Deine Augen brennen vom Ventilator, das Bettlaken klebt auf der Haut, die Luft scheint schon mal geatmet. Unablässiges Getöse und Gehupe dringt von der Straße hinauf, an Schlafen ist nicht mehr zu denken. Du windest deinen schlappen Körper aus dem durchgelegenen Bett, kramst in deinem Rucksack nach dem Waschzeug und stellst dir vor, du müsstest dein ganzes Leben auf diesen schäbigen sechs Quadratmetern verbringen. Dein Kopf droht zu platzen. Singha Bier ist Schädelbier. Singha heißt Löwe, Chang Elefant. Chang Beer ist preiswerter, aber noch skrupelloser. Kop Khun Krap heißt Danke, wenn man ein Mann ist, Mai Pet nicht so scharf bitte. Mehr Thai braucht kein Mensch.
Widerwillig reihst du dich in die Schlange vor dem Sammelwaschraum ein. Möchtegernaussteiger und Durchreisegeplagte aller möglichen Nationalitäten zählen vor dem trüben Spiegel ihre Hitzepickel und Mückenstiche, haben Schaum vor dem Mund, spucken ihn in das Becken ohne nachzuspülen und schlurfen wieder von dannen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hast du schon 18 Mal das Wort Cool vernommen und ca. doppelt so oft Fuck gehört.
Coffee or tea? Coffee, please. Plain eggs or boiled eggs? Plain eggs, please. Pineapple juice or orange juice? Orange juice, please. You want some more, Mister? Yes, thank you. You’re happy, Mister? Yes, of course. Automatengleich spulst du beim Frühstück nun schon in der vierten Woche die ewig gleiche Sprachaufzeichnung ab.
Es ist der letzte Tag deines Urlaubs. Das unvermeidliche Sightseeingprogramm hast du gestern schon erledigt. Der erste Tempel hat dich noch beeindruckt, der zweite schon weniger. Ein bisschen viel Kitsch auf einmal, ein paar Touristenhorden zuviel. Dann eine Bootstour auf den Klongs, den Kanälen von Bangkok, dem Venedig des Ostens, wie es früher oft genannt wurde. Immer wieder Zwischenstopps, weil fliegende, nein, schwimmende Händler dir irgendwelchen Tinnef andrehen wollen. Zum Schluss sogar ein Zwangsstopp, an einer Schlangenfarm. Überteuerter Eintritt. Abzocke, die nicht im Programm stand. Mann kämpft gegen Kobra, erntet Beifall. Tourist geht auf Tuchfühlung zu einer Python, ebenfalls Klatschen. Und als Extra-Hingucker am Ausgang ein keifender Tiger auf auch nicht mehr als sechs Quadratmetern. Auf dem Käfigboden ein Haufen rohes Fleisch, das einen fauligen Geruch verströmt. Armes Tier, denkst du, und hast mehr Mitleid mit ihm als mit den buckligen alten Frauen und Männern, die ihre rollenden Garküchen jeden Tag 18 Stunden lang durch die Straßen schieben, um ihre Familien ansatzweise ausreichend ernähren zu können.
Heute aber wird Bangkok ohne Zwang und Plan erkundet, der Lonely Planet ist dein einziger Begleiter. Nur weniges lässt sich zu Fuß erledigen. Fußgänger haben in dieser Stadt so gut wie keine Rechte, es sei denn, sie kaufen ein. Nicht irgendwo natürlich, keinen Klebreis und keine Hühnerteile, sondern italienische Schuhe, französische Parfüms oder japanische Kameras, nicht immer original, aber überaus preiswert für jemanden wie dich. Hier kannst du dir endlich etwas leisten, wofür du zu Hause bewundert werden wirst.
