Die letzten beiden Tage waren überaus ereignisreich, ohne dass ich etwas dazu beigetragen hätte. Maki ist zurück und mein Vater fort für immer. Ein Glücksfall und ein Unglücksfall (im wahrsten Sinne des Wortes) führen dazu, dass meine Gedanken heute überraschend frei sind. Statt an Sex mit Isabelle denke ich an einen Urlaub mit Maki, den es nie gegeben hat. Statt ins Internet zu gehen, drehe ich eine Runde an der frischen Luft und mache mir Gedanken darüber, was in meiner Kindheit alles falsch gelaufen ist und wo es mich hingebracht haben könnte. Statt mir Pornovideos anzuschauen, sehe ich mir die wenigen in meinem Besitz befindlichen Familienfotos an, die mich als kleinen Knirps gemeinsam mit meinem Vater zeigen. Da die Bilder keinerlei Rückschlüsse auf in irgendeiner Form getrübte Familienverhältnisse zulassen und – viel entscheidender – keine spürbare Emotion in mir wecken, stelle ich das Album wieder ins Regal zurück. Ich wende mich anderen Erinnerungsstücken zu.
Ich ziehe zwei große Kunststoffkisten voller alter Audiokassetten hervor und beschließe spontan, jede einzelne einer gründlichen mechanischen und akustischen Qualitätsprüfung zu unterziehen. Weit komme ich nicht, denn schon fällt mir ein uraltes Demotape meiner Band in die Hand. Für das Cover hatte ich damals unseren Bandnamen mit einem Prägegerät in dünne schwarze Plastikstreifen gedrückt, diese auf ein Schwarzweißfoto geklebt, das eine Tankstelle in irgendeinem amerikanischen Wüstenkaff zeigte, das Ganze dann kopiert und zurechtgeschnitten. Keinen Monat später kam die erste Rage-Against-The-Machine-Scheibe auf den Markt. Zwar war statt der Tankstelle ein brennender Mönch abgebildet, aber die grandiose Idee mit den Prägebuchstaben war dennoch nicht mehr meine. Von da an befand jeder, dass wir unsere Covergestaltung ja wohl ziemlich dreist abgekupfert hätten.
Ich lege das Band ein. Es rauscht und knistert, der Sound ist dünn wie Knäckebrot, der Gesang nur ein belangloses Hintergrundmurmeln. Das hat er also sein sollen, der Beginn einer hoffnungsvollen Musikerkarriere.
Björn, Kelly und ich waren schon seit Wochen auf der Suche nach einem neuen Schlagzeuger für unsere Band, weil unser Drummer Olli weder das Tempo halten konnte noch seine Klappe, wenn es um eine weitere fadenscheinige Ausrede ging, warum er mal wieder unentschuldigt die Probe versäumt hatte. Wir freundeten uns bereits widerwillig mit dem Gedanken an, uns einen leblosen, aber wenigstens zuverlässigen Drumcomputer als Taktgeber zu besorgen, als sich jemand namens Kai auf unseren schon fast vergessenen Aushang am Schwarzen Brett der Uni hin meldete. Kurzerhand vereinbarten wir eine Probesession. Tatsächlich erwies sich Kai in Sachen Trommelfellbehandlung um Klassen besser als Olli. Jetzt mussten ihm nur noch unsere Songs gefallen. Leider hatten wir keine andere Wahl, als ihm unser bis dato einziges, stümperhaft aufgenommenes Demotape vorzuspielen, damit er sich einen halbwegs vernünftigen Eindruck von unserem musikalischen Schaffen machen konnte.
»Ist aber ne Scheißaufnahme. Irgendwas stimmte mit dem Mikro nicht«, sagte Björn, der wie ich Gitarre spielte und noch am besten von uns singen konnte, weshalb ihm der Platz hinter dem Mikro gebührte.
»Ist auch schon ne Weile her. Sind eher Rohfassungen«, fügte ich hinzu.
»Wir hatten auch ziemlichen Zeitdruck, weil wir den Vierspurer ja nur geliehen hatten«, befand Kelly, unser Bassist, der mit Nachnamen Kellermann hieß und heilfroh war, dass sich kaum noch jemand seinen Taufnamen Manfred erinnerte.
»Olli, unser alter Drummer, hat auch super viel Mist gebaut und uns ständig rausgebracht«, war Björn wieder an der Reihe.
