Mind The Gap war Geschichte, ohne je Musikgeschichte geschrieben zu haben. Björn war schon außer Landes, Kelly im siebten Liebeshimmel und Kai nach getaner Lernarbeit auf Kanutour in Frankreich. Ich tat derweil nichts, außer mir die Zähne daran auszubeißen, ein paar noch frische Frauenbekanntschaften in Liebesbeziehungen umzuwandeln, jobbte ein wenig, bereitete ein Referat vor und rauchte zwei Päckchen Luckys am Tag. Es war ca. ein halbes Jahr, bevor ich Natalie kennen lernte.
Eine Benachrichtigung in meinem Briefkasten informierte mich darüber, dass ein Paket, das ich nicht erwartete, in der nächsten Postfiliale für mich bereitlag. Sofort machte ich mich auf, um es abzuholen. Ich rechnete nicht wirklich mich einer freudigen Überraschung, freute mich aber über die unverhoffte Spannung. In der Warteschlange vor mir zählte ich vierzehn Personen. Hinter mir hingegen hatte sich auch nach einer Viertelstunde noch niemand eingereiht. Ich wurde unruhig. Wie viel Zeit verschwendete man im Leben mit Warten? Ich hasste das! Selbst beim Arztbesuch oder am Flughafen, sitzenderweise und mit einem Buch in der Hand, wollte es mir nie gelingen, diese in meinen Augen völlig vertanen Stunden und Minuten einigermaßen sinnvoll und entspannt zu überbrücken. Zu Hause konnte ich faul auf dem Bett liegen und stundenlang Löcher in die Luft starren, ohne mich dabei zu langweilen. Aber das war dann eben meine eigene Entscheidung. Während ich so sinnierte und mich darüber ärgerte, dass irgendwer meinte, mit dem Schalterbeamten auch noch ein Schwätzchen halten zu müssen, war ich plötzlich an der Reihe.
Das Päckchen war flach und maß ca. zwanzig mal dreißig Zentimeter. Zurück zu Hause riss ich es ungeduldig auf. Auf einmal hielt ich großformatiges, gerahmtes Foto in der Hand. Es zeigte ein junges Pärchen Arm in Arm vor irgendeiner Urwaldkulisse, vielleicht in Thailand oder Mexiko, eine junge Frau (fast noch ein Mädchen) mit rotblonden Haaren und ein nicht viel älterer Typ mit Dreitagebart und Baseballmütze, beide in Trekkingschuhen und Cargo-Hosen voller praktischer Taschen. Nur wunderte ich mich, dass ich diese beiden Menschen noch nie zuvor gesehen hatte. Der Brief, der dem Bild beilag, würde sicherlich einiges aufklären:

Lieber Marc,
bestimmt wundert es dich, nach all den Jahren noch einmal von mir zu hören. Vielleicht fragst du dich sogar, was denn bloß in mich gefahren ist, dass ich mich noch einmal bei dir melde.
Was soll ich sagen? Als ich kürzlich noch einmal unsere alten Fotos ansah, empfand ich plötzlich das starke Verlangen wissen zu wollen, wie es dir inzwischen geht, was du so machst, inwieweit du dich verändert hast und ob auch du hin und wieder an die wunderschönen Wochen auf Bali zurückdenkst. Und nachdem dieses Verlangen auch nach einer Woche nicht wieder abgeklungen war, entschloss ich mich kurzerhand dir zu schreiben.
Ich gebe zu, ich bin ziemlich nachdenklich dieser Tage und vielleicht auch ein wenig sentimental. Aber du kannst mir glauben: Im Nachhinein bedaure ich es sehr, dass ich den Kontakt zu dir so schnell habe abreißen lassen. Aber über die Entfernung hinweg war es einfach schwierig für mich. Außerdem hatte ich gerade erst mein Abitur in der Tasche und wusste noch überhaupt nicht, was ich vom Leben eigentlich erwarten sollte. Du warst damals viel weiter als ich, hattest deinen Studienplatz sicher und warst praktisch schon auf dem Sprung von Hannover nach Aachen. Dort solltest du jetzt immer noch leben, denn im Aachener Telefonbuch steht dein Name – und das nur ein einziges Mal.
