Man könnte sagen, es herrschte eine Art Feierzwang während meiner Studienzeit. Beinahe jedes Wochenende stieg irgendwo eine Party. Anlässe gab es genug: Geburtstage, Semesterbeginn, WG-Ein- und Auszüge, Diplom- und Zwischenprüfungen, Silvester, Karneval, Grand Prix Eurovision de la Chanson, DFB-Pokalfinale, Mittsommernacht, Thanksgiving, Halloween, ja sogar Heiligabend. Wenn es mal keinen halbwegs offiziellen Anlass für eine Party gab, suchte man sich einen – wie den überraschenden Tod Rio Reisers im August 1996. Als Gastgeber wusste Jörg die Gunst der Stunde zu nutzen. Sein Onkel hatte gerade einen heruntergekommenen Altbau erworben und Jörg die Wohnung im Erdgeschoss für die Party zur Verfügung gestellt, bevor das Haus kernsaniert werden würde. Die ersten Gäste trudelten gegen 22 Uhr ein. Sie waren männlich, kamen wegen des Essens, achteten kaum auf ihr Äußeres und waren in der Regel nicht sehr beliebt. Vor elf ging man nicht auf eine Party.
Um Mitternacht liefen standesgemäß drei, vier Songs von Ton Steine Scherben, der letzte dreimal hintereinander: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus! Perfekte Location, perfektes Timing! Dann aber verlangte das Publikum nach tanzbaren Disco-Klassikern und unverwüstlichen Independent-Hits und an Rio Reiser erinnerte bald nur noch eine mit einer schwarzen Schleife versehene Autogrammkarte, die über der Anlage hing. Wir waren eben keine Revoluzzer. Wir besetzten auch keine Häuser. Wir taten nur so als ob.
Um vier Uhr morgens sah die Schlammbowle aus wie Erbrochenes. Wer nicht vollgedröhnt oder mit irgendwem knutschend in der Ecke lag, war, wie ich, gerade im Begriff aufzubrechen. Mit einiger Mühe fischte ich meine Jacke aus einem riesigen Kleiderhaufen heraus. Da stürmte ein süßes Energiebündel mit dunklen Haaren und heller Haut auf die Tanzfläche. Ekstatisch, beinahe hexenhaft, bewegte sie sich zu No Good von The Prodigy. Mit wehender Mähne und ausgebreiteten Armen wirbelte sie durch den Raum und riss dabei fast die Anlage um, die wackelig auf drei aufgetürmten Bierkästen stand. Ausdruckstanz total, inszenierte Selbstvergessenheit, selbstdarstellerische Ausgelassenheit. Mir war das suspekt. Dennoch konnte ich meinen Blick nicht von der Tänzerin abwenden, ihn nicht von den Schenkelstücken lösen, die hell und verführerisch zwischen dem schwarzen Minirock und den kniehohen Stiefeln hervortraten. Sexappeal und Kindchenschema, mehr brauchte es nicht, dass ich kurzerhand so tat, als hätte ich bloß irgendwas in meinen Taschen gesucht. Ich schmiss meine Aufbruchspläne über den Haufen und meine Jacke darauf zurück, lehnte mich an die Wand gegenüber der Tanzfläche, stemmte einen Fuß dagegen und zündete mir eine Zigarette an. Die klassische James-Dean-Pose zeigte keine Wirkung. Die Tänzerin war so in ihrem Element, dass sie mich überhaupt nicht wahrnahm. Vermutlich würde sie mich nicht mal ansatzweise interessant finden. Ich sah zwar nicht schlecht aus und war mir einer gewissen Ausstrahlung durchaus bewusst, aber im Gegensatz zu ihr fehlte mir ganz offensichtlich das Feuer, das Extravagante, das Enthemmte. Eben das, was mich so an ihr faszinierte.