Im Wechsel entschuldigten wir uns für die grauenhafte Aufnahme, aber Kai besaß genügend Phantasie, um hinter pfeifenden Feedbacks, holpernden Beats und reihenweise schrägen Noten gutes Songwriting zumindest erahnen zu können.
»Also, ich wär dabei«, sagte er.
»Cool«, befand ich trocken.
Innerlich machte ich indes Luftsprünge. Alles schien zu passen. Nicht nur musikalisch (Punk war immer noch nicht tot, bedurfte aber unbedingt einer Auffrischung), sondern auch, was unsere bevorzugte Kleiderordnung betraf (ausgewaschene Jeans, schwere Lederjacken, hohe Doc Martins) spielten wir in der gleichen Liga. Mit Kai am Schlagzeug würden wir uns als innovative Rockband schon bald über die Region hinaus einen Namen machen. Endlich bot sich eine nennenswerte Chance zur Verwirklichung meines bis dato einzigen großen Lebenstraums: Rockmusiker zu werden. Zwar ist dieser Traum längst ausgeträumt und kein anderer an seine Stelle getreten, aber so schlimm ist das auch wieder nicht. Das stetige Streben nach einer wie auch immer gearteten Traumverwirklichung entzieht einem erfolgreichen Realitätsmanagement ohnehin jegliche Grundlage. Und wie man ja weiß, macht es nicht den geringsten Sinn, etwas Verpasstem, Versiebtem oder Verlorengegangenem hinterher zu trauern. Also, was soll’s?
Unser Proberaum war einer von vielen in einem ehemaligen Bunker. Wo Menschen früher Schutz vor Bombenattacken suchten, verschanzten sich nun Bands unterschiedlichster Stilrichtungen, um für den großen Durchbruch oder wenigstens den nächsten Auftritt zu trainieren. Grob gesehen teilte sich die Musikerszene in zwei verfeindete Lager: Rockbands und Tanzcombos. Zwar hatten auch Typen der Marke ›langhaariger, nietenbesetzter und totenkopfbestückter Gothic-Metal-Freak‹ maximal ein kaum merkliches Kopfnicken für einen übrig, aber das hieß nicht, dass man sich nicht immer noch zumindest gegenseitig respektierte bzw. einfach in Ruhe ließ. Die Tanzmusiker hingegen waren die Wachhunde des Bunkers. Sie gingen in der Regel bereits auf die Vierzig zu, arbeiteten im Verwaltungs- oder Versicherungswesen, trugen Bundfaltenhosen und fuhren Opel Vectra oder Ford Scorpio. Als wenn es nicht gereicht hätte, die langen Bunkerflure mit stumpfsinnigen Polkarhythmen, schmalzigen Retortensounds und rheinischem Frohsinnsquatsch zu beschallen, beschwerten sie sich auch noch ständig über den Krach, den wir ihrer Meinung nach fabrizierten. Weil wir in ihren Augen genauso dreckig waren wie unsere Musik. Weil sich im Flur die leeren Bierkästen türmten. Weil die Klobrille voll gepinkelt und der Eingangsbereich mit Dutzenden Plakaten und haufenweise Suche-Biete-Zetteln zugekleistert war.
So war es nur eine Frage der Zeit, bis einer der Tanzmusiker plötzlich mitten in unserem Proberaum stand und schnüffelnd seinen Schnauzbart in die verqualmte Luft hielt. Er erinnerte stark an ein Frettchen. Abgewidert stierte er auf die zahlreichen Teppichstücke, die patchworkartig den Boden bedeckten, auf die unzähligen zwecks Schalldämmung an die Wände geklebten Eierkartons, auf die halb zerfetzten Pinup-Poster, die überquellenden Aschenbecher und die Bierflaschentürme in den Ecken.
»Hey, haben wir heute Tag der Offenen Tür?« fragte Kelly.
»Wie es hier aussieht, ist mir ja egal«, beschwerte sich das Frettchen mit fiepender Stimme, »aber im Flur muss Ordnung geschaffen werden. Und die Toiletten gehören auch geputzt. Und vielleicht geht’s auch ein bisschen leiser. Wir verstehen drüben ja kaum unser eigenes Wort«.
»Seid ihr zum Quatschen hier oder zum Spielen?« fragte Björn gelassen.
»Vielleicht sollten wir uns Die Putzfrauen nennen. Wenn wir offensichtlich schon so aussehen«, höhnte Kai.
