Mein Name ist Marc Singer, mein Bücherregal heißt Billy, mein Auto Alfa Romeo, meine Turnschuhe Samba und meine Matratze Mona (das habe ich nur deshalb behalten, weil ich es beim Kauf höchst amüsant fand, dass meine künftige Schlafunterlage einen Frauennamen tragen würde). Meine Digitalkamera nennt sich Ixus, mein Drucker Stylus, meine Armbanduhr Seamaster, mein Laminat Durafix und meine Gitarre Les Paul – also Paula (wie bei jedem Gitarristen, der dieses Modell spielt). Ach ja, mein Lieblingsstofftier aus Kindertagen heißt Sylvester, obwohl es ein Hund ist. Lauter klangvolle Namen, ich befinde mich in bester Gesellschaft – als Produkt einer Zeit, die man sich besser kaum vorstellen kann. Alles glänzt und strahlt, bereitet Freude und Vergnügen, ist herrlich einfach und superbequem, lenkt dich ab, wenn du mal nicht weiter weißt, lullt dich ein, wenn du gerade anfängst nachzudenken. Jeder tut nur noch das Nötigste, erledigt sein Leben, weil es noch nie so leicht war. Sylvester hat sich da natürlich nichts vorzuwerfen. Er lebt seit längerer Zeit zusammen mit ein paar Artgenossen in meinem Keller und kann aus eigener Kraft nicht raus aus seinem Karton. Ich könnte das schon. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.
Nach dem Aufwachen liege ich einfach so da – auf meiner Mona – und freue mich, dass ich nicht arbeiten muss. Ich bin krank geschrieben, ohne krank zu sein. Ein leichter Schnupfen, weiter nichts. Freue ich mich wirklich? Über die unverhoffte Freizeit schon. Nicht aber über das schmuddelige Novemberwetter. Auch nicht über den Lärm, den die Warenannahme des Supermarktes gegenüber verursacht. Noch weniger über das Ziehen in meinem Nacken. Und schon gar nicht darüber, dass mein Rechner gestern Abend wieder mal abgestürzt ist. Nur unter Aufwendung mehrerer Arbeitsstunden wird es mir gelingen, meinen Internetzugang wieder herzustellen, um mit der Welt in Kontakt zu bleiben. So kann man den Tag auch rumkriegen.
Fast unfreiwillig habe ich mich mit den Jahren die soziale Leiter hochgearbeitet, zumindest ein paar Sprossen. Über die Vermittlung eines Bekannten bekam ich eine Stelle in der Marketingabteilung des Artemon-Verlags. Artemon bringt mit erstaunlichem Erfolg Bildbände zu den unterschiedlichsten Themengebieten heraus. In erster Linie ist dieser Erfolg den Erotiktiteln zuzuschreiben, genauer gesagt der hohen Kunst der erotischen Fotografie: Peter Lindbergh, Helmut Newton, Herb Ritts, Man Ray. Womit der Beweis erbracht wäre, dass Sex sells auch auf einem höheren Niveau funktioniert, als ich es in der Regel bevorzuge. Ich hänge nicht wirklich an meinem Job, aber ich hätte es schlimmer treffen können. Ich bin da ganz realistisch.
Ich starre an die Decke und denke nach. Meistens endet es damit, dass ich mir einen runterhole. Die Decke sieht noch genauso wie gestern Abend. Bis auf den kleinen dunklen Punkt hinten rechts in der Ecke, der scheint neu zu sein. Ich bin versucht aufzustehen und herauszufinden, ob es sich dabei um ein Insekt handelt, das es zu eliminieren gilt. Aber ich bin zu träge. Ich drehe mich auf die Seite. Eine Dose Hustenbonbons, eine Schachtel Luckies, zwei Päckchen Tempotaschentücher, ein Glas mit verkrusteten Rotweinresten, eine Leselampe mit Chromfuß, ein altersschwacher Radiowecker, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Kundera als Paperback – ein modernes Stillleben auf meinem Nachttisch. Ein modernes Stillleben auch im Bett: ich.