Ich sollte einfach zu ihr hingehen und sie anquatschen. Schließlich sprach eine Menge dafür, aber auch einiges dagegen:
Erstens – das war klar – hatte ich objektiv gesehen rein gar nichts zu verlieren … Jedoch war mein Ego da wie üblich anderer Meinung.
Zweitens war niemand mehr auf der Party, den ich näher kannte, und der von der Peinlichkeit einer möglichen Abfuhr groß Notiz genommen hätte … Nur ging es in Wahrheit nicht darum, was die anderen wirklich dachten. Es ging darum, was ich annahm, dass man von mir denken könnte.
Drittens: Falls es tatsächlich möglich war sich Mut anzutrinken, hatte ich dafür in ausreichendem Maße gesorgt … Nur liefe ich dann nicht Gefahr, nur noch dummes Zeug zu lallen?
Viertens konnte man auf privaten Partys relativ leicht mit dem anderen Geschlecht ins Gespräch kommen, ohne dass es nach plumper Anmache klang. Ich würde mich bei der Tänzerin ganz einfach nach ihrer Beziehung zum Gastgeber erkundigen … Nur müsste ich immer noch diesen verfluchten ersten Schritt wagen, mit unsicherem Auftreten und einem fetten Kloß im Hals.
Hier ein Mensch, dort ein Mensch – dazwischen nichts als unsinnige emotionale Hindernisse und Blockaden. Es machte alles keinen Sinn. Draußen dämmerte es schon. Mein Körper würde es mir danken, möglichst bald im Bett zu liegen. Die Tänzerin hatte bestimmt auch was eingeschmissen, so unkontrolliert, wie sie dort rumhampelte. Außerdem sah sie nuttig aus. Und auf elektronische Musik stand ich auch nicht. Nichts als seelenloses Wummern und Stampfen ohne jegliche Botschaft.
Ich ballte die Hände in meinen Hosentaschen, steuerte wieder auf den Kleiderhaufen zu, quer durch den Raum, stur geradeaus blickend. Plötzlich bekam ich einen heftigen Stoß von der Seite. Ich taumelte ein paar Schritte. Jemand hielt meinen Arm fest, ich fand wieder Halt. Auf einmal standen wir uns gegenüber, die Tänzerin und ich. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. So viel Ausdruck, so viel Leben! Wir lachten gleichzeitig los.
»Du, tut mir leid. Ich hab dich echt nicht gesehen«, sagte sie. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn.
»Schon gut, ich hab’s überlebt«, sagte ich. »Willst du auch was trinken?«
»Bier!« meinte sie knapp.
»Woher kennst du eigentlich Jörg?« fragte ich, nachdem wir uns etwas abseits der Boxen positioniert hatten. Wir zupften beide an den Etiketten unserer Bierflaschen herum.
»Wir waren in einer Jahrgangsstufe. Und du?«
»Ich habe ihn im Urlaub kennen gelernt ...« Das Gespräch nahm seinen Lauf. »Echt, du warst auch schon mal in Schweden? ... Man nimmt am besten sein eigenes Bier mit. Alkohol ist ja schweineteuer da oben ... Klar, darauf kommt es nicht an. Man fährt ja nicht zum Saufen hin ... Ja, die Natur ist fantastisch. Diese Ruhe und Klarheit ... Eine Kajaktour würde mich auch mal reizen … Ich kenne mich ganz gut aus mit Musik. Ich spiele auch Gitarre in einer Band … Nein, nichts Großes. Wir stehen noch ziemlich am Anfang … Klar kann ich dir mal was vorspielen … Natalie! Der Name gefällt mir.«
Da es schon kurz vor fünf war, verabredeten wir uns am nächsten Tag zu einem verspäteten Frühstück. Zwei Wochen später waren wir ein Paar.