»Hört mal!« Das Frettchen schien sein Anliegen todernst zu nehmen. »Ich meine das ernst. Das geht hier so nicht weiter. Wir kriegen nächste Woche Besuch vom Manager einer Plattenfirma. Da muss hier alles sehr viel repräsentativer wirken.«
»Ich glaub’, wir haben noch irgendwo ein Stück roten Teppich. Kannste gerne mitnehmen und im Flur ausrollen.«
»Da würde ich noch eher einem Drehorgelspieler nen Plattenvertrag anbieten als euch. Wie heißt ihr überhaupt? Die Tanzbären? Hört, hört, Die Tanzbären auf großer Voreifel-Tour!« Kelly ließ auf die ihm eigene Art keinen Zweifel daran, wer die Situation im Griff hatte.
»Wie ihr wollt«, sagte das Frettchen. »Ich hab mir schon gedacht, dass man mit euch nicht reden kann. Wenn die nette Tour nicht zieht, gibt’s eben ne Beschwerde bei der Stadt. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.«
Kelly baute sich vor dem ungebetenen Gast auf. »Jetzt hör mal, du Flachwichser! Was du hier als nette Tour bezeichnest, ist ne ganz erbärmliche Nummer. Kommst hier rein ohne anzuklopfen und willst, dass wir, wo hier bestimmt dreißig Bands proben, das Klo putzen?! Ich putz dir gleich was anderes, du ... Scheiß Tanzbär!« Wie aufgestachelt sprang Kelly zum Mikro und brüllte hinein, während er aus seinen Fingern Pistolensalven vor die Füße des Frettchens feuerte. »SEHT HER, DER BÄR, DER TANZT FÜR UNS! PENG! PENG! PENG!«
Die Stimme des Frettchens verzerrte sich zu einem Röhren.
»Ihr seid ja kranker als ich dachte! Lange probt ihr hier nicht mehr, das schwör ich euch. Zufällig kenn ich jemanden bei der Stadt –.«
»So, Feierabend. Brav ab nach Hause, sonst wird Mami böse«, sagte Björn, schob das Frettchen zur Tür hinaus und schloss von innen ab.
»Ihr, ihr ... asoziales Pack! Rausfliegen werdet ihr! Jawohl!« schallte es von draußen.
»Was für’n Arsch. Ob der uns wirklich was kann?«
»Ach was! Nichts als leere Drohungen. Habt ihr gesehen, wie dem die Muffe gegangen ist?« lachte Kai.
Kelly war gedanklich schon wieder ganz woanders.
»Die Putzfrauen«, murmelte er.
»Was geht ab?«
»Mensch, Leute. Wir haben immer noch keinen Bandnamen.«
Nicht schon wieder diese Diskussion, dachte ich, aber irgendwann mussten wir uns ja mal auf was einigen, sonst wurde es langsam peinlich.
»Okay, heute oder nie«, schlug Kai vor. »Ich bin für The Gaze. Klassisch. Schlicht. Authentisch.«
»Was soll denn das heißen?«
»Na ja, soviel wie: Der Blick. Nur intensiver eben«
»Also ich weiß nicht.«
»Überzeugt mich auch nicht.«
Kelly wollte allein aus Gründen der besseren Vermarktungsmöglichkeiten (wie er meinte) eine möglichst obskure Wortschöpfung und plädierte für The Night they came to kill you. Das klang uns aber zu sehr nach Gothic oder Metal. »Wie wäre es denn dann mit The Night they came to get you?« fragte er. Launiges Stöhnen. Björn bestand auf den Namen einer Londoner Tube-Station, denn wir machten ja, so seine Argumentation, englischsprachige Musik, die ihre Wurzeln im Punk und New Wave hatte und der käme nun einmal von der Insel. Bei seinem letzten London-Trip hatte er sich alle seiner Meinung nach in Frage kommenden Namen notiert, von Golders Green bis Elephant and Castle. Ich selbst hatte schon vor Wochen meine Plattensammlung sondiert und alle möglichen LP- und Songtitel aufgeschrieben, die ein bisschen nach was klangen. Meine Favoriten aus dieser Liste waren The Great Escape und Heyday. Allgemeines Kopfschütteln. Die Diskussion zog sich in die Länge und hinderte uns daran, überhaupt noch ans Musikmachen zu denken. Nach 23 Uhr hatten alle Bands, die in dem alten Bunker probten, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten, mucksmäuschenstill zu sein, anderenfalls drohte nach zahlreichen Anwohnerbeschwerden der sofortige Rausschmiss. So gut meterdicker Beton einst vor Bomben- und Granateneinschlägen geschützt haben mochte, so schlecht erwies er sich in die andere Richtung als Schalldämpfer, vor allem was tiefe Frequenzen anging. Kai hatte inzwischen ein todsicheres System ausgetüftelt, das ein eindeutiges Ergebnis in punkto Bandnamen zutage fördern würde. Alle in die engere Wahl fallenden Vorschläge wurden aufgeschrieben und jeder hatte seine Top-Drei in aufsteigender Rangfolge mit drei, fünf und acht Punkten zu kennzeichnen.
