Wir wussten, dass die Fotoausstellung nicht nur schöne Bilder für uns bereithielt, aber wir wollten das Leben von allen Seiten betrachten. Wir sahen funkelnde Diamanten in den aufgeplatzten Händen leblos dreinblickender afrikanischer Kinder. Und wir sahen aufgemotzte Frauen von Welt, die die Steine am Ende der Wertschöpfungskette groß ausführten. Elend und Glück lagen nur wenige Meter voneinander entfernt. Bewegt von der Intensität der Aufnahmen aus Afrika hielten wir uns im Foyer des Museums noch lange in den Armen. Dann sind wir runter zum Rhein geschlendert. Ein kurzer Blick, als der Kinderspielplatz in Sichtweite kam, schon sind wir losgerannt, haben übermütig zwei Schaukeln besetzt und kräftig Schwung genommen. Ich fühlte mich euphorisch, auch wenn es mir schwerer fiel als Kim, an Höhe zu gewinnen und nicht immer wieder mit den Füßen über den Sand zu schleifen, wenn die Schaukel ihren tiefsten Punkt erreichte. Das war vor wenigen Stunden.

»Geh doch zu deiner Petra!« schreit Kim mir jetzt entgegen.
Bei all der Verachtung, die in ihrer Stimme mitschwingt, würde ich das sogar tun, nur um ihr endlich einen triftigen Grund für ihr ständiges Misstrauen zu liefern. Wenn es wenigstens eine Petra gäbe. Sie ist nichts weiter als ein Eintrag in meinem Kalender, der aus der Zeit datiert, als Kim und ich gerade im Begriff waren ein Paar zu werden. Nur ein Name, dem ich nicht mal mehr ein Gesicht zuordnen kann. Petra ist mir nie nahe gewesen, schon gar nicht körperlich. Näher als Kim ist mir überhaupt noch nie ein Mensch gekommen. Vielleicht beunruhigt mich das, auch wenn es mich vor allem mit Glück erfüllt.
»Was bin ich denn für dich? Nur irgendeine Schlampe?« schallt es mir entgegen.
Erst zucke ich zusammen, dann hebe für den Bruchteil einer Sekunde die Hand.
»Was jetzt?« fragt Kim. »Willst du mich etwa schlagen?«
Ich sacke auf meinem Stuhl zusammen, fühle mich zu unrecht verurteilt. Aufgrund von fadenscheinigen Indizien wird mir der Prozess gemacht. Ich überlege mir eine Verteidigungsstrategie, ich werde schweigen. Kims nächsten verbalen Tiefschlag lasse ich gelassen an mir abprallen, ich weiß auf einmal damit umzugehen, mein Kopf diktiert es mir geradezu. Unmerklich hat mich eine kalte Haut überzogen, ein Schutzpanzer, der mich unverletzlich macht und mir raushilft aus dieser elendig verkorksten Lage. Noch ein Wort und es ist mir egal, wenn Kim mich verlässt. Das Leben geht ja weiter. Und wenn es mir übel mitzuspielen gedenkt, zeige ich ihm halt die kalte Schulter. Oder ich gehe nach Afrika zum Diamantenschürfen. Oder ich werde Fotograf. Oder ich trinke mir einen an.
Dieser Scheißkalender! Er lag einfach so da auf dem Küchentisch, wo er eigentlich nicht hingehört, eine Ansammlung lauter unverfänglicher Tage und Daten, so lange man nicht darin blättert. Kim hatte gedankenverloren hineingesehen, während ich im Bad war, wollte nur nachschauen, ob ich ihren Geburtstag eingetragen hatte. Stattdessen stieß sie auf den Namen einer anderen Frau. Irgendwann hatte ich Kim von meiner Zeit vor ihr erzählt, allzu detailverliebt von Affären und Seitensprüngen berichtet, allzu offenherzig von einem Besuch im Swingerclub, allzu unverblümt vom Scheitern meiner letzten Beziehung. Dabei wollte ich diesmal einfach nur mit offenen Karten spielen. Ich habe es verbockt, Kim auf eine falsche Fährte gelockt, auf ein vermintes Grundstück, dessen Betreten per Hinweisschild verboten ist. Jetzt ist eine dieser Minen hochgegangen. Kim stochert in meiner Vergangenheit herum, als sei sie eine Krankheit, die es auszumerzen gilt. Dabei bin ich längst im Hier und Jetzt, endlich angekommen – dachte ich.