Ich schließe meine Augen und sehe Szenen eines Traumes, der schnell vergessen sein wird: zwei Körper, Mann und Frau. zuckend … Ein Haus am Meer. Ein himbeerfarbener Himmel. Ein seltsames Schmatzen im Hintergrund ... Ein riesiger Fisch, der auf dem Küchenboden zappelt. Wasserhähne, aus denen zäher Schleim quillt. Ein maskierter Zwerg, fast wie bei Twin Peaks ... Thomas Gottschalk in einem Schlangenlederanzug. Verdammt! Was hat der in meinem Traum zu suchen?
Wetten, dass ich es schaffe, wenigstens diesmal das noch vor wenigen Minuten im Schlaf Erlebte genau zu rekonstruieren. So sehr ich mich bemühe, ich verliere die Wette, habe nur noch zusammenhanglose Fragmente vor Augen: zwei Körper, Mann und Frau, zuckend – immerhin. Innerhalb von Sekunden nehmen Isabelles Brüste vor meinem geistigen Auge Gestalt an. Ich kann nichts dagegen tun. Plötzlich sind sie da, noch praller und wohlgeformter als zu der Zeit, da ich sie noch anfassen und an ihnen saugen durfte. Wetten, dass ihr die Tatsache, dass ich mich noch immer an ihr aufgeile, garantiert schmeichelt. Ich blicke sie an, wie sie rittlings auf mir sitzt, sich auf und ab bewegt. Mit der einen Hand wirft sie nach jedem Schwung ihre Haare zurück, mit der anderen krallt sie sich an meiner Brust fest. Wie lebendig sie in meiner Erinnerung ist. Mein Gehirn leistet großartige Arbeit. Wie viel Speicherkapazität mag es haben? Lässt sich das überhaupt in Gigabyte ausdrücken? Scheiße, das bringt mich raus. Ich muss mich konzentrieren … Ja, so ist es gut. Je plastischer meine Vorstellung wird, desto schneller bewegt sich meine Hand. Nach wenigen Minuten komme ich. Danach starre ich wieder an die Decke. Der dunkle Punkt ist verschwunden. Er muss gelebt haben.
Ich wische mir das Sperma vom Bauch und springe unter die Dusche. Der Wasserstrahl verbrüht mir fast die Haut. Es braucht einiges, um meine Sinne aus der Reserve zu locken. Wo früher eine leichte Berührung ausreichte, muss es heute ein festes Zupacken sein. Wo früher eine sanfte Brise wehte, tobt heute ein Orkan. Schneller, höher, weiter, besser – das war gestern. Top-Speed, Highscore, First Class, Best Choice – das ist das Hier und Jetzt. Das Stimulationslevel steigt ständig. Das fängt schon bei der Körperhygiene an. Ich besitze Duschgels mit Meeresmineralien, Grünteeextrakt, Mandelmilch, Rosenöl, Grapefruitaroma, Aloe Vera und Mentholauszügen. Duschgels in allen Farben und für alle Stimmungen. Bevor ich etwas Neues ausprobiere, studiere ich zunächst die Angaben auf der Verpackung. Erst, wenn ich zwischen all der Chemie, zwischen Natriumlaurylsulfat und Propylenglykol, ein Wort lateinischen Ursprungs entdecke, wird das Produkt für ansatzweise natürlich, das heißt für gut befunden, und gekauft. Natürlich weiß ich, dass sich Allergien und Alterungsprozesse, Mangelerscheinungen und Überempfindlichkeiten davon in keiner Weise beeindrucken lassen. Aber was soll’s, es ist der Glaube, der zählt. Ich betrachte meine Duschgelsammlung und entscheide mich für etwas Belebendes mit Ingwerextrakt, Zingiber Officinalis heißt es offiziell. Während ich mich einseife, denke ich noch einmal an Isabelle.
Ich kannte Isabelle schon länger vom Sehen, aber wir hatten bis zu jenem Abend noch nie ein erwähnenswertes Wort miteinander gewechselt.
Es war der Anfang vom Ende meiner Beziehung zu Natalie. Wir stritten mal wieder wegen einer Kleinigkeit. Angeblich hatte ich die Pinzette, mit der sie ihre Augenbrauen zupfte, dazu missbraucht, Haar- und Seifenreste aus dem verstopfen Abfluss im Wachbecken ihres Bades herauszupulen.
»Hab ich nicht«, sagte ich.
»Hast du doch!« brüllte Natalie.