»Komplizierter geht’s wohl nicht, Herr BWLer«, meinte Björn, machte sich aber dennoch gleich an die Punktevergabe. Björn war es auch, der sich am Ende als Sieger dieser Abstimmung fühlen durfte, da die drei gewählten Worte nahezu jede Bahnsteigkante im Londoner Underground zierten.
»Platz Eins mit neunzehn Punkten: Mind the Gap«, verlas Kai das Ergebnis. Damit konnten wir an die Öffentlichkeit gehen und endlich unseren ersten Auftritt planen. Vorher mussten wir nur noch Kellys Bedenken zerstreuen und warfen ihm ein kollektives ›Halt die Klappe!‹ entgegen.
Ich hatte zu dieser Zeit gerade meine Zwischenprüfung abgelegt und bewohnte ein winziges Zimmer im achten Stockwerk eines Studentenwohnheimes, das etwas abseits einer stadtauswärts führenden Hauptstraße gelegen war und stark an einen Plattenbau erinnerte. Küche und Bad teilte ich mit zwei koreanischen Informatikstudenten, die kaum ein Wort Deutsch sprachen und sich so unauffällig verhielten wie blinde Passagiere an Bord eines Schiffes. Wenn sie sich nicht mehrmals wöchentlich daran versucht hätten, aus dem kargen Warensortiment von Lidl und Aldi Gerichte zuzubereiten, die asiatische Geschmacksnerven nicht gleich zusammenzucken ließen, hätte man überhaupt keine Notiz von ihnen genommen. Seit einigen Wochen bewohnte den Flur außerdem noch eine dickliche Lehramtstudentin aus Schwaben, die mir nicht nur mit ihrem fürchterlichen Dialekt auf die Nerven ging, sondern vor allem mit ihrer Angewohntheit, den übrig gebliebenen Reis der Koreaner ständig in kleine Tupperdosen umzufüllen, diese in den Kühlschrank zu räumen und dort ihrem Schicksal zu überlassen.
»Warum tust du das?« fragte ich sie eines Tages, nachdem es mir erst nach mehrfachem Umstapeln gelungen war, einen kühlenden Platz für zwei Flaschen Bier zu ergattern.
»Damit Lee und Wai lernen, wie ein ordentlicher Haushalt auszusehen hat.« (ins Schwäbische übersetzen)
»Was? Ich dachte, du willst das noch essen.«
»Um Gottes Willen!« (ins Schwäbische übersetzen)
»Dann wirf das Zeug doch einfach weg, statt den ganzen Kühlschrank damit zu blockieren.«
»Es ist ja nicht mein Reis.« (ins Schwäbische übersetzen)
»Dann red doch einfach mit den beiden.«
»Ich versteh sie aber nicht.« (ins Schwäbische übersetzen)
»Dich versteht man noch viel weniger«, sagte ich ärgerlich und ging in mein Zimmer.
Langsam musste ich befürchten durchzudrehen, zusammen mit zwei geisterhaften Asiaten und einer irren Schwäbin in einer alles andere als attraktiven Wohneinheit. Da war endlich ein Ende dieser merkwürdigen Zweckwohngemeinschaft abzusehen.
Nachdem ich mich mit Kai inzwischen fast besser verstand als mit Björn und Kelly und er ebenfalls genug hatte von seinem Minizimmer in einer Fünfer-WG, deren Bewohner häufiger wechselten als die Jahreszeiten, beschlossen wir, uns eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Dafür quälten wir uns zweimal die Woche extrem früh aus den Federn oder gingen freitags gar nicht erst ins Bett, um den Immobilienteil der Aachener Nachrichten zu studieren, sobald die Zeitung druckfrisch in die Kioske und Tankstellen kam. Weil Kai im Gegensatz zu mir auch frühmorgens eine einigermaßen entspannte und freundliche Stimme aufzusetzen in der Lage war, drängte ich ihn dazu, die fälligen Anrufe zu tätigen.
