke, Tim ist der richtige Mann dafür.«
Barbara lachte ungläubig und kratzte sich am Nacken.
»Du könntest den Platz vor dem Mikrofon ja wieder mit einer Tätigkeit hinter den Kulissen tauschen, so wie früher. An mir soll’s nicht liegen«, sagte ihr Redakteur mit einer jovialen Geste.
Barbara schluckte und zupfte sich ihre Bluse zurecht. »Benno, das ist ein Fehler, ein ganz großer Fehler. Glaub mir!«
»Ach was, Barbara! Das wird schon.«
Statt des erhofften Karrieresprungs eine Degradierung zur besseren Praktikantin. Barbara wurde augenblicklich schwarz vor Augen, als sie spätabends das Redaktionsbüro verlies. Bis dahin war es ihr noch gelungen, halbwegs gute Mine zum bösen Spiel zu machen. Ausgerechnet Tim Strobel, dieser ölige Sunnyboy, sollte mit seinen nicht mal 25 Jahren ihren Platz einnehmen. Mit zitternden Mundwinkeln hockte sich hinter das Steuer ihres Wagens. Dort blieb sie eine ganze Weile sitzen, fluchte leise vor sich hin und kaute unablässig an ihren Fingernägeln. Plötzlich verspürte sie einen riesigen Hunger – Frusthunger. Die Uhr zeigte bereits halb elf. Barbara würde so viel in sich hineinschaufeln, wie es niemand einer 49-Kilo-Frau zutrauen würde. Von wegen Essstörung, ihre Kollegen hatten ja keine Ahnung! Sie startete den Motor, drehte eine wütende Extrarunde auf dem Parkplatz und raste in Richtung Innenstadt davon. Als sie auf halber Strecke rechterhand den Schriftzug Pizza Palace las, trat sie ruckartig auf die Bremse und stellte ihren Wagen am Straßenrand ab.
Von Palast konnte natürlich nicht die Rede sein. Der Raum wirkte selbst für einen Schnellimbiss lieblos und kalt. Helles Neonlicht lag über blaugrünen Kacheln, die Stehtische aus Plastik waren wackelig und vergilbt. Ein untersetzter Kerl mit blutunterlaufenen Augen wedelte aufreizend mit einem Schlüsselbund.
»Ich wollte gerade zumachen«, maulte er.
»Und ich will eine Prosciutto. Die Tür war noch offen. Pech gehabt!« erwiderte Barbara.
Ein einfacher Angestellter hatte einer verdienten Radiomoderatorin gefälligst zu Diensten zu sein, erst recht in ihrer angespannten Lage.
»Ja, ja, Lady. Schon gut«, murmelte der Mann.
Er manschte hastig irgendwas zusammen und schob es in den Ofen. Barbara fühlte sich ein klein wenig besser. Es tat ihr gut, in diesem Moment etwas fordern zu können, und wenn es nur eine ordinäre Mahlzeit war. Tim Strobel sollten sie ihretwegen zerhacken, zerteilen und zu Pizzabelag verarbeiten, dachte sie, da kam ihre Prosciutto auch schon, verdächtig schnell, äußerst schlaff und noch bevor sie ihre Zigarette zu Ende geraucht hatte. Barbara biss hinein, als hätte sie seit Wochen nichts gegessen. Sogleich breitete sich ein fauliger Geschmack in ihrem Mund aus. Erst spürte sie Ekel in sich aufsteigen, dann kaum verdaute Pizza. Mit vorgehaltener Hand stolperte sie auf die Toilette und übergab sich.
»Das hast du jetzt davon, arrogante Kuh«, vernahm sie zwischen zwei Würgeanfällen leise aus dem Gastraum.
Hatte sie sich heute ohnehin schon gedemütigt gefühlt wie noch nie in ihrem Leben, brachen sich nun Wut und Hass auf alles und jeden ihren Bann. Die ganze Welt hatte sich gegen sie verschworen und irgendwer würde dafür bezahlen müssen.
»Das macht vier Euro für die Prosciutto. Von der Sauerei will ich gar nicht reden«, sagte der Pizzabäcker, als Barbara mit rotem Kopf und glänzenden Augen wieder vom WC kam.
»Gar nichts zahle ich, Sie mieses, kleines Etwas!« fauchte sie ihn an. »Was haben Sie mit der Pizza gemacht?«
Hämisch grinsend baute sich der Mann vor ihr auf. ›Geld her!‹ verrieten seine Augen, während er Daumen und Zeigefinger aneinander rieb. Er war selbst jetzt noch kleiner als Barbara, eine unverschämte halbe Portion mit Nichts im Hirn – das waren die Schlimmsten. Aus einer Art Automatismus heraus wühlte Barbara in ihrer Handtasche, ertastete ihr Portemonnaie und ließ es wieder los. Plötzlich umfassten ihre Finger eine Nagelfeile. Ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte, hielt sie diese dem Pizzabäcker drohend vor das Gesicht. Lächerlich kam sie sich vor und noch lächerlicher machte sie das Grunzen des Mannes gegenüber.
»Oh, jetzt hab ich aber Angst!« sagte er und griff nach Barbaras Hand, die daraufhin eine kraftvolle Bewegung vollführte.
Plötzlich steckte die Nagelfeile tief im Hals des Pizzabäckers. Der Mann röchelte, taumelte rückwärts gegen die Wand und fiel zu Boden. ›Schlampe!‹ krächzte er und wand sich vor Schmerzen. Mit der einen Hand fasste er sich an den Hals, mit der anderen packte er Barbaras Knöchel. Die entzog sich der Umklammerung, griff hinter sich und bekam ein Messer zu fassen. Sie betrachtete die blitzende Klinge einen winzigen Moment lang. Eine Schlacht ist nicht geschlagen, bevor sie gewonnen ist, schoss es ihr durch den Kopf. Als sich der Griff des Schwerverletzten lockerte, gelang es Barbara, sich über den Mann zu beugen. Sie sah in seine weit aufgerissenen Augen und stach kurzerhand ein zweites Mal zu, diesmal in den Bauch. Der Pizzabäcker verstummte augenblicklich. Barbara wunderte sich gar nicht erst, dass ihr das spritzende Blut nichts ausmachte, sie war im Gegenteil auf einmal besonnen und klar im Kopf wie noch nie noch nie an diesem verfluchten Tag – der noch ihr Glückstag werden würde, wenn sie jetzt alles richtig machte. Geistesgegenwärtig schaltete sie die Außenbeleuchtung aus, schloss die Tür von innen ab, verwischte alle Spuren und säuberte das Messer. Dann vergewisserte sie sich, dass die Straße menschenleer war, schlich hinaus, stieg in ihr Auto und fuhr ganz ruhig davon. Sie fühlte sich stark in diesem Moment. Ihr war, als hätte sie ein Kaninchen getötet, nur um nicht verhungern zu müssen. Nur ihr Magen knurrte, als sie später, nach einem Glas Rotwein, ins Bett ging.
»Herzlich Willkommen bei Crime Stories. Mein Name ist Barbara Schütt«, begrüßte sie am übernächsten Tag ihre Zuhörer. »Ein bestialischer Mord am Angestellten einer Pizzeria versetzt die Stadt in Aufregung. Das Motiv ist noch völlig unklar, die Polizei hat noch keinerlei Hinweise auf den oder die Täter. Eine Verbindung zum organisierten Verbrechen kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.«