Um die Restreisekasse nicht schon vorher übermäßig zu strapazieren, entscheidest du dich beim Transport von A nach B wie schon beim Schlafen für die Low-Budget-Variante. Du hast in den vergangenen Wochen einen eigentümlichen Geiz entwickelt. Mehr als drei Euro für ein Essen und mehr als zwölf für eine Übernachtung sind reiner Wucher. Du hockst dich also auf ein dreirädriges Tuk-Tuk und lässt dich mit diesem offenen Höllengefährt unter ohrenbetäubendem Lärm eine halbe Stunde lang durch die Stadt kutschieren. Ständig musst du Acht geben, dir an überhitzten Auspuffrohren und Motorabdeckungen nicht die Haut zu versengen. Du ziehst deinen T-Shirt-Kragen bis über die Nase, damit die Luft ein bisschen weniger nach Abgasen schmeckt.
This is Siam Square. Hurry up! sagt der Fahrer, weil er den nachfolgenden Verkehr blockiert. Du nickst und bezahlst. Dann stehst du vor einer gigantischen Drehtür und betrittst einen Eisschrank. Vor Erkältungskrankheiten scheint sich hier niemand zu fürchten. Je kühler desto exklusiver lautet die Devise im klimatisierten Bangkok. Verschlungene Wege führen durch zahllose Gänge und Röhren, über Laufbänder und Rolltreppen von einer Shopping Mall zu nächsten, von Diesel zu Gucci, von McDonalds zu Starbucks und wieder zurück. Kommt dir bekannt vor, das Ganze, ein wenig mehr Exotik hattest du schon erwartet, und so billig ist es hier nun auch wieder nicht. Außerdem fühlst du dich in deinen Trekkingsandalen und deinem schlabberigen T-Shirt ziemlich fehl am Platze, selbst der Imbissverkäufer ist besser gekleidet, trägt Leinenhose und Polohemd. Vergiss das hier! Lieber kaufst du auf irgendeinem Markt eine handgeschnitzte Buddha-Statue, ein Essstäbchen-Set oder ein Räucherkerzen-Sortiment. Dann fließt dein Geld auch in die richtigen Kanäle.
Endlich findest du einen Ausgang. Du läufst du direkt vor eine brüllend heiße Wand stickiger Luft, die nichts anderes im Sinn zu haben scheint, als dich augenblicklich wieder in den Kühlschrank zurückzudrängen. Nicht mit dir! Du schreitest voran und blickst dich um. Von wegen Schwellenland. Neben dem Platz, an dem du gerade stehst, nimmt sich der Picadilly Circus aus wie das Armenhaus großformatiger Werbeflächen. Man kann in Bangkok tagelang herumlaufen, ohne sich auch nur einmal den sozialmitleidigen Kopf zu stoßen.
Als ordentlicher, weil individuell reisender und kulturell interessierter Tourist hast du jetzt nur noch ein Ziel: das authentische Bangkok erleben, fernab von allen Konsum- und Buddhistentempeln. Entnervt blätterst du in deinem zerfledderten Begleiter und beschließt dann doch, ganz ohne fremde Hilfe loszuziehen. Du gehst einfach unter die Entdecker, Seitenstraße heißt das Zauberwort. Nach einer Weile ziellosen Umherirrens glaubst du, gefunden zu haben, wonach du gesucht hast: einen Geruch wie im Asia-Supermarkt, vermischt mit den Ausdünstungen halboffener Kanalisation. Stellwände aus Bambus, Behelfsdächer aus Wellblech, Gewürzhändler und Kramläden, Fressbuden und Garküchen. Sogar Insekten vom Grill gibt es. Schmutzige Kinder, dreibeinige Hunde und einäugige Katzen. Schön, das mal gesehen zu haben. Die Straße ist übersät mit allem, was sich wegwerfen lässt. Zeit, dir zur Entspannung eine Zigarette anzustecken. Flanieren an der Grenze zu Armut und Elend. Was willst du mehr?