Ich wüsste gern, was wirklich in Kim vorgeht, ob ihre Wut im Grunde genommen nichts anderes ist als Angst, ob ihre wegwerfenden Handbewegungen eigentlich ein Herbeirufen sind und ihre Gemeinheiten lediglich Ausdruck ihrer Kränkung. Ich gehe all dem nicht auf den Grund, bin zu aufgewühlt, um nachzufragen, zu ängstlich, um tief zu bohren, zu verletzt, um jetzt auf zärtlich umzuschalten. Meine Passivität steigert Kims Rage nur noch mehr.
Nach einer halben Stunde ist meine eben noch so wehrhafte Schutzmauer in sich zusammengefallen. Wenn ich noch einmal den Namen Petra höre, raste ich aus. Es gibt sie nicht in meinem Kopf und schon gar nicht in meinem Herzen. Ich will Kim packen und diesen Namen aus ihr herausschütteln, der droht, alles zu zerstören, was mir wichtig ist. Wie wichtig, das sage ich Kim nicht. Ich kann nicht. Nicht jetzt!
»Ich hau ab! Ohne mich geht’s dir ja offensichtlich besser!« fahre ich Kim an.
»Wenn du jetzt gehst, dann –«
»Was dann?«
Spontaner, als ich es sonst bin, greife ich Schlüssel, Geld und Zigaretten, werfe mir eine Jacke über und verlasse die Wohnung. Ich höre Schreie, die mich einzuholen versuchen und beschleunige meinen Schritt. Ich werfe die Haustür zu und sperre Kim in meiner eigenen Wohnung ein. Ich werde ins Amnesiac gehen, es gibt schließlich keinen besseren Trostspender als die eigene Stammkneipe. Ich laufe die Straße hinunter, nur scheinbar gefasst, voller durchkreuzter Pläne und wirrer Gedanken, auf der Flucht vor mir selbst und vor der Frau, die ich liebe.
Menschen kreuzen meinen Weg, Menschen wie du und ich. Eine Gruppe junger Discotouristen will sich im Kölner Nachleben verewigen.
»Kommt, stellt euch auf! Wir machen erst ein Asi-Foto und dann ein süßes. Also erstmal alle voll prollig gucken, klar?«
Teilnahmslos schiebe ich mich zwischen dem Fotograf auf der rechten und den entstellten Grimassen auf der linken Seite hindurch. Da blitzt es auch schon.
»Och, Scheiße!« dröhnt es von rechts.
»Ja, Scheiße!«, rufe ich in die neblige Nachtluft. »Es ist alles nur ein riesiger Haufen Scheiße!«
Fünfzig Meter weiter hält ein südländisch aussehender Typ geradewegs auf mich zu. Ich nehme an, er will mir Drogen verkaufen.
»Wo ist denn hier Kentucky?« fragt er.
»Was?«
»KFC! Das soll hier irgendwo sein.«
Wir stehen direkt gegenüber McDonald’s. Hat der sie noch alle?
»Puh, ist noch’n Stück. Da lang bis zum Brunnen, dann links halten und am besten noch mal nachfragen.«
»Danke, Alter.«
Ich schüttele den Kopf und gehe weiter. Unmengen von Party-Flyern und Fast-Food-Verpackungsresten verdrecken und verdecken das Kopfsteinpflaster. Die Welt ist ein Müllhaufen und ich bin mittendrin.
»Es regnet. Oh Gott!« Eine bucklige alte Frau mit einem kaputten Regenschirm sieht mit erhobener Hand zu mir auf.
»Ja, tut es wohl«, entgegne ich im Vorbeigehen.
»Wirklich, es regnet! Was machen wir nur?«
Ich sehe zu, dass ich meinen Weg fortsetze, meine Flucht. Menschen wie du und ich – dass ich nicht lache. Im Eingangsbereich eines Geschäftes sitzen zwei in Decken gehüllte ältere Männer auf Liegestühlen. Was soll denn das sein? Die High Society der Obdachlosen, ein Protest gegen die Rentenkürzung oder eine Art Bürgerwehr, die gegen den Vandalismus in Hauseingängen antritt? Denkbar ist alles. Denkbar ist auch, dass der Alkohol, den ich zu trinken gedenke, alles noch schlimmer machen wird.
Ich will Kim loswerden, jedenfalls für den Augenblick, und habe dennoch die ganze Zeit ihr Bild vor Augen, ihre funkelnden Augen, die sinnlichen Lippen, das seidige Haar. Sie ist schöner denn je in meinem Kopf. Alle Probleme nehmen sich auf einmal so klein und unwichtig aus. Welche Probleme? Ich muss eine Weile überlegen, damit es mir wieder einfällt. Ja, verdammt, sie hat mich beschuldigt, sie betrogen zu haben, wie einen Triebtäter, dem niemand seine Läuterung abnimmt. Fast wünsche ich mir, sie hätte Recht damit, dann wäre der Kampf, den wir seit Stunden austragen, wenigstens gerechtfertigt.