Ich lebte damals noch in Aachen, der westlichsten Großstadt Deutschlands. Fall das ein Vorteil gewesen sein sollte, dann aufgrund der räumlichen Nähe zu den Niederlanden und den dortigen Vorkommen an exotischen Frittensoßen und legal zu erwerbenden weichen Drogen. Aachen ist eine wirklich nette Stadt. Jeder Tourist wird das bestätigen. Nett im Sinne von hübsch, beschaulich und gemütlich – also auf eine erträgliche Art langweilig. Immerhin besitzt Aachen eine Universität von Weltgeltung, jedoch nur, was die technischen Disziplinen betrifft. Das zog schon damals einen signifikanten Männerüberschuss nach sich. Maschinenbauer und Elektrotechniker waren selbst auf den Partys der Philosophischen Fakultät in der Überzahl. alle in der Hoffnung, dort etwas klarmachen, aufreißen oder die versammelte Studentinnenschaft zumindest beharrlich begaffen zu können.
Da kam mir Natalie gerade recht. Denn hübsche Frauen waren in Aachen rar gesät oder schon vergeben. Noch dazu hatte sie dem provinziellen Mief einiges entgegenzusetzen. Es steckte so viel Energie in Natalie, dass ich hoffte, sie würde mich überreden können, meinen Highway zu verlassen und eine andere Richtung einzuschlagen. Oder sie würde wenigstens meinen Blick für all das öffnen, was bei Tempo hundert beständig an mir vorbeirauschte. Zunächst schien ihr das mühelos zu gelingen. Mit einem Mal war ich zu Dingen bereit, die ich noch ein paar Wochen zuvor als peinlich, kindisch oder albern abgetan hätte. So lasen wir uns vor dem Einschlafen gegenseitig aus Donald-Duck-Heften vor und diskutierten mit unserem beschränktem wissenschaftlichen Horizont die theoretische Machbarkeit der Erfindungen von Daniel Düsentrieb. Oder wir spielten Schiffe versenken, und wer ein U-Boot erwischte, durfte dem anderen ein Kleidungsstück ausziehen. Natalie schaffte es, das Kind in mir zum Leben zu erwecken. Ein Kind jedoch, das ich aus meiner Vergangenheit nicht kannte.
An einem ungewöhnlich warmen Tag im Frühherbst schlug Natalie vor, ›mal einen auf Original-Sonntagsausflügler zu machen‹. Wir fuhren zum Rehe Füttern in die Eifel. Ich fand einen ausgewachsenen Uhu viel beeindruckender als das Rotwild. Er hockte ganz still und majestätisch auf seinem Ast. Wir starrten uns eine ganze Weile lang an, ich sah in dem Uhu meine Reinkarnation … bis Natalie mich weiterzerrte, um den Waschbären einen Besuch abzustatten. Die aber mochte ich nicht. Sie waren mir zu wuselig, zu linkisch und zu undurchsichtig. Schon immer gewesen. Natalie konnte das nicht verstehen. Wir gingen weiter. Rentner standen uns im Weg, Kinder rannten uns fast um. Das Wildgehege wurde uns langweilig. Bald streunten wir ziellos durch den Wald, bis Natalie am Rande einer Lichtung einen einsamen Hochstand entdeckte.
»Los, rauf da!« befahl sie.
Ich gehorchte mit Vergnügen. Oben angekommen, stützte sie sich mit den Armen auf die Balustrade und blickte in die Ferne. Ich stellte mich hinter sie, packte ihre Hüften und rieb mich an ihr. Schnell war ihr Rock hoch- und meine Hose runtergerutscht.
»Und wenn jetzt einer kommt?« fragte ich.
»Wenn einer kommt, dann hoffentlich du. Na los! Bevor der Jäger auftaucht, mit seinem Schießgewehr.«
Erst lachte Natalie, dann quiekte sie. Wenig später stieß sie Schreie aus, die mir entschieden zu laut waren. Ich musste ein paar Mal das Bild eines von unserem Treiben alarmierten Försters mit Flinte im Anschlag aus meinem Kopf vertreiben, bevor auch ich endlich kam.