»Du hast das besser drauf als ich«, sagte ich. »Und es ist immer der erste Eindruck, der zählt.«
»Quatsch«, sagte Kai, »die wissen doch gar nicht mehr, welcher der dreißig Anrufer man war, wenn man mittags zur Wohnungsbesichtigung auftaucht.«
»Klar, das denken alle. Aber theoretisch kann jede noch so kleine Kleinigkeit den Ausschlag geben.«
Ich sah auf die Uhr, es war erst halb sieben, und ich ging noch mal die mit Kuli markierten Anzeigen durch, während Kai mich, den Kopf auf die Hände gestützt, mit offenem Mund ansah.
»Ist das alles?« fragte er.
»Na ja, jetzt schon anrufen macht auch keinen guten Eindruck. Ich wollte jedenfalls nicht von einer wildfremden Person frühmorgens aus dem Bett geklingelt werden. Lass dir ruhig noch ne Stunde Zeit.«
»Sonst noch was?«
»Hm, nö.«
»Soll ich vielleicht noch eine nette Hintergrundmusik fürs Telefon auswählen, damit die Stimmung auch schön romantisch wird? Am Mittwoch rufst du an, dass das mal klar ist. Übrigens: Mein Vater hat angeboten uns nächstes Wochenende zu begleiten.«
»Dein Vater? Der Soldat? Was soll das denn bringen?«
»Es kann ja wohl nicht schaden, jemanden dabeizuhaben, der für die Kohle gerade steht. Außerdem sollst du ihn nicht immer Soldat nennen. Er liegt ja nicht im Schützengraben.«
Ich schlürfte an meinem Kaffee. In der Klause gab es an jedem Tag der Woche bereits ab fünf Uhr früh Frühstück. Von daher müsste es eigentlich eher Vor-Frühstück oder Sehr-Früh-Stück heißen, dachte ich, wobei Frühstück sowieso nicht das passende Wort war, weil auf der Speisekarte ohnehin nur Pommes und Schnitzel und Konsorten standen, augenscheinlich dazu gedacht, ein paar übel aussehende Nachtgestalten (Kai und mich einmal ausgenommen) zu entalkoholisieren. Ein Kellner der Marke ›Rüstiger Rentner‹ kam zu uns an den Tisch und forderte grimmig seinen Verdienst ein.
»Jungens, ist ja schön, dass ihr da seid. Aber entweder ihr bestellt jetzt endlich was zu futtern oder ihr frühstückt frische Luft.«
»Ist ja schon gut« – das ›Opa‹ sparte ich mir, weil mich das unbestimmte Gefühl beschlich, der alte Mann könne eine geheimnisvolle Vergangenheit à la Fremdenlegion mit sich herumtragen und würde womöglich mehrere Todesgriffe beherrschen – »dann nehme ich einmal Pommes.«
»Für mich auch«, sagte Kai. »Mit viel Ketchup, bitte.«
»Das hier iss’n Lokal und keine Frittenbude. Pommes sind bei uns nur Beilage. Entweder was Richtiges oder da lang.«
Der alte Kellner deutete mit seinem Arm Richtung Ausgang. Mit dem war wirklich nicht zu spaßen, auch wenn das blütenweiße Hemd seinem zerfurchten Gesicht ein wenig Härte nahm.
»Ist Pommes mit Spiegelei was Richtiges?« fragte Kai.
»Kann man so sagen«, nölte der Kellner.
»Gut, dann nehme ich das.«
»Ich auch«, sagte ich.
Es war tatsächlich weniger Kais Telefonstimme als die Anwesenheit seines Vaters, General Schönborn, die uns den ersehnten Mietvertrag schneller einbrachte als gedacht, und unseren soziologischen Studien in der Klause ein glücklicherweise jähes Ende bereitete. Wir hatten einen Besichtigungstermin in der Mozartstraße 67. Natürlich tauchte Kais Vater nicht in seiner Uniform auf, aber dennoch meinte ich, jene Schulterklappen und Abzeichen an seiner wollenen Freizeitjacke erkennen zu können, die ihn eindeutig als den Ranghöheren auswiesen; so streng musterte er mich, wohl um gleich zu prüfen, ob ich und mein womöglich unsteter Lebenswandel einen schlechten Einfluss auf die weitere Entwicklung seines Sohnes haben könnten. Sein Händedruck glich dem einer Schraubzwinge, doch ich leistete erbitterten Widerstand und drückte ebenfalls fest zu, was Kais Vater mit einem süffisanten Lächeln quittierte.