Ich habe mich einfach nicht getraut, dich mal eben so anzurufen. Vielleicht findest du die Idee eines Wiedersehens nach so langer Zeit ja idiotisch oder ich hätte unbekannterweise deine Freundin oder sogar Frau in der Leitung gehabt und nicht gewusst, was ich da hätte sagen sollen. So versuche ich es auf diesem Weg und hoffe sehr auf eine Antwort von dir. Ich wohne übrigens inzwischen in Köln, also gar nicht so weit weg. Schreib mir zurück oder ruf einfach an. Ich freue mich sehr darauf.
Mareike

Es stimmte. Es stand nur ein Marc Singer im Aachener Telefonbuch. Und der war ich. Hier lag eindeutig eine Verwechslung vor. Und eine ziemlich dumme noch dazu. Nur aufgrund meines Namens wurde ich von einer gewissen Mareike fälschlicherweise für ihren verflossenen Lover gehalten. Die Gute durchlebte offenbar eine kleine Sinnkrise, die ich nicht dadurch noch fördern wollte, sie in dem Glauben zu lassen, ihr Marc Singer wolle nichts mehr mit ihr zu tun zu haben. Also wählte ich die Nummer, die im Absender stand, um den Irrtum aufzuklären. Nach zweimal Klingeln nahm jemand ab.
»Holtmann.«
»Mareike?«
»Ja. Wer ist da?«
»Tut mir leid, ich bin’s nicht«, sagte ich.
»Wie bitte?«
»Dein Päckchen, ich hab’s heute bekommen. Ich bin nicht der, den du suchst.« Stille. »Hallo?«
»Nicht?«
»Natürlich bin ich Marc Singer, also ein Marc Singer, aber nicht der, den du wohl kennst.« Wieder Stille. »An einen Urlaub mit dir sollte ich mich doch ganz gut erinnern können«, versuchte ich die Stimmung zu lockern.
»Echt? Scheiße! … Mensch, das ist mir jetzt total peinlich. Ich hab mich da wohl in was reingesteigert.« Ihre Stimme klang nett.
»Ist doch nicht tragisch«, sagte ich.
»So was von blauäugig! Ich schau einfach ins Telefonbuch und denke: der ist es. So selten ist der Name Marc Singer ja bestimmt auch nicht. Und jetzt hast du meinen Brief gelesen, mein Foto in den Händen und kennt auch noch meine Telefonnummer.«
»Keine Angst«, wendete ich ein. »Ich habe nicht vor, irgendwas davon gegen dich zu verwenden.«
»Sorry, so war das nicht gemeint. Bin ja selbst schuld. Kannst du mir vielleicht das Bild zurückschicken? Ich zahl auch das Porto.«
Irgendetwas in mir sträubte sich, diese unverhoffte Begegnung, die zwar keine leibhaftige, aber eine erfreulich lebendige war, auf diese Weise enden zu lassen.
»Du, ich bin sowieso am Wochenende in Köln«, sagte ich. »Wir könnten uns auf einen Kaffee treffen, wenn du willst. Ich bin auch nicht dick und hässlich.«
Sie kicherte. »Ja, warum eigentlich nicht.«
Ich hatte am darauf folgenden Wochenende natürlich nichts in Köln zu erledigen. Ich fuhr extra wegen Mareike hin, deren Stimme sympathisch klang, und die sich – dem alten Foto nach zu urteilen – wahrscheinlich zu einer durchaus attraktiven Frau entwickelt haben dürfte. Der eigentliche Grund aber, weshalb ich die siebzig Kilometer auf mich nahm, war diese seltsame Verwechslung, dieser scheinbare Zufall, von dem ich irgendwie nicht wollte, dass es einer war. Vielleicht war ja auch ich im Begriff mich in etwas hineinzusteigern, um meinem Leben ein bisschen mehr Pep zu verleihen.