Da nichts so schnell vorbeigeht wie die Zeit, war bald ein Jahr vorüber. Ich fühlte mich immer noch recht wohl bei Natalie, für meine Verhältnisse leicht und unbekümmert. Natürlich hatte unsere Beziehung inzwischen viel an Reiz verloren. Aber war das nicht immer so? Donald Duck hatten wir durch, Schiff versenken machte keinen Spaß mehr und Hochstände waren in der Stadt rar gesät. Unabhängig davon war mir längst klar geworden, dass Natalie und ich auf Dauer nicht zueinander passten. Ihr Temperament, das mich anfangs mitgerissen hatte, strengte mich mehr und mehr an. Ihr Tempo, das mich früher beeindruckt hatte, zehrte mehr und mehr an meinen Kräften. Natalie lief einfach zu hochtourig. Ihr innerer Motor war vollkommen überdreht. Sie benötigte eher einen Mechaniker, der sich mit so etwas auskannte, als einen Freund wie mich. Beinahe stündlich änderte sie ihre Pläne und jammerte anschließend, dass ihr das, was sie sich vorgenommen hatte, nie gelang. Ihre langfristige Zukunft sah sie mal in Berlin, um sich in linken Kreisen für den rechten Weg der Gesellschaft einzusetzen, dann mit Haus, Hof, Atelier und Pferd in der Abgeschiedenheit der Toskana. Dabei versuchte sie gerade mehr schlecht als recht über den Umweg Abendschule ihre Fachhochschulreife zu erlangen.»Warum konzentrierst du dich nicht erstmal auf die Abendschule? Scheint ja schwer genug zu sein«, sagte ich.
»Immer machst du mir alles mies. Als mein Freund solltest du mich lieber unterstützen.«
»Mach ich ja auch. Aber nicht beim Bau von Luftschlössern. Und selbst, falls ich es täte: hier Metropole, dort Landleben. Wie passt denn das zusammen?«
»Sehr gut wenn du mich fragst«, meinte Natalie schnippisch.
»Aber nur, wenn man immer den entsprechenden Ausgleich hat, also Stadtwohnung und Landhaus zur gleichen Zeit besitzt. Was wiederum gewisse Kapitalreserven voraussetzt, die du wohl kaum aufbieten kannst.«
»Ach, sei still! Man wird ja wohl noch träumen dürfen.« Natalie drehte sich weg und sah aus dem Fenster auf den betonierten Hinterhof.
»So gesehen ist Aachen doch gar nicht so verkehrt. Ne Menge Stadt mit viel Grün drum herum«, versuchte ich die Stimmung wieder zu lockern.
»Verarschen kann ich mich selbst«, sagte Natalie.
Sie warf mir einen giftigen Blick zu. Ich verschränkte meine Arme. Die Situation war verfahren. Entweder ich blieb stur und ließ es darauf ankommen. Oder ich würde sie einfach in den Arm nehmen und ihr den Vertrauensbeweis geben, nach dem sie sich sehnte. Wer würde siegen in meinem inneren Zwiespalt? Vernunft oder Mitgefühl, Trotz oder Einfühlungsvermögen, ich oder Natalie? Bevor ich mich zu einer Entscheidung durchringen konnte, schnappte Natalie ihre Jacke und stapfte davon. Ich unternahm nichts, um sie aufzuhalten.
Später am Abend saß ich mit Kai zusammen in der Küche unserer WG.
»Natalie weiß einfach nicht, was sie will«, sagte ich.
»Ist die Frage nicht eher, ob du sie noch willst«, meinte Kai.
Ich dachte kurz nach. »Schon, irgendwie.«
»Klingt ja sehr überzeugend.«
»Ich weiß ja auch nicht! Das berühmte Kribbeln im Bauch hält sich eben nicht auf Dauer – leider. Abgesehen davon sehe ich aber auch keine richtige Frau mehr in ihr. Sie kommt mir eher vor wie … na ja, wie meine kleine Schwester. Und von der Unordnung in ihrer Bude, ihrem Esoterik-Tick und dem ganzen Anarcho-Gelaber reden wir am besten gar nicht.« Ich erschrak bei der Erkenntnis, dass ich im Begriff war, meine eigene Freundin der Lächerlichkeit preiszugeben. Schlimmer noch: Ich fällte ein vernichtendes Urteil über sie. Über mich selbst urteilte ich nicht.