Hey Mister, wait! hörst du plötzlich, fühlst dich aber nicht angesprochen und lächelst denen zu, die dir Pad Thai oder Tom Yam in ein Plastikschälchen füllen wollen. Auch wenn du jedes Mal ablehnst, bekommst du stets ein Lächeln zurück. Niemand, der dir nachsteigt, deinen Arm packt und dich mit aggressiver Stimme zum Feilschen zwingt. Das ist das Gute an Asien. Dann greift dir doch jemand von hinten an die Schulter. Du drehst dich um und blickst auf die schwarze Uniform eines Polizisten. Dieser hält dir mit vorwurfsvollem Blick eine Zigarettenkippe entgegen und sofort begreifst du, dass dies deine eigene sein soll. Kann ja auch sein. Als du siehst, dass der Uniformierte nicht nur einen Schlagstock, sondern auch eine Pistole trägt, ist alle touristische Leichtigkeit mit einem Mal verflogen. Guter Touri, böser Cop! Come with me, you hav to pay! sagt der Polizist und deutet mit dem Finger auf ein bunt illustriertes Flugblatt, dem zu entnehmen ist, dass auf das Wegwerfen von Kippen in der Öffentlichkeit 150 US-Dollar Strafe stehen. Dir ist klar, dass das selbstredend nicht für Einheimische gilt und auch, dass Strafen dieser Art wohl eher inoffiziell eingetrieben werden, aber das hilft dir auch nicht weiter. Weglaufen wäre zu riskant, nachher jagt dich noch eine Hundertschaft durch die Straßen von Bangkok und womöglich wirst du wegen einer Kippe auf der Flucht erschossen. Flehend faltest du die Hände vor dem Kinn zusammen. I didn’t know, I have no money, I never do it again. I promise! Excuse me, Sir! Please let me go! Du behältst den Polizisten im Blick, während du mit angstvoller Miene langsam ein paar Schritte zurückweichst. Dein Flehen scheint den Mann überrascht zu haben. Er blinzelt dich grimmig an, aber rührt sich nicht weiter und mit einem erleichterten Thank you, Sir! Thank you! drehst du dich um, verschwindest wieder im Gewimmel und nimmst leicht verstört das erste Taxi zurück zum Hostel.
Abends erzählst du einem Haufen betrunkener Australier von diesem Erlebnis. Erst staunen sie ungläubig, dann lachen sie los, klopfen dir auf die Schulter und laden dich sofort nach Down Under ein. Zuvor aber schleppen sie dich noch mit nach Patpong, einer berüchtigten Vergnügungsmeile mit unzähligen Bordellen, Nachtclubs und Bars und noch mehr Verkaufsständen voller dämlich bedruckter T-Shirts, gefälschten Markenuhren, nachgemachter Fußballtrikots, raubkopierten CDs und so weiter. Die Aussies wollen sich nackte Haut ansehen, sie seien ja schließlich in Bangkok, scherzen sie, und genau aus dem Grund lehnst du entschieden ab. Bloß kein schwarzer Fleck auf deiner sauberen Backpackerweste.
Wieder allein blickst du dich um. Morgen geht dein Flieger und du hast noch Geld übrig. Nachdem du schon hundert Mal nein gesagt hast, kaufst du am Ende doch noch eine Rolex für umgerechnet zwanzig Euro und freust dich, dass du immer noch genügend Geld für zollfreie Kippen übrig hast. Du nimmst natürlich mehr mit als erlaubt, aber noch mal wird sich dir kein Uniformierter in den Weg stellen, das ist statistisch gesehen völlig unwahrscheinlich. Eine böse Überraschung erlebst du am Flughafen dennoch: Du musst tatsächlich zahlen, wenn du Thailand verlassen willst. Austrittsgeld, wo gibt’s denn so was?! Natürlich hast du nun kein Bares mehr, also noch mal zum Automaten, die geforderten sechzig Euro ziehen und nichts wie raus aus diesem Moloch.
Traumhafte Strände, wunderschöne Inseln, beeindruckende Wasserfälle, faszinierende Dschungelpfade – was hast du nicht alles gesehen? Was ist dagegen schon ein bisschen Stress und Ärger in Bangkok, denkst du im Landeanflug auf Frankfurt und schaust runter auf dein Handgelenk. Scheiße, deine Rolex ist stehen geblieben. Verfluchte Betrüger! Na ja, in Thailand ticken die Uhren eben anders.