»Schön sie kennen zu lernen, Herr Schönborn«, sagte ich artig und hoffte, dass er meine Hand loslassen würde, bevor sie nur noch Matsch war. Während der General irgendwas von klaren Regeln fürs Zusammenleben faselte, fragte ich mich instinktiv, welcher Vatertyp wohl der Schlimmere war: Alkoholiker oder Disziplinfanatiker, Choleriker oder Despot. Endlich lockerte er seinen Griff. Nur mit Mühe konnte ich ein Stöhnen unterdrücken.
»So Männer, Punkt zwölf. Dann wollen wir mal«, sagte der General in herrschaftlichem Tonfall.
Was soll’s, dachte ich, wenn uns seine Anwesenheit hier nützlich ist, dann darf er mir zum Abschied noch mal die Hand schütteln.
»Als Vermieter hat man ja heutzutage gar keine Rechte mehr. Hinterher haben sie einen arbeitslosen Säufer in der Bude, der die Miete nicht zahlt und alles verrotten lässt. Und dann kriegen sie den nicht mal wieder raus«, jammerte unser mutmaßlicher Vermieter, der keine Viertelstunde zuvor aus einer blinkend schwarzen S-Klasse ausgestiegen war. Da nahm der General den Mann wie einen alten Kameraden beiseite, murmelte etwas von ›die Sozis‹, ›ehrlich verdientem Geld‹, ›Verweichlichung der Gesellschaft‹ und legte zum Schluss noch eine offensichtlich megawitzige Bundeswehranekdote obendrauf. Kai verdrehte die Augen, aber der Hausbesitzer lachte wie am Spieß und hielt uns prompt den Mietvertrag unter die Nase.
Wer in unserem neuen, mit dem Siegel denkmalgeschützt versehenen Zuhause in Wirklichkeit alles verrotten ließ, war schnell klar. Denn Denkmalschutz bedeutete für unseren Vermieter vor allem das Vermeiden jeglicher Modernisierungsarbeiten an der maroden Bausubstanz. So lange wir dort wohnten, beließ er das Haus in einem bedauernswerten Zustand, der mit abbröckelndem Putz, blättriger Farbe im Treppenhaus, einer fleckigen Fassade und einem feuchten Keller einherging. In Anbetracht der günstigen Miete, der geräumigen Zimmer und der zentralen Lage war uns das aber egal.
Ein paar Wochen später dachten wir, uns im Rahmen unserer bescheidenen finanziellen Möglichkeiten originell eingerichtet zu haben. Letztlich sah es bei uns aus wie in hundert anderen Wohngemeinschaften auch. Jeder hatte sein kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer mit einer auf dem Boden liegenden Matratze, einem aus zwei Holzböcken und einer Glasplatte zusammengesetzten Schreibtisch, einem noch aus Jugendzeiten stammenden Kleiderschrank aus furniertem Pressspan und einer Topfpflanze, die für ein bisschen Grün sorgte. An die Wände hingen wir ein paar alte Reklameschilder und einige Kinoplakate. Pulp Fiction und El Mariachi waren sozusagen Pflicht, während Night on Earth von erhöhtem kulturellen Interesse zeugte, wenngleich weder Kai noch ich den Film je gesehen hatten. Als Küchentisch diente uns ein runder Bakelittisch, der eigentlich für den Garteneinsatz konzipiert worden war. Und wer das Bad betrat, blickte in das aufgerissene Maul eines aufblasbaren Gummihais. Das war schon lustig.
Es vergingen die Sommer- und Wintersemester, die Partys und Bandproben, die Schwärmereien und Liebschaften, die Urlaube und Ferienjobs. Star-Trek war irgendwann genauso vorbei wie der Grunge-Hype. Oder die Möglichkeit, nein zum Handy zu sagen. Das Leben war reich an Leichtigkeit und arm an Höhepunkten. Voll okay sozusagen, absolut in Ordnung, angesiedelt irgendwo zwischen gut minus und befriedigend plus. Ich habe mich durchaus gut gefühlt in diesen Tagen. Weil ich nichts Wesentliches vermisst habe und mir nichts weh tat. Weil ich die Zeit noch nicht als vergängliches Gut empfunden habe. Und weil ich noch Träume hatte.