»Nein!«
»Ich weiß es aber besser.«
»Und wenn schon.«
»Du hast mich also angelogen?«
»Was heißt hier angelogen? Ich wollte nicht, dass du dich aufregst. Ich mach die Scheißpinzette schon wieder sauber.«
»Bestimmt war es auch gelogen, dass ihr vorgestern Bandprobe hattet. Du wolltest mich nur nicht sehen.« Natalie dehnte das Thema aus.
»Völliger Quatsch! Natürlich hatten wir Probe.«
»Weißt du was? Ich vertrau dir nicht mehr.« Sie hielt ihren Zeigefinger drohend an mein Kinn. »Vielleicht hast du ja auch ne andere.«
»Sag mal, spinnst du? Der ganze Aufstand, nur weil im Bad endlich wieder das Wasser abfließt? Ich finde verstopfte Abflüsse weitaus ekliger als verschmutzte Pinzetten.«
Ich setzte mich an den Küchentisch, schlug die Beine übereinander und trank einen Schluck Kaffee. Er war nur noch lauwarm. Ich spuckte ihn in die Tasse zurück.
»Wie du schon dasitzt und dich an der Tasse festklammerst«, fauchte Natalie. »Totale Abwehrhaltung. Du hast was zu verbergen. Was ist es? Sag schon!«
»Das einzige, was ich eventuell verbergen möchte, ist im Augenblick meine Wut auf dich.« Wann immer ich mich bemühte, ruhig und besonnen zu bleiben, klang es irgendwie zynisch.
»Weißt du, was du bist? Ein totaler Egoist. Ein selbstsüchtiger Lügner!«
»Schön! Wo du schon so offen bist, verrat ich dir jetzt auch mal was« Ich sah Natalie in die Augen. »In meinen Augen bist du eine abgedrehte Psychokuh!«
Das saß. Natalie hockte sich aufs Sofa und nahm schmollend ein Buch in die Hand. Wortlos verließ ich ihre Wohnung. Im Treppenhaus trat ich ein paar Mal gegen die Wand. Trotz der unterschwelligen Gewissheit, dass sie in Wirklichkeit auf meine Rückkehr hoffte, beschloss ich, mich an diesem Abend nicht wieder bei ihr blicken zu lassen. Ich wollte ein Zeichen setzen. Bis hierhin und nicht weiter! Je überzeugter ich von der Richtigkeit dieser Entscheidung war und je weiter ich mich von Natalies Wohnung entfernte, desto mehr plagten mich schlechte Gefühle. Ich würde sie mir wegtrinken. Ohne nachzudenken steuerte ich direkt auf das Savoy zu. Wie immer, wenn die Musik etwas lauter und die Biere etwas größer sein mussten.
Das Savoy war ein ziemlich heruntergekommener Schuppen, in dem es ständig nach Klosteinen roch. ›Immer noch besser als nach Pisse‹, meinte Kai einmal und taufte den Laden kurzerhand in Ocean Fresh um. Er scheiterte aber daran, seine Namensschöpfung als neuen Standard in unseren Kreisen zu etablieren, was, wenn man so will, die Schuld von Ute, der Wirtin, war. Ihr Alter ließ sich genauso schwer schätzen wie das eines Fisches. Unter dem Einfluss der farbigen Deckenstrahler hielt man sie höchstens für Mitte dreißig. Bei Tageslicht aber ließen sie der fahle Teint, der faltige Hals und die furchenreiche Augenpartie aussehen wie ihre eigene Mutter. Keiner von uns wusste, wie alt sie wirklich war. Aber wenn wir uns verabredeten, dann nie ›im Savoy‹, sondern ganz einfach ›bei Ute‹ – womit wir uns ungewollt auf das provinzielle Niveau von Stammtischen und Kegelclubs begaben. An diesem Abend traf ich bloß Henry und Dirk. Sie unterhielten sich über Motocross. Henry fuhr ab und zu Rennen. Dirk besaß einen Chopper. Ich hatte nicht mal einen Motorradführerschein. Nach zwei großen Bieren und einer Weile dumm Rumstehen hockte ich mich auf eine der Fensterbänke, die im Savoy als Sitzgelegenheit dienten. Ich stierte auf die Wand gegenüber, die nur von einer dicken Schicht Konzertplakate zusammengehalten zu werden schien. Bands mit Plattenverträgen in den Taschen präsentierten ihre Tourdaten großformatig in Vierfarbhochglanz. Regionale Acts mussten sich mit billigen Schwarzweißkopien zufrieden geben. Das Plakat, das vom letzten öffentlichen Auftritt meiner Band gekündet hatte, war nicht mehr zu sehen. Stattdessen die Leningrad Cowboys (ein Haufen durchgeknallter Finnen, der sich aus Imagegründen mit den Insignien des Kommunismus schmückte), die UK Subs (so lange du dein Instrument noch halten kannst, bist du noch nicht tot) und eine lokale Größe namens Sweep, die im Twilight sogar als Vorband von Buffalo Tom randurfte. Damit waren sie bereits weiter gekommen, als wir es je geschafft hatten. Beneidenswert! Ungerecht!