Wir waren am nächsten Sonntagnachmittag in einem Café in der Kölner Innenstadt verabredet. Ich hatte mich auf zähflüssigen Verkehr, permanentes Linksabbiegeverbot und akuten Parkplatznotstand eingestellt. Unversehens fand ich mich über eine halbe Stunde zu früh vor dem Café Couleur wieder, einer unscheinbaren Kneipe an exponierter Stelle. Ich zog es vor, noch eine Weile durch die Gegend zu laufen, statt mich allein an einen freien Tisch zu setzen und alle möglichen Blicke auf mich zu ziehen. Die unangenehme Anspannung, die mir seit meinem Aufbruch auf den Bauch drückte, wich nicht von meiner Seite. Ich hatte größeres Lampenfieber als bei den wenigen Auftritten von Mind The Gap. Dabei hatte ich weder eine Bühne zu betreten noch irgendwelche Zuschauerwünsche zu erfüllen. Ich sollte lediglich ein altes Foto an eine Person zurückgeben, die mir absolut fremd war und von daher keinerlei Erwartungen in mich setzen würde.
Ich entschloss mich, gegen meine Nervosität anzugehen, kaufte mir an einem Kiosk eine Flasche Bier und trank sie am Straßenrand in wenigen Zügen aus. Ich drehte eine kleine Runde. Damit ich mich nicht verirrte, nahm ich dreimal jeweils die erste Straße rechts und rauchte vier unnötige Zigaretten, die weder schmeckten noch eine beruhigende Wirkung auf mich hatten. Dann erst – meine Uhr zeigte drei vor vier – betrat ich das Café, setzte mich an einen Platz, von dem aus ich den Eingang im Blick hatte, legte den Bilderrahmen als Erkennungszeichen vor mir auf den Tisch und tippelte mit den Fingern unablässig darauf herum. Fünf nach vier, zehn nach vier … niemand kam. Ich dachte an die akademische Viertelstunde, ja, die würde ich mich schon noch gedulden. Ich sah mich um und war beruhigt, dass niemand Notiz von mir zu nehmen schien. Trotzdem stierte ich noch einmal demonstrativ auf meine Uhr. Dann wandte ich mich kurz zur Theke, um etwas zu bestellen.
Als ich mich wieder umdrehte, stand eine junge Frau vor mir, die lächelnd den Kopf schüttelte, als wolle sie die ungewöhnlichen Umstände unseres Zusammentreffens mimisch untermauern. Allein anhand des Fotos hätte ich sie kaum wieder erkannt. Ihre Haare waren kürzer, hingen in Strähnen in die Stirn. Und ihr Outfit ließ mich eher an die Swinging Sixties denken als an eine Trekkingtour auf Bali. Der breite Mund jedoch, die vollen Lippen und die vielen Sommersprossen auf Nase und Stirn waren unveränderliche Kennzeichen.
»Marc? … Sorry, ich bin zu spät. Ich hätte dich warnen müssen. Pünktlichkeit ist nicht gerade einer meiner Stärken«, sagte sie.
»Och, macht doch nichts«, erwiderte ich betont gelassen. Falls Mareike nur einen Hauch Nervosität verspürte, merkte man ihr das nicht an. Der automatisch einsetzende Bewertungsmechanismus in meinem Kopf verlieh ihr dem ersten Eindruck nach nicht unbedingt das Prädikat Traumfrau. Auf eine unterschwellige Art aber wirkte sie durchaus sexy.
»Du bist also Mareike?« Was für eine dusselige Frage.