»Ich hab nen neuen Song geschrieben«, sagte ich eines Abends zu Kai.
»Oh.«
»Willst du mal hören?« Ich hielt meine Gitarre schon in der Hand.
»Ne, lass mal. Morgen ist doch eh Probe.«
Diese Reaktion hatte ich befürchtet. Kai durchlief seit einigen Wochen eine musikalische Wandlung, die für mich genauso wenig nachvollziehbar war wie der plötzliche Übertritt Oskar Lafontaines in die CDU. Da Kai sich dessen durchaus bewusst war, redete er erst gar nicht über seine sich verändernden Hörgewohnheiten. Er ließ ausschließlich seine Boxen sprechen, aus denen mit einem Mal nichts als ellenlange Trompeten-, Saxophon- Klavier- und Schlagzeugsoli drangen. Ein heimlicher Blick in seine CD-Sammlung verriet mir, dass Künstler wie Charlie Parker, Stan Getz, Thelonious Monk oder Winston Marsalis für diese Musik verantwortlich waren. Ganz sicher aber waren sie nicht der Grund, warum Kai sich ihren Werken plötzlich so inbrünstig zuwandte. Nein, dieser Grund hieß Clarissa. Sie war Kais neue Freundin und hatte ihm ganz sicher eingetrichtert, dass echte und gute Musiker sich nur im Jazz selbst verwirklichen können, keinesfalls aber in einer primitiven Rockband. Kai hatte Clarissa in einem Seminar zum Thema Rechnungslegung und -prüfung kennen gelernt. Sie kleidete sich gern streng und klassisch, pflegte aber, ihre bevorzugt weißen Blusen bis zum Ansatz ihres Busens aufgeknöpft zu lassen. Und sie trug eine Intellektualität vor sich her, die ihrem Nachnamen Leibniz alle Ehre machte. Kai hatte in einer Sonderschicht extra den Proberaum aufgeräumt, nachdem Clarissa ihren Besuch angekündigt hatte. Wir anderen fragten uns, ob wir in dieser ungewohnten Ordnung überhaupt noch richtig in Spiellaune kommen würden.
»Macht dein Vater in Keksen?« fragte Kelly.
»Singst du etwa bei der Kelly Family?« konterte Clarissa.
»Schwachkopf!« sagte Kai im Vorbeigehen zu Kelly.
Sofort war klar: Clarissa Leibniz könnte Mind The Gap genauso gefährlich werden wie Yoko Ono den Beatles.
»Wie hat’s dir gefallen?« fragte Björn, nachdem wir unsere Verstärker um jeweils zwei Einheiten heruntergedreht und die einzigen beiden langsamen Stücke unseres Programms gespielt hatten.
»Ich fand’s schon interessant.« Clarissa lächelte in Richtung Schlagzeug. Wir schauten wohl ziemlich entgeistert. »Nein, wirklich«, sagte sie. »Man muss sich wohl erst reindenken können. Ihr wisst ja bestimmt, dass meine Liebe eigentlich dem Jazz gehört. Das liegt bei uns im Blut. Mein Vater ist Trompeter, nicht hauptberuflich zwar, da leitet er eine Unternehmensberatung. Aber er hat sogar schon Peter Brötzmann auf Europatournee begleitet.«
»Ich kenn nur Götz Alsmann.« Kelly konnte es nicht lassen.
»Ach, vergiss es einfach!« Clarissa, warf Kelly einen abschätzigen Blick zu und stand von ihrem Stuhl auf. »Ich muss euch auch schon wieder verlassen. Ich will ja pünktlich bei meiner Gesangsstunde sein. Vielleicht schau ich mal wieder vorbei.« Kai wollte gerade hinter seinem Schlagzeug hervorklettern, da fügte sie augenzwinkernd hinzu: »Bleib ruhig sitzen. Wir sehen uns ja später noch. Bei mir ... Ach ja, dein Spiel ist wirklich gut.«
Wir richteten unsere Augen auf Kai, der etwas verschämt hinter seinem Drumkit hockte und an irgendwelchen Schrauben drehte.