Ich träumte wie früher von wenigstens einem großen Auftritt, als vier bis fünf Mann plötzlich zur Tür hinaus stürmten und dabei ein Prachtexemplar von Frauenhintern versehentlich auf meinen Schoß drückten.
»Idioten!« rief die Frau ihnen hinterher. Dann drehte sie sich zu mir um. »Sorry.«
»Nichts passiert«, erwiderte ich.
»Hey, wir kennen uns doch vom Sehen.«
»Stimmt«, sagte ich.
Sie musterte mich kurz. Mir war sofort klar, dass sie sich für den Rest der Nacht an mich halten wollte. Und ich musste nichts dafür tun, konnte ganz entspannt sein, wie großartig. Außerdem tat Ablenkung Not.
»Ich heiße Isabelle«, sagte sie.
»Ich weiß«, lachte ich. Aachen war ein Dorf.
Als hätte Natalie hellseherische Fähigkeiten gehabt (was ihre Annahme betraf, dass es eine andere gab), stülpten sich noch in derselben Nacht Isabelles Lippen über meinen Penis. Sie nahm ihn so tief in den Mund, dass sich der winzige, noch nicht von der puren Lust vereinnahmte Teil meines Gehirns, wunderte, dass sie keinen Brechreiz bekam. Währenddessen wanderten ihre Finger an eine Stelle meines Körpers, die bis dahin ausschließlich mir gehört hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes peinlich berührt, kniff ich reflexartig meine Hinterbacken zusammen, ließ sie dann aber gewähren. Keine zwei Minuten später ejakulierte ich in ihrem Mund. Es war ein grandioses Gefühl.
»Ich mag es, Sperma zu schlucken«, sagte Isabelle unaufgefordert. In einem Tonfall, als würde sie mir ihre Lieblingsfarbe nennen.
»Ach ja?« Mehr viel mir dazu nicht ein.
Da ich überaus dankbar für das soeben Erlebte war, vermied ich es, ihre Vorlieben und Gewohnheiten näher zu hinterfragen. Dass sie seit Jahren einen Freund hatte, wusste ich ja bereits.
So gesehen traf es sich gut. Wir fickten um des Fickens willen. Warum auch nicht? Zum ersten Mal in meinem Leben schalteten sich weder Herz noch Hirn in das sexuelle Erleben ein. Keine Erwartung, die groß enttäuscht werden konnte. Keine Strategie, den anderen fest an sich zu binden. Keine Angst, zu weit gehen zu können. Kein Abtasten davor, kein Schmusezwang danach. Einfach nur Sex. Und der entwickelte sich wie von selbst.