Kais Augen wurden größer. »Du meinst nicht, dass da noch jemand anders seine Finger im Spiel hat? Jemand namens Isabelle.«
Ich richtete meinen Oberkörper auf und formte ein ungläubiges Lächeln. »Was!? Wie kommst du jetzt darauf? Wer hat denn so was erzählt?«
»Hör schon auf! So was spricht sich rum. Aachen ist ein Dorf.« Kai grinste.
Meine Gesichtsmuskulatur befahl mir ebenfalls ein Grinsen. Ich versteckte es hinter einem großen Schluck Bier. Ich wechselte schnell das Thema, kam auf unsere Band zu sprechen und befand, wir müssten alle mehr darin investieren: mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leidenschaft.
»Wieso?« Kai lehnte sich zurück. »Es geht doch hier um Spaß, oder? Um den Ausgleich. Ich will keinen Leistungsdruck, was mein Hobby angeht.«
Ich wollte nicht auch noch Kai verstimmen und gegen mich aufbringen. Zähneknirschend zog ich mich in mein Zimmer zurück.
Wer hatte ihm bloß das mit Isabelle gesteckt? Es wusste doch praktisch niemand davon. Das Ganze lief auch erst seit rund zwei Wochen.
Als ich ein paar Tage später die Treppen zu Natalies kleinem Einzimmerappartement hinaufstieg, machte ich auf halbem Weg halt. Minutenlang trat ich von einem Fuß auf den anderen. Seit dem Morgen hatte ich die Zusage vom WDR in der Tasche, dass man mich in Köln als Trainee unter Vertrag nehmen würde. Wie würde Natalie darauf reagieren? Ein Geräusch im Treppenhaus riss mich aus meinen Gedanken. Ich ging ich rauf zu ihrer Wohnung.
Nur mit einem Slip und einem ausgeleierten Pulli bekleidet, öffnete sie mir die Tür. Sie fiel mir um den Hals und machte sich schwer wie ein Sack Zement. Früher hätte ich sofort ihren Hintern gepackt, sie aufs Bett geworfen und mich über sie hergemacht. Jetzt gab ich ihr lediglich ein Küsschen und setzte sie wieder ab. Sicherlich war Isabelle nicht ganz unschuldig an meiner sexuellen Unlust, was Natalie anging. Aber war sie auch der Auslöser dafür? Oder stieg ich mit ihr ins Bett, seit Natalie mich nicht mehr in dem Maße erregte wie früher?
Natalie schien mein Missfallen nicht zu registrieren. Während ich nur dasaß, sprang sie mit rudernden Armen zwischen zerlesenen Büchern, halbvollen Kaffeetassen, obskuren Bleistiftskizzen und leeren CD-Hüllen umher, die sie auf dem Boden zwischengelagert hatte.
»Ich geh nach Berlin«, rief sie. »Du kommst doch mit, oder?«
Ich räusperte mich. »Jetzt mach mal kurz Pause. Bitte!« sagte ich eindringlich. »Du weißt ja, dass ich mich hier und dort beworben habe. Und heute Morgen hatte ich tatsächlich eine Zusage im Briefkasten. Ab nächsten Monat habe ich einen Job beim WDR in Köln! Ist doch toll, oder? Dabei hatte ich überhaupt kein gutes Gefühl nach dem Vorstellungsgespräch. Na ja, es ist noch nicht das große Geld und so. Aber es klingt nicht schlecht.«
Natalie machte keine Anstalten, auf mich einzugehen. »Aachen, Köln! Pah! Kannst du vergessen. In Berlin geht die Post ab! Da wächst was ran, ne richtige Subkultur. Und die Mietpreise sind spottbillig.«
Erst jetzt sah ich den Jointstummel im Aschenbecher liegen. Natalie war mal wieder nicht zurechnungsfähig.