»Maki, alle nennen mich Maki«, sagte sie schmunzelnd, legte ihre Jacke ab und setzte sich.
»Maki? Wie die kleinen Äffchen?«
»Äffchen? Nein, eher Fisch. Magst du Sushi?«
»Hm, roher Fisch, nicht wahr? Hab ich tatsächlich noch nie probiert. Ich bin noch mit Fisch in Stäbchenform aufgewachsen.«
»Glaub mir, die japanische Küche ist schwer im Kommen.«
»Und Maki ist eine Fischart?«
»Nein, das sind so kleine Röllchen aus getrockneten Algenblättern, gefüllt mit Reis und Gemüse. Oder eben Fisch.« Ich kam mir auf einmal völlig ungebildet vor, untrendy und provinziell. Aber damals, Mitte der neunziger Jahre, gab es Sushi-Bars eben noch nicht an jeder Ecke. In Aachen schon gar nicht.
»Und was hat das mit dir zu tun?« fragte ich. »Außer, dass man das Wort Maki aus dem Namen Mareike extrahieren kann. Also von den Buchstaben her gesehen … wenn man denn will.« Manche Geistesblitze solltest du besser für dich behalten, dachte ich.
»Da ich für mein Leben gern Sushi esse, mussten auch fast alle meine Freunde schon in den sauren Apfel beißen. Das heißt in den rohen Fisch. Meine Maki waren dabei immer der größte Renner. Na ja, schon hatte ich meinen Spitznamen weg.«
»Und woher kommt das mit dem Sushi? Bist du einfach nur Fischfan oder ist da noch mehr?«
Ich sah Maki neugierig an. Mich interessierte weniger, was sie erzählte, als wie sie es formulierte und betonte. Ihre Stimme und Mimik nahmen mich mehr gefangen als ihre Aussagen oder ihr Aussehen.
»Man könnte durchaus sagen, ich hege eine gewisse Leidenschaft für alles Japanische. Das hat schon als Kind angefangen. Ich glaube, es war, nachdem Shogun im Fernsehen gelaufen ist. Da hab ich mir mit Mascara und Kajal Mandelaugen gemalt, bin ich heimlich in ein Seidenkleid meiner Mutter geschlüpft, hab es irgendwie hinter dem Rücken verknotet und bin dann, mit einer Zeitung fächernd, stolz wie ein Pfau zu ihr gerannt. Schon hatte ich mir eine gefangen, obwohl sie mich sonst nie geschlagen hat. Ich hab den ganzen Tag lang geflennt und die Welt nicht mehr verstanden. Ich fand mich doch so schön. Das mit Japan hat also, wenn man so will, in erster Linie ästhetische Gründe.«
»Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber ich verbinde mit Japan eher Fassaden, in die man nicht hineinblicken kann. Starre Traditionen und unerklärlichen Stolz, von wegen Harakiri, Kamikaze und so. Ach ja, und auch mit wuseligen Touristengruppen, die in drei Tagen einmal um den Globus jetten und erst zu Hause auf den Fotos sehen, wo sie eigentlich gewesen sind.«
»Moment! Das mag es ja alles geben. Was aber, wenn ich dich einen mies gelaunten, humorlosen Ordnungsfanatiker nenne, weil das ja so typisch deutsch ist. Oder wenn ich nur aufgrund deiner Staatsbürgerschaft davon ausgehe, dass du im Urlaub Claims für deine Sandburgenbauen absteckst und Sangria aus Eimern säufst.«
»Okay, eins zu null für dich«, sagte ich.
Ich war froh darüber, dass Maki in keiner Weise beleidigt schien. Sie schlürfte hektisch einen Schluck Milchkaffe, um schnell wieder fortzufahren.