Über Isabelles Freund wusste ich kaum etwas. Während sie sich regelmäßig ins bescheidene Aachener Nachtleben stürzte, blieb er meistens zu Hause, öffnete eine Flasche Gran Reserva, legte eine Jazz-CD ein und widmete sich Kafka oder Nietzsche, wenn er nicht gerade über seiner Magisterarbeit in Philosophie brütete – viel mehr ließ Isabelle nicht über ihn verlauten. Das Wenige genügte mir, um ihn nicht zu mögen, ihren Philosophen. Und mit zunehmender Abhängigkeit von ihrem Fleisch mochte ich ihn noch weniger. Bis ich schließlich ein neues Feindbild vor Augen hatte: das eines elitären, snobistischen und weltfremden Schöngeistes, der nie in der Lage sein würde, Isabelles elementarste Bedürfnisse zu stillen. Jemand, dem die einfachsten Lebensfreuden nicht gut genug und viel zu banal erschienen, für den alles Tiefe haben und mit Sinn behaftet sein musste. Ganz sicher gehörte ich in das untere Drittel seines sozialen Schubladenschrankes. Ich, der Kafka nie gelesen hatte, und der von Nietzsche nichts als ein paar Thesen kannte. Ich, der Untermensch, der mit Jazz nichts anzufangen wusste außer wegzuhören, der stattdessen zu Punkkonzerten pilgerte und mit seinen Freunden über nichts anderes als Biersorten, Fußball, Star Trek und Titten redete. Ich, der keine humanistischen Reden schwang, sondern stundenlang darüber diskutieren konnte, in welches Loch die schwarze Acht am Ende eines Pool-Spiels denn nun versenkt gehört. So denkt er über mich, dachte ich über ihn. Dabei kannte er nicht mal meinen Namen.
Nur einmal bekam ich ihn tatsächlich zu Gesicht, an Isabelles 27. Geburtstag, den sie in kleinem Kreis, aber mit großem Brimborium zelebrieren wollte. Champagner, teurer Rotwein, Kaviar und Räucherlachs als Kampfansage an das übliche Stundentenbudget, das gerade mal für Flaschenbier, Fladenbrot und Zaziki ausreichte und bis dato nie in Frage gestellt wurde. Noch dazu wurde von jedem Gast ein gewisser Chic erwartet. Ich konnte mir nur allzu gut ausmalen, dass der Philosoph da seinen Einfluss geltend gemacht hatte. Aus nahe liegenden Gründen weigerte ich mich, Isabelles Feierlichkeiten beizuwohnen. Sie jedoch überhörte meine Zweifel und zog mit geschürzten Lippen zielstrebig mein braunes Hemd und eine schwarze Cordhose aus meinem Kleiderschrank.
»Das ziehst du an«, sagte sie.
»Ich denk ja nicht dran«, erwiderte ich.
»Ich finde, dass du als mein Liebhaber allein anstandshalber wenigstens zum Gratulieren vorbeischauen solltest. Bring doch Natalie einfach mit. Ich würde sie sowieso gern mal kennen lernen.«
»Sag mal, spinnst du?« Im misslungenen Versuch einer Drohgebärde baute ich mich vor ihr auf. »Wenn es eine perfide Seite an dir gibt, von der ich noch nichts weiß, ist es vielleicht besser, wenn du mir das sagst.«
Isabelle legte ihre Hände an meine Wangen. »Komm einfach, okay?«
»Niemals«, sagte ich.
Isabelle setzte einen gekränkten Blick auf.
»Echt nicht.«
Isabelle sah mich herzerweichend an.
»Das ist ne Schnapsidee.«
Isabelle blickte tieftraurig drein.
»Schon gut. Ich komm ja«, gab ich nach.
Ich redete mir ein, dass es ja nicht schaden könne, meine Vorurteile den Philosophen betreffend endlich einmal bestätigt zu wissen.
Allein sein Anblick genügte mir: mittellange zurückgekämmte Haare, beigefarbener, eng anliegender Rollkragenpulli, graue Flanellhose, glänzende schwarze Schuhe und – als hätte er ein Klischee zu erfüllen, als hätte er mein Klischee zu erfüllen – eine dunkel geränderte Hornbrille. Wim Wenders minus zwanzig Jahre, dachte ich, da kam er auch schon auf mich zu.
»Hallo ... Ralf?«
»Marc«, berichtigte ich.
»Ach ja, entschuldige.«
Du solltest dir meinen Namen besser merken, war ich gewillt zu sagen, weil ich nämlich deine Freundin bumse. Sie bettelt sogar förmlich darum. Sie braucht es so dringend wie Essen und Trinken ... Da war er schon wieder in der Küche verschwunden.