»Und wenn mir das egal ist?« sagte ich.
»Vielleicht bin ich dir ja auch egal«, meinte sie in beinahe heiterem Tonfall.
»Sag mal, spinnst du? Ich habe gerade einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Soll das ein Test sein, wie weit ich gehe?«
Ich goss mir ein Glas Rotwein ein.
Natalie kam auf mich zu und kniff mir überschwänglich in die Wangen. »Wenn du partout nicht willst, geh ich eben allein. Wirst schon sehen, was du davon hast.«
»Was ich mache, ist dir also gleichgültig. Du planst gar nicht mehr mit uns.«
»Ach was?!« rief sie.
Sie fing an zu kichern und hüpfte wieder durch den Raum. Sie war endgültig verrückt geworden. Dann sank sie plötzlich nieder, hockte da und hielt sich die Hände vors Gesicht. Vielleicht war ihr nach Weinen zumute, aber ich konnte keine Tränen erkennen. Wollte ich auch nicht. Denn insgeheim war ich froh darüber, dass Natalie mich anscheinend doch nicht so sehr brauchte, wie ich befürchtet hatte. Isabelle brauchte mich genauso wenig, das war klar. Aber es ging nicht ums Brauchen und Müssen, sondern ums Wollen und Verlangen. Ich behalf mich mit kruden Vergleichen, um ein wenig Klarheit in meinen Kopf zu bringen. Hier war die Marke Natalie, kultig und exzentrisch, aber billig produziert und schlampig verarbeitet. Dort war die Marke Isabelle, exklusiv und edel, aber völlig überteuert und ohne jeden Garantieanspruch. Eine Mischung aus beiden, das wär’s gewesen. Ich konnte mich mal wieder nicht entscheiden.
An diesem Abend sind Natalie und ich doch noch gemeinsam eingeschlafen. Arm in Arm, wie wir es gewohnt waren. Sie stoned, ich betrunken. Wir waren einfach nur müde. Ich wusste, dass wir nur noch auf Zeit spielten, und war mir sicher, dass Natalie es auch wusste. Aber es liegt eben manchmal ein langer Weg zwischen einem bereits feststehenden Entschluss dessen praktischer Umsetzung. Das Hinauszögern von etwas ist eine der großen ›Errungenschaften‹ unserer Zeit. Man zögert das Spielende hinaus, weil man fürchtet, am Ende als Verlierer dazustehen. Man vermeidet das Unausweichliche, weil es ja immer noch ein, zwei bessere Alternativen geben könnte. Man widersetzt sich dem Endgültigen, weil es einem eine Heidenangst einjagt. Es geht immer nur um die eigene Angst.
Im Februar des Jahres 1998 blickte ich zum ersten Mal aus dem Fenster meiner neuen Wohnung in Köln. Eine ganze Weile schon war ich jeden Tag fast 150 Kilometer hin und wieder zurück gependelt, um in der Nachrichtenredaktion des WDR meinem ersten richtigen Job nachzugehen (obwohl es laut Vertrag nur ein Training dafür war). Nach abgeschlossenem Studium für ein mickriges Gehalt von morgens bis abends zur Stelle zu sein, war sicherlich keine Berufung. Es fiel mir dennoch leichter als ich dachte. Immerhin würde ich Hörsaal gegen Hightech-Büro, Provinzmief gegen Großstadt-Atmo und meine Beziehung gegen eine neue Freiheit eintauschen. Ich hatte nach Feierabend noch eben ein paar Bücherkisten in die fünfte Etage hinaufgeschleppt. Bei schwacher Notbeleuchtung trank ich zwischen Farbeimern und Umzugskartons ein einsames Bier. Es schmeckte gut. Die Luft roch nach einem neuen Leben. Nach einem Leben ohne Natalie. Am nächsten Tag würde ich es ihr sagen.