»Jedenfalls faszinierte mich an der japanischen Kultur schon immer das Klare und Reine, der Verzicht auf allen überflüssigen Schnickschnack, die Beschränkung auf das Wesentliche. Ich sage ja nicht, dass das alles perfekt ist, und erst recht nicht, dass so eine Lebenshaltung für unsereins ohne weiteres praktikabel ist. Aber ich finde, weniger ist meistens mehr. Was sich im Übrigen auch in der japanischen Küche zeigt. Da brauchst du nicht viele Zutaten, aber diejenigen, die man verwendet, müssen 1a sein.«
»Gut. Aber wenn ich rohen Fisch nicht mag, mag ich ihn eben nicht. Das gilt übrigens auch für Kaviar.«
»Zumindest solltest du alles mal probiert haben. Dann kannst du dir auch ein Urteil erlauben.«
»Ich finde, auch Vor-Urteile – also nicht Vorurteile – können ihre Berechtigung haben. Oder soll ich etwa alle Drogen probieren, die man sich reinziehen kann, nur um besser Bescheid zu wissen?«
Maki schüttelt ihren Kopf. »Du bist genau wie der Marc Singer, den ich kenne. Der musste auch immer das letzte Wort haben.« – Womit wir beim Thema waren, meinem Namensvetter, der schon fast vergessen zwischen uns mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch lag.
Im Winter 1991, erzählte Maki, bat er sie im Wartebereich des Frankfurter Flughafens um Feuer, woraufhin sie ihm aus reiner Bequemlichkeit ihre glühende Zigarette hinhielt.
»Er sog die Glut ein, als würde er mich küssen. Mehr brauchte es nicht«, sagte Maki.
Schnell stellten die beiden fest, dass sie mit derselben Maschine abheben würden und redeten daraufhin so lange auf eine Angestellte der Garuda Air ein, bis sie nebeneinander liegende Sitzplätze bekamen. Eigentlich sahen Makis Reisepläne vor, auf Bali eine Freundin zu besuchen, die dort ein Praktikum im einem First-Class-Ressort absolvierte. Aber anstelle eines Hotelzimmers mit Federbett, Klimaanlage und Vollpension (nur unter dieser Bedingung hatte ihr Vater sie überhaupt fortgelassen) entschied sie sich für Hängematten und Bambushütten, für das Leben am Strand, für das Essen einfacher Garküchen, für Geckos an den Wänden und Kakerlaken auf dem Fußboden. Sie entschied sich für Marc Singer.
Nach ihrer Rückkehr in die mitteleuropäische Großwetterlage jedoch kühlte die Beziehung der beiden schnell wieder ab – nicht zuletzt aufgrund der 600 Kilometer, die sie in Deutschland voneinander trennten. Maki besuchte Marc in den folgenden Monaten noch ein paar Mal in Hannover, dann verliebte sie sich in einen anderen und brach den Kontakt zu ihrer Urlaubsliebe ab. Das letzte Lebenszeichen von Marc Singer erhielt sie einige Zeit später in Form eines Briefes. Er schrieb ihr, dass er einen Studienplatz an der Fakultät für Architektur in Aachen sicher hätte und sein Umzug kurz bevorstünde. Maki freute sich über den Brief und auch für Marc, aber sie sah ihn nur noch undeutlich vor sich. Bald kam der Tag, an dem er ganz aus ihren Gedanken verschwand und sich in eine ihrer hintersten Hirnwindungen verkrümelte.
Jetzt, Jahre später, bedurfte es den Schmerz des Verlassenwerdens, einer erneut gescheiterten Beziehung, dass Maki sich wieder an Marc Singer erinnerte. Auch, wenn sie sich darüber im Klaren war, dass sie die Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, rückblickend verklärte und idealisierte, schien ihr der Gedanke an ein neuerliches Aufflammen der erloschenen Leidenschaft Hoffnung und Trost zu spenden.
»Wie viele Freundschaften habe ich schon zu zeichnen angefangen und bin doch nie weiter als bis zu den Umrissen gekommen?« seufzte sie.