Nachdem mir Isabelle im Bad unbemerkt von den anderen Gästen in den Schritt gegriffen hatte und dabei lüstern gegrinst hatte, hing sie zehn Minuten später wieder am Arm ihres Freundes. Ich hatte genug von ihrer Party und von ihrem falschen Spiel. Ich ging, ohne mich zu verabschieden. Ich hätte nicht übel Lust gehabt, Isabelle einfach eine zu scheuern und den ganzen Mist auffliegen zu lassen. Ich redete mich damit raus, dass ich mich niemals auf so ein niedriges, intrigantes Niveau herablassen würde. In Wirklichkeit war ich zu schwach und zu feige. Laut schreiend und bei jedem Halt aufs Lenkrad einschlagend, fuhr ich nach Hause. Dort vergrub ich mich, noch lauter schreiend, in mein Kopfkissen. Am nächsten Morgen hatte sich meine Wut verbraucht, ich fühlte mich wieder besser.
Meiner Liaison mit Isabelle tat der vorherige Abend keinen Abbruch. Meiner Beziehung zu Natalie auch nicht. Im Gegenteil: Ohne eigene Freundin in der Hinterhand wäre ich Isabelle geradezu hoffnungslos ausgeliefert gewesen. Und da Natalie wieder ein neues (diesmal beinahe ernsthaft zu nennendes) Lebensziel hatte, nämlich nach Berlin zu gehen, schöpfte sie genauso wenig Verdacht wie Isabelles Philosoph, für den seine Beziehung über alles erhaben zu sein schien. Isabelle wiederum hatte nichts anderes im Sinn, als diese Tatsache gnadenlos ausnutzen. So standen wir eines Abends – nach einigen Umwegen, die ich nicht verstand, aber auch nicht hinterfragt hatte – wie zufällig vor dem Haus des Philosophen. Er sei zu Besuch bei Freunden und würde erst in zwei Tagen wiederkommen, erklärte mir Isabelle nüchtern. Auf einmal verstand ich, was sie damit bezwecken wollte.
»Ich kann das nicht. Lass uns zu mir gehen«, zierte ich mich.
»Hast du etwa Angst?« Isabelle grinste nur und wedelte aufreizend mit dem Schlüsselbund. »Entweder hier oder gar nicht.«
»Du bist ja pervers«, sagte ich.
Ein paar Minuten später stand ich in der Wohnung des Philosophen. Die Schlichtheit eines Klosters vereinte sich mit der Gediegenheit einer Hotellobby. So etwas nannte man Stil, das musste ich neidlos anerkennen. Ich vermied es jedoch, mich näher umzusehen, den Bildern an den Wänden oder den Büchern in den Regalen Beachtung zu schenken. Instinktiv fürchtete ich mich dafür, etwas zu entdecken, das mir sympathisch hätte sein können. Etwas, das mein Bild über ihn zurechtgerückt hätte.
Lautmalerisch und gestenreich drückte ich mein Missfallen aus. Isabelle ging gar nicht darauf ein. Sie drehte mir den Rücken zu und drückte ihr Gesäß in meinen Schritt. Unvermittelt fragte sie, ob ich es ihr zur Abwechslung nicht einmal von hinten besorgen könnte. Ihre Lüsternheit nahm immer extremere Züge an. Sie wollte sich nicht damit begnügen, dass etwas gut war. Es musste immer noch besser, noch radikaler, noch experimenteller, noch freigeistiger sein. Als garantiere nur das Überbordwerfen aller sittlichen und moralischen Werte (für die ich zwar nicht besonders viel übrig hatte, die mir aber bis zu einem gewissen Grad durchaus sinnvoll erschienen) maximalen Lustgewinn. Mit einem Mal fühlte ich mich schuldig. Ausgerechnet hier, in der Wohnung des Betrogenen, das war ganz und gar falsch. Und als ob das nicht reichte, empfand ich auch noch so etwas wie Mitleid mit dem Philosophen. Denn das, was wir taten – und vor allem, wo wir es taten – erniedrigte ihn in unseren Köpfen. Als würden wir ihn treten und bespucken und auch noch Vergnügen daran finden. Ich weiß nicht, welche bizarre Art der Befriedigung Isabelle dabei empfand, aber ich kam ihrem Wunsch am Ende nach. Der erste Analverkehr meines Lebens gestaltete sich jedoch viel beschwerlicher und längst nicht so aufregend, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zumal Isabelle zwischenzeitlich ins Bad musste, um sich ›hintenrum‹ einzucremen.
