Ich bin zurück am Ort des Geschehens, erkenne den Platz wieder am Muster der Flammen, und doch wirkt er verändert, gleichsam verwandelt. Bullet-Time-Optik, Dolby-Surround-Ton, ganz großes Kino in meinem Kopf. Ich muss lange fort gewesen sein, denn alle haben sich verändert, so sie denn noch hier sind. Ich spüre ihre Anwesenheit, schemenhaft, wie die von Geistern, nehme Stimmen wahr, die niemandem gehören, blicke in Gesichter, die augenblicklich zerlaufen, die Zeit ist zusammengefallen in meinem Kopf. Ein kollektives Verschmelzen – nirvanalike.
Ich fühle mich seltsam euphorisch, habe mich gehäutet, das nächste Level erreicht, eine höhere Stufe erklommen, scheine mehr denn je aus reiner Energie zu bestehen. Ich lache lauthals, ohne den Mund aufzutun, wirbele wie ferngesteuert herum, drehe mich um die eigene Achse, schnell, schneller, am schnellsten. Schön viel Platz hier, viel Grün, viel Fläche, weicher Grund, sanfte Luft, pures Lebenskonzentrat.
Der Grill, der Grill! tönt es plötzlich in meinem Ohr, und ich sehe ein Monster vor mir, drei Meter groß, mit schwarzem Fell, Stacheln auf dem Rücken, teuflischen Augen und messerscharfen Krallen. Ha, soll er doch kommen, ich habe keine Angst! meine ich zu rufen, aber wahrscheinlich bleibe ich stumm. Ich muss nicht mehr reden, bin darüber erhaben. Ich treibe fort, kühle Brisen aus allen Richtungen streifen meine nackten Hautstellen, jedes einzelne Härchen stellt sich auf, an den Armen, den Beinen, im Nacken. Ich wusste gar nicht, dass man Härchen spüren kann. Ich kann alles spüren – jetzt! Wo ist Nicole, sie war eben noch hier, oder damals, vielleicht habe ich sie auch nur geträumt, was soll’s, wahr ist sie trotzdem. Ich möchte mit ihr tanzen, meine Hände an ihre Hüften legen, sie packen, sie mitreißen, sie loseisen von allem, was sie festhält. Ich weiß nicht, ob Musik da ist, aber ich habe genügend Musik in meinem Kopf, ein ganzes Arsenal, ausreichend für den Rest der Zeit. Alle sollen sie hören. Alle sollen tanzen bis zur Auflösung – nirvanalike.
Meine Arme greifen nach etwas, meine Beine wollen der Schwerkraft entfliehen, mein Kopf will die Kontrolle abgeben, mein Bauch will raus ins Freie, mein Herz will eine Nicole, mein Schwanz auch. Warum habe ich immer noch diesen Körper, bin darin eingezwängt, gefangen? Warum kann ich nicht einfach meinen Gedanken folgen und mit ihnen davonfliegen? Ich war so kurz davor, es muss doch klappen, wenn nicht jetzt, dann nie. Ein finaler Schwung! Erst steht alles Kopf, dann steht alles still.
Ich bewege mich nicht mehr, sehe tausend blinkende Punkte im schwarzen Nichts, weit weg und doch zum Greifen nah. Das ist oben, sagt mir eine Stimme im Innern, während unter mir etwas auf meinen Rücken drückt, sich hineinbohrt, von mir Besitz ergreifen will, der Grill womöglich. Geh weg! Fort von mir! Bin ich es, der da schreit? Es wird auf einmal ganz warm unter mir, unglaublich warm. Aber Wärme ist gut, Wärme ist Balsam, Wärme heißt Leben. Du bist gerettet, denke ich, wirst ins Paradies geschleppt, ins Licht geworfen, für immer verewigt – nirvanalike.
Da zerrt und zieht plötzlich etwas an mir und etwas anderes kommt zurück, das sich wie Zeit anfühlt. Wo bin ich hier? Wer ist noch da? Lars! Lars! Ja, ich hatte mal einen Namen, der so ähnlich klang. Die Wärme tut auf einmal weh, als läge ich im Feuer. Ein brennender Schmerz durchfährt mich. Was läuft hier schief? Ich will zurück in meinen Film, in meinen Traum, aber alles driftet wieder auseinander, Einzelteile lösen sich, Konturen kehren zurück, die Stimmen bekommen wieder Gesichter, die Gesichter Namen: Olli, Claus, Birte, Nicole. Eine Hand stützt meinen Nacken, bitte lass es Nicoles Hand sein. Ihre Hände wirken Wunder, könnte ich wetten. Den Schmerz aber halten auch sie nicht auf. Bin ich es, der da stöhnt? Glühende Kohle! höre ich, Verbrannt! auch, Bleib ruhig! sagt jemand, Ins Krankenhaus! tönt es. Krankenhaus ist scheiße! höre ich mich sagen. Nicole, Nicole! rufe ich. Ist schon nach Hause! heißt es. Verdammt, denke ich, ohne sie bin ich verloren. Besser ich lege mich schlafen – nirvanalike.