Die Musik wird mich ablenken. Im Amnesiac spielen sie Punk- und Indie-Hits aus der Zeit, in der das Leben für mich noch leichter war, weil es nicht so endgültig schien, weil man sich nicht so festlegen musste. War es deshalb auch glücklicher? Sehnt sich ein Seehund im Zoo, der jeden Tag frischen Fisch bekommt und von morgens bis abends verhätschelt wird, nach der Freiheit und der Weite des Ozeans, obwohl ihm dort die Gefahr droht, den Gewalten der Natur zum Opfer zu fallen? … Was ist das!? Sie haben tatsächlich den ganzen Laden umgekrempelt! Aus der ranzigen Rockkneipe, die ich kannte und liebte, ist binnen Wochenfrist eine gediegene Lounge geworden. Warum muss bloß immer alles irgendwelchen Trends gehorchen? Warum hat heute nichts mehr Bestand? Warum bin ich überhaupt hierher gekommen? Wenigstens musikalisch scheint alles beim Alten geblieben zu sein.
Ich sehe mich um. Ganz unwillkürlich überlege ich, welche Alternativen es wohl zu Kim geben könnte, welche Frau mich genauso vom Hocker reißen würde wie sie, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Die Stadt ist doch voll von schönen Frauen, die nichts anderes im Sinn haben, als den Mann fürs Leben zu finden. Da: ein hübsches Mädchen in der Nähe der Tür. Es sieht aus, als würde sie gackern, blöde gackern. Und was ist das auf ihrem Rücken? Kermit der Frosch als Rucksack. Schon verloren! Die Frau an der Theke ist auf den ersten Blick auch recht attraktiv. Auf den zweiten kotzt sie mich an. Sie trinkt Wodka-Red-Bull oder sonst ein neumodisches Gesöff mit Strohhalm und fährt sich ständig anheimelnd durchs Haar. Und immer wieder blickt sie aufs Handy, nur um so zu tun, als sei sie nicht allein. Arrogante Kuh!
Ich habe hier niemandem etwas zu sagen. Was ich Kim wohl sagen werde, wenn ich wieder zurück bin? Was sie wohl gerade macht? Vielleicht ist sie ja gar nicht mehr da. Jetzt blicke auch ich auf mein Handy. Keine Nachricht. Egal, ich bin ja hier um zu vergessen. Schneller als nötig trinke ich ein großes Bier, da läuft Big Mouth Strikes Again von den Smiths. Kim liebt diesen Song. Vielleicht sind wir alle ein wenig zu großmäulig: tönen, labern, maulen, beschuldigen, klagen an. Vielleicht sollten wir einfach öfter mal die Klappe halten. Ich liebe diesen Song auch.
Ein Kerl mit Glatze rempelt mich an, ein Schwung Bier schwappt über meine Jacke. Er entschuldigt sich, aber ich unterstelle ihm Absicht.
»Verpiss dich, Arschloch!« rufe ich ihm nach. Der Typ will auf mich los. Die Kellnerin hat auch was mitbekommen und drängt in den Innenraum. Ich winke ab und mache mich aus dem Staub, bevor die Situation noch eskaliert. Heute würde ich mich sogar schlagen, aber würde es Kim beeindrucken, wenn ich mit einem blauen Auge und geschwollenen Lippen nach Hause käme? Zumindest würde es sie von meinem Kalendereintrag ablenken. Ich will sie zurück. Nur wie bringe ich es ihr bei, ohne mein Gesicht zu verlieren.
Der Regen ist noch stärker geworden. Ich stehe eine Weile unter der Straßenlaterne gegenüber des Wohnzimmerfensters. Ich habe das Gefühl aufzuweichen, werde nach und nach kleiner, bis ich auf dem Boden sitze, mich an den Laternenpfahl anlehne und auf das nasse Pflaster starre. ›Was für ein Spinner!‹ würde ich denken, wenn ich oben stünde und jemanden wie mich hier kauern sähe. Vielleicht bin ich das ja, ein Spinner. Ich spüre keine Kälte, ich zähle nur Regentropfen und sehe zu, wie sie im Licht ein letztes Mal kurz aufblitzen, wenn sie auf den Boden klatschen. Werde ich hier schlafen und mir morgen sagen können: Du hast das alles bloß geträumt?
Ein Körper schmiegt sich an mich wie eine wärmende Decke. Eine Hand fährt zärtlich über mein Gesicht. Tränen tropfen auf meine Haut, lassen mich den Regen vergessen. Lippen berühren meine Stirn, Augen und Wangen. Kim hüllt mich ein, vollkommen ein. Kim ist meine Welt.