Des Öfteren fragte ich mich, warum mir Isabelles Klasse in der Zeit, da wir uns nur vom Sehen kannten, entgangen war. Womöglich war ich damals völlig blind gewesen. Oder ich steigerte mich jetzt derart in etwas (in sie) hinein, dass ich auf einmal für alles andere blind war. Auch fragte ich mich, warum sie ausgerechnet mich zu ihrem Liebhaber auserkoren hatte. Hätte sie nicht jeden haben können? Ich vermied es, sie darauf anzusprechen, um sie gar nicht erst ins Grübeln zu bringen.
Allein ihre Art sich zu kleiden machte mir bewusst, dass sie in einer anderen Liga spielte. Meist trug sie dunkle, edel wirkende Stoffe, die selbst, wenn sie aus Secondhand-Läden stammten, immer einen Hauch von Haute Couture versprühten. ›Du gibst in deinen ausgewaschenen Jeans und schlabberigen Band-T-Shirts eine äußerst lächerliche Figur ab‹, schienen sie mir zuzurufen. Auch rhetorisch konnte ich Isabelle kaum das Wasser reichen, obwohl sie nicht einmal studierte. Häufig hatte ich in ihrer Gegenwart das Gefühl, nur dummes Zeug zu brabbeln, während sie jedes ihrer Worte mit Bedacht zu wählen schien. Sie pflegte alles, was sie sagte, mit einer solch sanften Bestimmtheit auszuformulieren, dass selbst derbste Ausdrücke aus ihrem Mund (die ihr nur äußerst selten über die Lippen kamen), für mich wie moderne Poesie klangen. Ja sogar, wenn ich Isabelle pinkelnd auf dem Klo hocken sah, hafteten ihr unsichtbare fünf Sterne an. Weil sie alles mit einem Selbstverständnis anging, als galten für sie ganz eigene Regeln und Gesetze, als lebte sie in einer Welt ohne Stolz und ohne Scham. Sie gehörte damit praktisch zu einer anderen Spezies. Aber so lange sie mich wollte, sollte sie mich haben. Denn sie befriedigte mich nicht nur körperlich in einer Weise, wie ich vorher es noch nie erlebt hatte. Sie befriedigte vor allem mein Ego. Oder mein Ego befriedigte sich selbst, indem es sich – dank Isabelles Zutun – einredete: Du bist ein bewundernswerter Mensch. Du bist ein prachtvoller Mann. Du kannst jede haben.
Nach einigen Wochen kam der Tag, an dem ich Natalie verließ. Sie war nie dahinter gekommen, dass ich sie betrogen hatte. Ich hatte es ihr auch nie gestanden, nicht mal am Abend der Trennung, wobei es darauf nun auch nicht mehr angekommen wäre. Ich behielt Isabelle für mich, weil ich der festen Überzeugung war, dass sie mit meiner Beziehung zu Natalie nicht das Geringste zu tun hatte. Als hätte ich völlig unverhofft die Pforten zu einer Parallelwelt entdeckt, von der es keinerlei Verbindung zu meinem wirklichen Leben gab. Ich hatte mich selbst von Anfang an belogen, weil es die für mich angenehmste und sicherste Lösung war. Den Beweis dafür lieferte ich mir selbst. Denn von dem Tag an, da ich wieder solo war, entfachte Isabelle nicht nur das Begehren in mir, möglichst oft mit ihr zu schlafen, sondern auch den Wunsch, möglichst oft mit ihr zusammen zu sein.
Es war ein warmer Sonntag im Mai. Der noch fremde Geruch meiner neuen Wohnung mischte sich mit dem Geruch nach Sommer, Schweiß und Sex. Als sich die letzten Sonnenstrahlen aus meinem Schlafzimmer zurückgezogen hatten, sah Isabelle auf die Uhr, dann entschuldigend in meine Augen. Zum Abschied leckte sie mir mit nasser Zunge über den Hals. Dann zog sie sich hastig an und kehrte zu ihrem Philosophen zurück. Durch das offene Fenster hörte ich, wie sie in ihrem Wagen davonfuhr. Mich überkam das Gefühl, dass dies ein Abschied für immer war. Was, wenn sie dich nicht mehr braucht, fragte ich mich, wenn sie dir entwachsen ist, wenn sie dich aufgetragen hat wie ein altes T-Shirt, das man nur noch zum Schlafen anzieht, bevor man es wegwirft?