Jetzt saß ihr wieder jemand gegenüber, von dem sie sich ein Bild machen musste. Aber ich würde ihr gerne Modell stehen, geduldig und freimütig. Wo ich schon mal da war und ich mich Maki auf eine unerklärliche Weise so nah fand, beschloss ich, ihr dabei zu helfen, ihren Marc Singer ausfindig zu machen. Wir besaßen jedoch kaum einen Anhaltspunkt. Von seiner Familie wusste Maki praktisch nichts. Nur dass er Einzelkind war, der Vater sich früh aus dem Staub gemacht hatte und die Mutter einen anderen Nachnamen trug, an den Maki sich aber nicht mehr erinnern konnte, so Marc Singer ihn überhaupt einmal erwähnt hatte. Diese Spur gab also nicht viel her außer weiteren verblüffenden Parallelen zu meiner eigenen Person, denen ich aber keine tiefere Bedeutung beimessen wollte (auch wenn meine Art zu rauchen inzwischen erneut überaus nervöse Züge angenommen hatte). Nichts als Zufall, sagte ich mir. Ich ging nicht so weit anzunehmen, dass diese Geschichte wie in einem David-Lynch-Film enden würde.
»David Unsold!« rief Maki plötzlich. »So hieß Marcs Mitbewohner in Hannover.«
»Davon wird’s bestimmt nicht so viele geben wie Marc Singers.«
Wir zahlten hastig, zogen weiter in ein Internet-Café, klickten uns durch das elektronische Telefonbuch und diverse E-Mail-Verzeichnisse. Und siehe da: Es existierte ein Eintrag für David Unsold, Hannover, Germany. Maki tippte schnell ein paar Zeilen und drückte den Send-Button. Jetzt hieß es abwarten. Die Chancen, dass Maki diesmal richtig lag, schätzte ich übermütig auf acht zu zwei.
Es war wie selbstverständlich, dass wir danach auch noch den Abend miteinander verbrachten. Wir holten uns Falafel auf die Hand (da mir für Sushi noch der Mut fehlte), schauten uns einen spanischen Film in einem Programmkino an und tranken hinterher noch etwas in einer Rockkneipe, die Ausstieg, Ausbruch oder Ausfahrt hieß. Ehe ich mich wieder auf den Heimweg nach Aachen machte, standen wir noch eine Weile vor meinem Auto und tippelten herum wie zwei verliebte Teenager nach dem ersten Date. Maki sagte, dass ihr der Abend sehr gefallen habe und bot mir an, die Nacht bei ihr zu verbringen, weil ich ja doch schon einiges getrunken hätte. Wow, dachte ich, wenn eine Frau dir vorschlägt, bei ihr zu übernachten, ist in 99 Prozent aller Fälle was drin. Und was tat ich? Ich lehnte ab. Selbst auf die Gefahr hin, in eine nächtliche Polizeikontrolle zu geraten und meinen Führerschein abgeben zu müssen. Viel höher bezifferte ich die Wahrscheinlichkeit, dass eine gemeinsam verbrachte Nacht Sex und Sex das Ende bedeutet hätte – das Ende einer Freundschaft, die gerade erst im Begriff war zu entstehen. So etwas denkt ein Mann nur ein Mal in seinem Leben. Damals wollte ich das intensive Gefühl innerer Verbundenheit, das ich Maki gegenüber schon nach diesem ersten Tag empfand, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Ich war sogar richtig stolz darauf, mich dermaßen unter Kontrolle zu haben, und geistige Verbindung spontan über körperliche Vereinigung zu setzen.
Bei meinem Abschied versprach mir Maki, mich auf dem Laufenden zu halten, was die weitere Entwicklung anging. Schließlich sei ich ja nun ›ein fester Bestandteil dieser Geschichte‹ geworden.
