Die letzten Monate waren zäh und ohne Geschmack, wie alter Kaugummi, den man gedankenverloren im Mund hin und herschiebt. Inzwischen ist es März, draußen grauer Winter, drinnen dämmrige Abgeschiedenheit. Türklingel und Telefon schweigen beharrlich. Das Vernachlässigen sozialer Kontakte scheint eine Disziplin zu sein, für die ich nicht besonders viel Übung brauche. Selbst Maki kann ein Lied davon singen. So groß meine Euphorie nach ihrer Rückkehr war, so sehr ich mich immer noch darüber freue, längst geht alles wieder seinen gewohnten Gang und jeder seinen Weg. Ich scheine in eine Art Wachschläferdasein verfallen sein, aus dem ich aus eigener Kraft nicht mehr erwache.
»Wir wollen heute Abend ins Stardust«, sagte Maki vorige Woche am Telefon. Ich finde, sie hat sich überraschend schnell wieder in Köln eingelebt. Und sie hat keinen Hehl aus ihrem Nachholbedarf in Sachen Ausgehen gemacht.
»In den Laden? Wenn ich da irgendwen um Feuer bitte, komme ich mir ja vor wie ein Pädophiler«, sagte ich.
»Dann steck halt ein Feuerzeug ein«, konterte Maki.
»Lass mal. Hab keine Lust auf dumm Rumstehen und durch die Gegend glotzen.«
»Weißt du, dass du ein echter Miesmacher bist? So hab ich dich gar nicht im Gedächtnis.«
»Tja, die Erinnerung trügt eben manchmal. Viel Spaß aber«, sagte ich und legte auf. Im selben Moment fragte ich mich, warum ich so negativ eingestellt war. Ich verhielt mich trotzig wie ein kleiner Junge, hatte an allem und jedem etwas auszusetzen und gefiel mir auch noch in dieser Rolle.
Maki hat sich seitdem nicht wieder gemeldet. Vielleicht wartet sie auf eine Entschuldigung. Die soll sie meinetwegen auch bekommen. Aber was ändert das an der Tatsache, dass die Grenzen der Unterhaltsamkeit für mich erreicht scheinen? Nicht nur in den Clubs der Stadt, auch was das Fernsehen angeht, wo sie nur noch Containermenschen zeigen, deren exhibitionistische Ausflüge ins Reich der Debilität von Millionen bewundert werden. Oder sie bringen eine dieser öden Quizshows, deren Kandidaten die Spanische Treppe in Madrid wähnen, oder glauben, Dr. McCoy hätte das Penicillin erfunden. Manchmal gewinnt eine Hausfrau aus Celle dort eine Million und dann ärgere ich mich, dass das Glück mit den Dummen ist und ich nicht selbst auf dem Platz unter den Scheinwerfern gesessen habe.
Zum Glück gibt ja noch das Internet. Hier kann ich mein Programm selbst bestimmen und mache auch regen Gebrauch davon. Ich lade mir illegal Songs runter, kostenlose kleine Pornofilmchen und mime beim Bundesliga-Manager den virtuellen Uli Hoeneß. Aber die meiste Zeit chatte ich. Ich bleibe also durchaus mit anderen Menschen in Verbindung, auch wenn diese eher unverbindlicher Natur ist und man seine virtuelle Verkleidung dabei nur selten ablegt. Das Ganze ist ein bisschen wie Karneval. Fast alles ist erlaubt, kaum etwas hat Folgen.
Alles fing damit an, dass mir Saskia vom Cyberplanet erzählt hat. Ich hatte sie nach längerer Zeit zufällig in einer Fotoausstellung getroffen und ihr übliches, leicht nervtötendes Begrüßungsgeschrei anstandslos über mich ergehen lassen. Wir schlenderten wir ein Stück die Exponate entlang. Sofort redete Saskia davon, wovon sie am liebsten sprach: von sich selbst. Ihr neues Office sei der Hit, rundum verglast und supergünstig in der Miete, die sie sich mit einem Architekten und einer Grafik-Designerin teile. Außerdem hätte sie wahnsinnig viel versprechende Kontakte zu einer Düsseldorfer Werbeagentur … und so weiter und so fort. All das interessierte mich nicht besonders, aber ich wollte nicht unhöflich sein und ließ ab und zu ein ›Soso‹ oder ›Nicht schlecht‹ verlauten. Erst, als Saskia von ihrer bevorzugten Pausenbeschäftigung berichtete, wurde ich hellhörig. Als freiberufliche Web-Designerin hat sie natürlich den vollen Überblick, was online abgeht. Der Cyberplanet, meinte sie, sei der spannendste Zeitvertreib und die beste Community, die es im Netz gibt.
»Ich war vorher bei funcom.de. Wurde aber ganz schnell öde. Jeden Tag die gleichen hundert, zweihundert Nasen«, sagte Saskia und warf der Fotografie eines gehäuteten Tieres einen angewiderten Blick zu.
»Ist doch gar nicht wenig«, erwiderte ich.