»Dein Spiel ist wirklich gut. Von uns hat sie nichts gesagt.«
»Suchst du dir jetzt ne Jazzband?«
»Leute! Entweder wir spielen unser Set zu Ende oder wir machen für heute Feierabend«, sagte Kai und hörte mit dem Schrauben auf.
Keine zwei Monate später war Clarissa wieder verschwunden. Sie hätte sich offensichtlich anderweitig entschieden, meinte Kai lakonisch, ohne das Ganze näher auszuführen. Da ich wusste, dass diese Geschichte damit nach außen hin für ihn erledigt war, und Kai seine inneren Konflikte ausschließlich mit sich selbst auszutragen pflegte, freute ich mich einfach still darüber. Mind The Gap waren Clarissas ungesund großem Einfluss gerade noch einmal entkommen. Nach ihrem Abgang beendete Kai auch seine musikalischen Ausflüge in die Welt des Jazz – nicht jedoch, ohne darauf zu bestehen, das ruhigste Stück in unserem Set, Long Way Home, mit Besen statt Stöcken zu spielen. Uns sollte es recht sein.
Trotz beinahe wieder idealer Ausgangsvoraussetzungen ging die Karriere von Mind The Gap zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begann. Ohne es damals zu ahnen, spielten wir unseren letzten Gig vor ca. vierzig Leuten, ausgerechnet in einer Musikkneipe namens Jazzkeller. Da fast jeder der Gäste zumindest einen von uns kannte, waren uns wenigstens artiger Applaus und ein paar Zugaberufe sicher. Der größte persönliche Erfolg, den ich mit Mind The Gap verbuchen konnte, bestand darin, dass sich auch Isabelle, wie sie mir später verriet, an jenem Abend unter den Gästen befand. Dort, auf der Bühne stehend, die Gitarre um den Hals wie ein beinahe echter Rockstar, war ich ihr zum ersten Mal wirklich aufgefallen. Offensichtlich hatte ich damit nachhaltigen Eindruck auf sie gemacht. ›Musiker haben etwas wahnsinnig Erotisches‹, sagte sie zu mir, als ich im Grunde genommen schon keiner mehr war.
Denn ehe wir es richtig begriffen hatten, kam dann das letzte Viertel unserer Studienzeit in Sicht – und damit auch das Ende aller größeren musikalischen Ambitionen. Björn wollte für ein einjähriges Praktikum nach Kanada. Kelly verliebte sich während eines Besuchs im elterlichen Ostwestfalen in ein Mädchen, das er noch aus Schulzeiten kannte. Und mit Kai, der seinen Abschluss in BWL anstrebte, war in den Klausurphasen prinzipiell nichts anzufangen. Er legte beim Lernen eine Disziplin an den Tag, die ihm nur sein Vater eingeimpft haben konnte. Wochenlang gab es für ihn nur Institut, Bibliothek, Schreibtisch und Bett. Klarer Fall von generalstabsmäßiger Erziehung, dachte ich, und verfluchte Kai für diese in meinen Augen unnötige Härte gegenüber sich selbst. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich mit meinem Politologiestudium alles andere als einen klar umrissenen beruflichen Werdegang verfolgte. In Wirklichkeit war ich der einzige unter uns Vieren, der sich ein Dasein als Profimusiker überhaupt hätte vorstellen können. Aus der Traum! Nachdem Björn von seinem Professor das definitive Okay für sein Auslandspraktikum bekommen hatte, lösten wir die Band auf und ließen uns im Savoy noch ein letztes Mal gemeinsam voll laufen. Wir tranken auf das Ende einer Ära in unseren Köpfen. Jeder Sturm und Drang muss wohl ein Ende haben, sagte ich mir, und versuchte es den anderen gleichzutun. Schluss mit dem Herumlungern, her mit einem geregelten Einkommen, Schluss mit hirnlosen Liebeleien, her mit einer gut funktionierenden Partnerschaft, Schluss mit nebulösen Wunschträumen, her mit greifbaren Resultaten. Die wahren Fixpunkte am Lebenshimmel des modernen Menschen sollten auch für mich leuchten und all den anderen Quatsch überstrahlen, der nichts weiter war als belangloses Vorgeplänkel, ein Jahre währender Junggesellenabschied auf Raten. Zumindest redete ich mir das ein, damit ich mich besser fühlen konnte.