Mit einem Mal fühlte ich mich einsam und leer. Wie ein Gefängnisinsasse, der nach einem seltenen Besuch zu einer festgelegten Zeit wieder weggesperrt wird und dann die Tage, Stunden und Minuten bis zum nächsten offiziellen Besuchstermin zählen darf. Das Gleichgewicht zwischen Isabelle und mir war zerstört, seit ich wieder Single war. Sie konnte nun nach Belieben über mich verfügen, in der Gewissheit, dass ich sie niemals abweisen würde. Vorher mag sie bereits die Stärkere gewesen sein, nun wurde sie übermächtig. Schon bald würde ich an Reiz für sie verlieren. Wenigstens einmal aber wollte ich neben ihr einschlafen und neben ihr aufwachen, sie in den Schlaf wiegen und ihr Frühstück machen. Verdammte Romantik!
Ich nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, drehte die Anlage auf und sah aus dem Fenster hinaus ins Nichts. Her soul slides away, but don’t look back in anger, I heard you say sangen Oasis. Ich stellte den CD-Player auf Repeat und hörte den Song mindestens zehnmal hintereinander. Doch statt mich zu beruhigen, wurde der Refrain (je öfter ich ihn mitsang), zum Sinnbild bösartiger Ironie für mich. Nach dem fünften Bier wählte ich Isabelles Nummer. Der Anrufbeantworter sprang an. Ich konnte mir nicht wirklich sicher sein, dass Isabelle nicht zu Hause war. Vielleicht wollte sie ungestört sein und war nicht mal allein. Es war mir egal. Ich besprach, nein: beschrie das Gerät, bis keine Silbe mehr draufpasste und ein schnöder Piepton meinen wütenden Appell herzlos abwürgte. Ich ließ Isabelle wissen, dass mich die Situation innerlich zerriss, und keinen Zweifel daran, dass ich mich von ihr ausgenutzt fühlte. Ich teilte ihr mit, dass mir schlecht wurde bei der Vorstellung, wie sie in den Armen eines anderen lag, und dass ich mir nach jedem Abschied von ihr vorkäme wie ein billiger Wegwerfartikel. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich nie kapieren würde, warum sie mit einem derart weltfremden und unmännlichen Kerl zusammenblieb, zumal sie ihn ohnehin nach Strich und Faden betrog. Und ich unterstellte ihr, dass sie neben mir ja bestimmt noch andere Liebhaber hätte, die sie ruhig richtig rannehmen sollten, wenn sie das denn bräuchte.
»Was fällt dir ein? Bist du völlig durchgedreht? ... Meinst du, ich habe es nötig ... Was, wenn Tobias das gehört hätte? ... Was bin ich denn in deinen Augen? Eine billige Hure? ...«
Ich hielt den Hörer immer wieder vom Ohr weg. Ich wollte mir Isabelles gegen meine Person gerichtetes Plädoyer nicht in allen Einzelheiten anhören. Ich hatte sie noch nie die Contenance verlieren sehen, geschweige denn so aufgebracht erlebt. Aber in diesem Moment war ich mir sicher, dass sie Schaum vor dem Mund hatte. Fest stand: Ein weiteres falsches Wort von mir und alles wäre vorbei. Jammernd entschuldigte ich mich für meinen unkontrollierten Ausbruch und schob es auf den Alkohol. So etwas käme nie wieder vor, versprach ich ihr, und wenn ich dafür das Telefonkabel aus der Wand reißen müsste. Mir seien einfach die Sicherungen durchgebrannt, weil sie mir so viel bedeutete und ich Angst davor hätte, sie zu verlieren. Langsam beruhigte sie sich wieder. Ihre Stimme wurde allmählich wieder gewohnt klar und sanft.
»Ich will mit dir zusammen sein, Marc. Dich streicheln, deine Küsse spüren, deinen Geruch einsaugen. Aber du machst es kaputt, wenn du dich in mich verliebst. Das ist dir doch klar?«
Natürlich war mir das klar. Also ließ ich es und wunderte mich, dass es so einfach war. Ich konnte der Aussicht auf unzählige weitere Ficks einfach nicht widerstehen. Mein Schwanz war sturer als mein Kopf und stärker als mein Herz.