»Mensch, Marc.« Sie rümpfte die Nase. »Nehmen wir an, du läufst einen Tag lang durch die Stadt und triffst dabei, sagen wir mal, tausend Leute. Mit wie vielen davon möchtest du wohl ins Gespräch kommen?«
»Keine Ahnung.«
»Dann sortier doch mal alle aus, die nicht in Frage kommen: Proleten, Alte, Dicke, Hässliche, Teenies, Bild-Leser, Penner, Junkies, Straßenmusiker, Bäckereifachverkäuferinnen, was weiß ich. Wie viele bleiben noch?«
»Vielleicht fünfzig?«
»Wenn’s hoch kommt.« Saskia blieb stehen, drehte sich zu mir um und hob gestenreich die Hände. »Okay, jetzt quatschst du die alle an. Und bedenke, dass vielleicht nicht jeder dieser fünfzig Personen auch mit dir Konversation betreiben möchte. Zu wie vielen hast du nach ein, zwei Wochen noch guten Kontakt. Schätz einfach!«
Ich kam mir zwar vor wie ein lernbehindertes Kind, dem man verzweifelt das kleine Einmaleins beizubringen versuchte, aber ich schätzte: »Drei bis vier vielleicht.«
»Na siehst du. Regel Nummer eins: Du brauchst Masse, also eine verdammt große Community.«
»Und Regel Nummer zwei?«
»Du brauchst möglichst viele Selektionskriterien, wenn du deine Zeit nicht vergeuden willst. Hinter der Süßen Kleinen im Chat kann in Wirklichkeit ja auch ein fetter alter Sack stecken. Wenn aber jeder Nutzer ein eigenes Profil hat, mit persönlichen Angaben, ’nem Foto und vielleicht noch einem Lebensmotto, dann wird das Faken schon schwieriger und du kannst dir die Leute erstmal in Ruhe anschauen.«
»Aber in so ein Profil kann ich doch jeden Scheiß reinschreiben.«
»Klar. Aber wenn du dich tatsächlich mit jemandem treffen willst, wirst du schon aus eigenem Interesse davon ablassen. Dann wirst du sogar deinen Namen mit Bedacht wählen.«
»Zum Beispiel?«
»Na wenn ich mich bei meinem wirklichen Vornamen nenne, bin ich lediglich eine Frau, und eine phantasielose noch dazu. Nenne ich mich aber Belle de Jour, verkörpere ich Sinnlichkeit und Kultiviertheit. Und wenn mein Name Zuckerschnute lautet, sehen die anderen in mir ein nettes Mädchen mit kindlichem Gemüt.«
»Und wie nennst du dich tatsächlich?« fragte ich.
»Verrat ich nicht. Meld dich an und find es raus. Wenn du es innerhalb von zwei Wochen schaffst, lad ich dich zum Essen ein.«
»Die Wette gilt.«
Erst jetzt fiel mir auf, dass wir keine einziges Wort über die Ausstellung verloren hatten. Das letzte Bild zeigte einen Hund, der mit dem Kopf in einer umgekippten Mülltonne steckte. Es war wie alle anderen in der Grenzregion der USA zu Mexiko aufgenommen worden. Tiere standen stellvertretend für das Elend und die kaputten Träume der Menschen. Eigentlich keine schlechte Idee, befand ich auf dem Weg nach Hause. Warum war ich überhaupt dorthin gegangen? Ich glaube, um mich einfach mal zu zeigen. Und Saskia? Ich nehme an, um gesehen zu werden.
Zwei Tage später war auch ich Bewohner des Cyberplanet. Jedoch hatte ich schon bei der Anmeldung mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen und die Kehrseite einer zahlenmäßig großen Community kennen gelernt. Keine Ahnung, wie viele in meinen Ohren wohlklingende Namen von Romanhelden, Popsongs, Farbtönen, Filmfiguren, Raumschiffen und sonst was ich in die Tastatur gehackt habe, jedes Mal hieß es: Der gewählte Nickname ist schon vergeben. Fast erlag ich der phantasielosen Bitte des Hilfsprogramms, es doch endlich einmal mit einer Nummer (z. B. meinem Geburtsjahr) am Wortende zu versuchen, als mein Blick ein Werbebanner streifte, dem ich vor lauter Nicht-Mehr-Weiter-Wissen ausnahmsweise Beachtung schenkte. Es zeigte einen Ford Cougar. Das ist also der Capri von heute, dachte ich, ein aufgeblähter Pseudosportwagen für alle, die sich keinen Porsche leisten können, aber dennoch meinen, mit Spoilern und Pferdestärken protzen zu müssen. Egal, sagte ich mir, tippte die sechs Buchstaben kurzerhand ein und bingo: der Name war noch frei. Ich schlug das Wort nach und war zufrieden. ›Puma‹ passt gut zur Jagd.
Meine erste Aufgabe auf dem Cyberplanet war es, Saskia ausfindig zu machen, was mir jedoch nicht gelang, obwohl ich mehrere Sortiervorgänge startete, das Alter eingrenzte, Augen- und Haarfarbe als Suchkriterium eingab und mir am Ende alle Kölnerinnen online anzeigen ließ. Sie trieb offensichtlich ein falsches Spiel. Für sie lag das ganze Vergnügen in der Maskerade, auch wenn sie es mir gegenüber nicht zugegeben hatte. