Fieberhaft durchwühlt Edwin alle Schränke nach der kleinen Schatulle, die ihm sein Onkel vor Ewigkeiten geschenkt hat. Seine Medaillen befinden sich darin, zumindest hat er sie als Kind so bezeichnet. Er kann sich noch genau daran erinnern, wie er sie einmal seinen Klassenkameraden gezeigt hat und diese sich verärgert von ihm abwandten, weil er ihnen verboten hatte, das glänzende Metall auch nur zu berühren.
Ab und an unterbricht Edwin sein Tun und blickt sich Hilfe suchend in dem Zimmer um, das aussieht, als sei es von Einbrechern verwüstet worden. Alles mögliche ist ihm in den letzten Stunden in die Hände gefallen. Das hölzerne Kruzifix, das er zur Kommunion überreicht bekommen hatte, ist von tiefen Kratzern überzogen, wie absichtlich mit einem Messer herbeigeführt. Die Batterien seines alten Walkmans sind längst ausgelaufen und haben dunkle Schlieren auf der weißen Kunststoffoberfläche hinterlassen. Der Inhalt einer halbvollen Schachtel Zigarillos ist fast zu Staub zerfallen und sein alter Stoffhase kann sein strohiges Innenleben kaum mehr verbergen. Vergeblich versucht Edwin, all diese Gegenstände mit dazugehörigen Erinnerungen und Erlebnissen zu verknüpfen, also wirft er sie schnell wieder beiseite. Nur bei der Schallplatte, die ihm seine ältere Schwester Gabi zum 12. oder 13. Geburtstag geschenkt hat, verweilt er länger. Damals wusste er mit den Talking Heads noch gar nichts anzufangen. Im Grunde hatte sich Gabi damals selbst beschenkt, sodass die LP auch direkt ins Zimmer nebenan wanderte, damit sie sie rauf und runter hören konnte.
»Vielen Dank noch mal, Schwesterherz«, sagt Edwin verächtlich, behandelt die Platte dennoch beinahe zärtlich, zieht das Innencover langsam aus der Papphülle und wirft einen Blick auf die Texte. Ein Song hat sich von Anfang an in sein Gehör gebrannt: Watch out, you might get what you’re after … Maybe you know where you are, fighting fire with fire … An ordinary guy, burning down the house.
Edwins altes Zimmer befindet sich seit dem Tag, an dem er von zu Hause ausgezogen ist, in einem Zustand der Stasis. Die blaugrauen Jugendschränke sind noch genauso an ihrem Platz wie die Borussia-Bettwäsche, die dreifarbige Lichtorgel und der Gummibaum mit seinen lächerlichen vier Blättern, die sich einfach weigern abzufallen. Selbst die Kork-Pinwand mit Postkarten und Notizen aus längst vergessenen Zeiten hängt noch an der Wand. Dafür könnte Edwin seine Mutter verfluchen. Dennoch hindert ihn selbst jetzt irgendetwas daran, dem ganzen Spuk ein Ende zu bereiten und alles zu entsorgen.
»So was machen nur Eltern, deren Kinder tot sind, um das Andenken an sie lebendig zu halten. Ich aber lebe, Mutter! Hörst du, wie ich mit dir rede?« raunzte Edwin bei seinem letzten Besuch vor einigen Monaten, während seine Mutter das Essen zubereitete.
»Ach Junge, lass mir doch die Freude«, antwortete sie in einem Gleichmut, der einen zur Verzweiflung bringen konnte.
»Hör mal, das sind alles meine Sachen und ich brauch sie nicht mehr. Ich will, dass du alles wegschmeißt: das Bettzeug, das Sitzkissen, das Radio – alles.«
»Was stört dich denn daran, dass ich ein paar alte Erinnerungen aufbewahre?« Edwins Mutter wandte sich nicht vom Herd ab. »Dein Vater lässt mich ja auch machen und hat seinen Hobbyraum extra im Keller eingerichtet.«
»Das wäre ja noch schöner, wenn da oben plötzlich ein Pilzmuseum wäre.«
»Na siehst du, Junge.«
»Oh Scheiße, Mutter.« Edwin drehte sich demonstrativ weg und starrte mit verschränkten Armen aus dem Fenster.
»Setz dich doch schon mal hin. Das Essen ist gleich fertig.«
»Was gibt’s denn?« fragte Edwin gelangweilt.
»Hühnerfrikassee, das magst du doch so gerne.«
»Was?! Ich hasse Hühnerfrikassee. Ich hab nur ein einziges Mal gesagt, dass es mir schmeckt, und das aus purem Anstand, damals, als Tante Gisela zu Besuch war.«
Edwins Mutter wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Du kannst es doch wenigstens probieren.«
»Mutter, bekommst du eigentlich noch irgendwas mit?« Edwins Stimme verzerrte sich. »Ich dreh durch hier. Ich dreh noch vollkommen durch!«
»Rühr mal um, bitte. Ich hol eben deinen Vater. Der hockt noch unten bei seinen Pilzen.«
Edwin hatte seinen Vater an diesem Tag noch gar nicht zu Gesicht bekommen, aber das war ja nicht seine Schuld. Sollte er doch verrotten in seinem Kellerloch. Sobald seine Mutter die Treppe hinunter gegangen war, machte sich Edwin ohne ein Wort auf den Weg zurück in die Stadt. Danach hatte er seine Eltern drei Wochen lang nicht mehr gesprochen. Jetzt sind sie – er mag es kaum glauben – auf großer Ostseekreuzfahrt. Sie haben die Reise tatsächlich in einem Preisausschreiben gewonnen, freuten sich zwar über das unverhoffte Losglück, mussten aber aus Furcht vor der Fremde von der versammelten Verwandtschaft erst zum Urlaubsantritt überredet werden. Auch Edwin leistete dahingehend Überzeugungsarbeit und versprach zur Überraschung seiner Eltern, regelmäßig in dem alten Haus nach dem Rechten zu sehen. So lange er sich erinnern kann, haben sie nur Urlaub im Garten gemacht, wobei der für seine Mutter darin bestand, Kohlrabi, Kopfsalat und anderes Grünzeug zu züchten, während sein Vater bei Kreuzworträtseln in der Mittagssonne ein Bitburger nach dem anderen trank. Hätte er bloß mal volltrunken in die frisch bepflanzten Beete gepinkelt, denkt sich Edwin – irgendwas wäre wenigstens passiert, irgendwas wäre anders geworden.
Er wird die verfluchte Schatulle schon noch finden, deren wahren Wert er all die Jahre hoffnungslos unterschätzt hat. Da musste er erst durch Zufall diesen Katalog entdecken, der oben in der Mülltonne des Hauses lag, in dem er jetzt wohnt. Nur, weil ihm der Titel Goldmünzen Europas so eigenartig vorkam und kein anderer Abfall das Heft bedeckte, hat er es überhaupt in die Hand genommen und darin geblättert. Als ihm dabei eine großformatige Abbildung einer alten Münze ins Auge sprang, erstarrte er. Zwei gekreuzte Schwerter und die ineinander verschachtelten Buchstaben E und G – wie Edwin Ganser. Das war eindeutig eine seiner Medaillen. Allein der Wert dieser einen Münze wurde mit fast 3.000 Euro beziffert. Edwin sah plötzlich Licht am Ende des finanziellen Tunnels, in dem er sich seit Jahren befand. Der aufreibende Job neben dem Studium, die verhasste Arbeit in der Kabelfabrik, würde bald ein Ende finden.
Seit Ostern ist er nicht mehr in Tettenborn gewesen, jetzt zeigen die Blätter des Kirschbaumes im Garten bereits gelbliche Verfärbungen. Wenn er eine Freundin hätte, würde er sie niemals mit hierher bringen und sie seinen Eltern vorstellen. Zuhause, Heimat, Familie – nichts ist ihm peinlicher und verhasster als das. In dem mickrigen Reihenhaus sieht es noch genauso aus wie in Edwins Kindertagen. Lediglich die Vorhänge (ocker statt oliv), der Wohnzimmerschrank (Eiche rustikal statt Eiche rustikal) und der Läufer im Flur (Inder statt Perser) sind im Laufe der Zeit erneuert worden. Für Edwin gibt es keinen muffigeren und mehr nach Verfall riechenden Ort als das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Und mit jedem seiner Besuche wird es nur noch schlimmer. Er verabscheut längst nicht mehr nur diesen Ort, sondern auch sich selbst von Mal zu Mal ein Stückweit mehr.
In einem Akt blanker Verzweiflung zieht Edwin sämtliche Schubladen aus ihren Schienen und tastet mit den Händen die dunklen Innenräume der Möbel ab – ohne Erfolg. Wütend tritt er auf die am Boden liegenden Sperrholzteile, dann hetzt er nach unten in die Küche. Er nimmt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und stiert auf das Etikett. Hier trinken sie alle Bitburger, ausnahmslos, aus alter Tradition heraus. Edwin findet, es schmeckt bitter, nach Kleinbürgertum und Provinz, da können sie in ihren Werbespots noch so hübsche Models in weißen Klamotten auf teuren Yachten platzieren. Dennoch trinkt er die halbe Flasche in einem Zug aus, wischt sich demonstrativ über den Mund und weiß, dass ihm jetzt nur noch der Hobbyraum seines Vaters bleibt. Für ein paar tausend Euro ist es ihm völlig egal, wenn er sich den Zorn des Alten zuzieht.
Als kleiner Junge hat Edwin selbst einmal fünf Nachmittage am Stück in dem Kellerraum zubringen müssen, in dem damals nicht mal ein Stuhl stand – zum Nachdenken, wie sein Vater betont hatte. Direkt nach Schulschluss hatte er sich wortlos dorthin zu begeben, sonst hätte es Schläge gesetzt. Dann schloss sein Vater die Tür von außen ab und befreite ihn erst wieder, als es Schlafenszeit war. Heute weist der Alte es weit von sich, so etwas jemals getan zu haben. Auch seine Mutter hat dazu nicht mehr zu sagen, als dass Edwin eine allzu lebhafte Phantasie besäße. Er selbst hat längst vergessen, was der Auslöser für diese drakonische Strafmaßnahme war, aber seine Schwester hatte dergleichen nie zu befürchten. Am dritten Tag campierte sie mit ein paar Freundinnen sogar regelrecht vor der Kellertür, aßen Süßigkeiten, gackerten herum, gaben Klopfzeichen und machten sich über ihn lustig – während Edwin seine Tränen und seine Wut zu unterdrücken versuchte.
Er trinkt den Rest der Flasche Bier, dann stiefelt er entschlossen runter in den Keller. Er öffnete die Tür, schaltet das Licht an und sieht, was zu erwarten war: Pilzlexika in den Regalen, Pilzmodelle auf der Anrichte, Pilzposter an den Wänden und getrocknete Pilze in diversen Gläsern und Schalen. Ja, es riecht sogar nach Pilzen in dem verdammten Raum. Edwin sieht sich um. Die oberste Schublade des Schreibtisches ist abgeschlossen. Das muss es sein, denkt er. Bestimmt ist sein Vater längst selbst hinter den Wert der Münzen gekommen und hat sie gebunkert – für schlechte Zeiten oder so. Mit einem heftigen Ruck bricht Edwin das Schloss auf. Als er die kleine Holzschatulle tatsächlich entdeckt, grinst er, nimmt sie aus der Schublade, gibt ihr einen erwartungsvollen Kuss und öffnet sie. Er zuckt zusammen: Das Kästchen ist leer. Ein dunkles Nichts, ein schwarzes Loch, ein Brunnen ohne Wasser.
»Du mieser alter Sack!« schreit Edwin und wirft die Schatulle an die Wand. »Die Münzen gehören MIR!«
Er reißt die Schublade ganz heraus. Ein Stapel Fotos fällt ihm vor die Füße. Er hockt sich hin, nimmt die Bilder einzeln in die Hand, lässt sie durch seine Finger gleiten und eins nach dem anderen wieder zu Boden fallen. Nichts als seine Schwester, immer wieder seine Schwester, im Kindergarten, als Schulkind, als Teenager, als junge Frau, bei ihrer Hochzeit, mit ihrem Baby. Kein einziges Foto von ihm. »Papas Liebling, wie hübsch!« mault Edwin. Sein eigener Vater hat
ihm das Wasser abgegraben und seiner Schwester einen Altar gebaut – ausgerechnet ihr, die sich immer mehr rausnehmen durfte als er, obwohl sie die ältere ist. Dabei ist sie vor fast einem Jahrzehnt schon mit dem erstbesten Mann nach Österreich gegangen und hat fast alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Warum aber sind manche Bilder auf der Rückseite mit Kreuzen versehen? Es sind Fotos, auf denen Gabi besonders hübsch lächelt, besonders viel Haut zeigt oder Arm in Arm mit dem Alten zu sehen ist. Warum hat er die Fotos überhaupt weggeschlossen? Intuitiv überkommt Edwin ein Verdacht, der beinahe alles ins Wanken bringt, was er bis dahin für wahr oder möglich hielt. Ist das vorstellbar? Was weiß er schon von diesem Mann, der für ihn längst nichts weiter als ein Schatten ist? Und was weiß seine Mutter, die immer so tut, als sei die Welt ein Ort des Friedens und der Unschuld?
Erinnerungen, die er nicht besitzt, durchzucken Edwin wie schmerzende Blitze. Ein Teil von ihm ist in Auflösung begriffen, ein anderer gar nicht existent. Doch jetzt ist nicht die Zeit, sich in Mutmaßungen zu ergehen oder nach Wahrheiten zu forschen. Es ist an der Zeit, seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen und seinem Zorn das zu geben, wonach er verlangt. Hastig fischt Edwin ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche, zündet die auf dem Boden liegenden Fotos an und wartet, bis die Flammen zu züngeln beginnen. Mit einem Mal fühlt er sich seltsam beruhigt. Er steht auf, geht langsam die Treppe hinauf und verlässt das Haus seiner Eltern ein letztes Mal.