Mit unnachahmlich großen Augen schaute sie mich an, während sie umständlich das Geschenk auswickelte. Ihre Mundwinkel zitterten leicht, wie immer, wenn sie aufgeregt war. Ich presste meine schweißnassen Hände auf den Stoff meiner Hose. Was ich im Begriff war zu tun, war schrecklich (und doch duldete es keinen Aufschub). Ausgerechnet an Natalies Geburtstag hinterließ ich ihr ein von mir selbst gemaltes Bild als dauerhaftes Andenken an meine Person. Danach würde ich ihr Lebewohl sagen. Nicht dass ich das Bild extra für sie gemalt hatte, es hatte zuvor jahrelang in meinem WG-Zimmer gehangen. Eigentlich nur aus einem Grund belassen: um neuem Besuch ab und an ein bewunderndes ›Oh, du malst auch?!‹ zu entlocken. Schon oft hatte Natalie mich zu überreden versucht, das Bild doch ihr zu überlassen. Erst jetzt tat ich es, denn ich wusste a) dass sie es wirklich mochte, und b) dass für diesen abenteuerlichen Versuch, postpubertäre Emotionen in Farbe zu packen, in meiner neuen Wohnung kein Platz mehr sein würde.
Was konnte ich dafür, dass Natalie gerade an diesem Tag Geburtstag hatte? Es ging ja nicht gegen sie. Wir als Paar hatten ausgedient. Das musste doch auch ihr klar geworden sein. Als sie das von meinen Händen mit Acryl auf Leinwand gekleckste Wirrwarr aus Blutrot, Giftgrün und Türkis wiedererkannte, fing sie an zu strahlen. Und ich ließ es raus:
»Ich weiß, das ist jetzt ein extrem blöder Zeitpunkt, aber meinst du nicht auch … na ja, dass es eigentlich keinen Sinn mehr mit uns hat?«
Ich sah ihr nicht in die Augen, sondern starrte auf den Ficus Benjaminus neben dem Schreibtisch, als ob ich mich an den dürren Ästen der Pflanze festhalten und in ihrem kümmerlichen Blattwerk verstecken wollte. Tränen schossen mir in die Augen. Mitleidstränen, die schnell wieder trocknen würden. Ich wollte Natalie nicht weh tun. Ich wollte überhaupt niemandem weh tun. Ich tat es dennoch immer wieder. Nicht aus Bosheit oder Hass, sondern weil es mir einfach nicht gelingen wollte, mich ganz und dauerhaft auf jemanden einzulassen.
»Warum?« fragte Natalie leise.
›Ich liebe dich nicht mehr‹ wäre eine ehrliche Antwort gewesen. ›Ich habe dich noch nie geliebt‹ vielleicht sogar auch. Jeder Erklärungsversuch verpuffte noch in meinem Kopf. Natalie konnte doch nicht ernsthaft glauben, dass wir beide noch eine Zukunft hatten. Aber sie glaubte ja auch an die Macht von Edelsteinen. Seit Wochen schlief sie mit einem walnussgroßen Malachit unter dem Kopfkissen, in der Überzeugung, dadurch ihre guten Chi-Kräfte zu stärken. Mein angeborenes Misstrauen gegenüber dem mutmaßlichen Einfluss von Gestirnen, Gesteinen und Mondphasen auf das menschliche Leben verstärkte sich dadurch nur noch mehr. Der Realist und die Träumerin. Wir beide hofften wohl, den defizitären Teil der eigenen Persönlichkeit durch den Einfluss des anderen wettmachen zu können. Zumindest ich hoffte das.
Mit einem Mal holte Natalie aus. Sie ließ den Bilderrahmen mit voller Wucht auf die Bettkante krachen. Mein Geschenk war Geschichte, wir als Paar waren Geschichte. Die Zeit hatte diese Entscheidung herbeigeführt, nicht ich. Ich fühlte mich unglücklich damit. Und ich wollte mein Bild zurück.