»Noch mal entkommt mir ein Marc Singer nicht«, meinte sie im Scherz. Ich hoffte, dass es ihr ernst damit war. »Ihr müsst euch unbedingt mal kennen lernen. Das wäre doch hochinteressant, meinst du nicht?«
»Ja, bestimmt. Bis dann also«, sagte ich mit zarter Stimme.
Zu Hause legte ich mich direkt schlafen, um meine Entscheidung zurückzufahren am Ende nicht doch noch zu bereuen.
Am nächsten Nachmittag kochte ich Spaghetti und würzte die unerklärlich fade Fertigsoße mehrfach nach, gab noch einen Klumpen Schmelzkäse, etwas Ketchup, eine gute Prise Fondor und ein paar Spritzer Tabasco hinein, woraufhin alles zu einer kaum genießbaren Pampe verkochte. Maki könnte Recht damit gehabt haben, dass weniger mehr ist, und dass sich die Beschaffenheit der Zutaten über die Anzahl an Geschmacksverstärkern erhebt, dachte ich noch, während ich die Nudeln weitgehend unzerkaut mit Cola hinunterspülte. Da läutete das Telefon.
»Er ist tot, Marc! Marc ist tot!« flüsterte Maki mit entsetzter Stimme.
Ich erschrak beim Klang dieser Worte und schluckte mehrmals. Aber was sollte ich sagen?
»Wie jetzt?« fragte ich.
David Unsold hatte Makis E-Mail prompt beantwortet: Marc Singer war im Herbst 1993 bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Sein Kleinwagen war kurz vor Münster von einem LKW zerquetscht worden, der auf ein Stauende aufgefahren war. Marc Singer hatte Aachen nie erreicht.
»Ich fahre nach Hannover und werde Blumen auf sein Grab legen. Kommst du mit?« fragte Maki, nachdem sich ihre Stimme wieder beruhigt hatte.
»Ich? Nein. Ich will nicht auf einen Grabstein schauen, auf dem mein eigener Name steht. Tut mir leid, aber –«.
»Schon gut. Ich kann dich verstehen.«
Ich telefonierte mit einer Frau, die ich erst seit 24 Stunden kannte und die nicht zuletzt dank meines Engagements vom Tod ihres Exfreundes erfahren hatte, der wiederum meinen Namen trug und eigentlich meinen Platz am diesseitigen Ende der Leitung hätte einnehmen sollen. Das war zuviel für mich.
Ein Mensch mit meinem Namen existierte nicht mehr. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass es da eine makabere Verbindung gab. Blödsinn, sagte ich mir, als Maki aufgelegt hatte, du bist doch sonst nicht für so was empfänglich. Dein Gehirn versucht bloß, dich aus der Fassung zu bringen und ein bisschen Alltagshorror zu kreieren, damit es mal wieder ordentlich Stresshormone ausschütten kann. Ich wollte nicht an den Tod denken und versuchte mich abzulenken. Ich starrte aus dem Fenster und zählte die Autos, die draußen vorbeifuhren. Ausgerechnet Autos! Der tote Marc Singer erhaschte mich wie ein angrifflustiger Moskito. Er stach zu und zwang mich, mich in die Rolle einer Tatort-Leiche hineinzuversetzen, die nicht mal im Abspann aufgeführt wird. Wer hatte um Marc Singer getrauert? Wer würde wohl um mich trauern, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre? Wer würde meine Nicht-mehr-Existenz auch nach Jahren noch jämmerlich beklagen? Meine Mutter fiel mir ein und meine engsten Freunde … zumindest meine Mutter. Mit gutem Willen maximal eine Handvoll Personen, was nicht gerade viel ist bei fast acht Milliarden Erdbewohnern, ja nicht mal viel bezogen auf all die Menschen, zu denen ich im Laufe meines Lebens mehr oder weniger intensive Bande geknüpft hatte. Diese Vorstellung erschreckte mich so sehr, dass ich mir im Fernsehen eine Folge von Wickie und die starken Männer ansah.