Natalies gute Chi-Kräfte verwandelten sich in böse, falls es so etwas gab.
»Hau bloß ab!« sagte Natalie. Kajal und Tränen gingen eine schmierige Verbindung ein, die ihr Gesicht in das eines kleinen Monsters verwandelten.
»Es tut mir leid. Du musst doch auch gemerkt haben, dass es einfach nicht mehr läuft mit uns.«
»Noch nie hat mir jemand so weh getan. Ich will dich nie wieder sehen. NIE WIEDER, hörst du?« schrie sie. »Ausgerechnet heute! Was bist du nur für ein Arschloch?!«
»Hätte ich etwa bis morgen warten sollen?« fragte ich. »Ich hab doch erst gestern Abend klar gesehen.«
»Du hast also klar gesehen? Und was ist mit den letzten, fast eineinhalb Jahren? Hast du da nie klar gesehen? Hattest du da kein bisschen Durchblick? Du wirfst mich einfach weg wie einen alten Lappen. Du entscheidest, immer nur du! Und ich hab gar nichts zu melden.«
»Das ist der erste Schock. Jetzt sei doch nicht so«, versuchte ich auf lächerliche Weise eine Situation zu retten, die nicht zu retten war. »Seit einem halben Jahr streiten wir doch nur noch.«
»Du hast mich noch nie wirklich streiten sehen«, sagte Natalie.
Schreiend stürmte sie auf mich zu. Das Trommelfeuer ihrer kleinen Fäuste auf meinem Oberkörper nahm ich kaum wahr. Innerhalb von Sekunden stand ich auf der Straße, bibberte vor Kälte und zog mir die Mütze tief ins Gesicht. Ich blickte hinauf zu Natalies Fenster. Alles schien friedlich und still. Aber hinter der Scheibe gab es einen Menschen, der von nun an ausschließlich in den hässlichsten Farben und übelsten Tönen von mir berichten würde. Das war vor über fünf Jahren.
In der Folgezeit wechselte ich noch häufiger die Beifahrer. Der Tag jedoch, an dem ich eine staubige Abzweigung nehmen konnte, wollte oder musste, lässt immer noch auf sich warten. Zwar gehörte ich endlich zur Gattung der Großstädter, Medienschaffenden und Clubberer, aber das zählt nur auf dem Imagebogen des Lebens.
Auch der Millenniumswechsel brachte nicht viel Neues. Erst erlebten die Siebziger, dann die Achtziger eine modische Renaissance. Auf Schwarzgelb folgte Rotgrün, ohne dass man irgendwelche Auswirkungen davon zu spüren bekam. Und Iris Berben wurde auch mit über fünfzig noch zur erotischsten Frau Deutschlands gekürt. Armes Land! DVD, SUV, DSL, MMS, EPS und MP3 wurden ins Rennen geworfen, um das Leben noch bunter, bequemer und betörender zu machen. Aus einem einfachen Nassrasierer wurde über Nacht ein Mach 3 Turbo Ultra Sensitive Diamond X-Control. Und peinliche Promis der B- und C-Kategorie erlangten Superstarstatus, weil sie im Dschungelcamp Schnecken aßen oder ohne Führerschein in einen Gurkenlaster rasten.
Ich höre immer noch The Smiths, an diesen Abenden, wenn eine unbestimmte Sehnsucht mich nicht einschlafen lässt, wenn die Nacht die Welt ausschließt und Stille den Lärm verdrängt. Sing me to sleep! Am nächsten Morgen aber bin ich wieder voll da und tue, was zu tun ist: Ich richte meinen Blick nach vorn und fahre weiter – geradeaus im Kreis herum. Es ist erst um dich geschehen, sage ich mir, wenn dir partout nichts mehr einfällt, was du bei Google noch eingeben sollst.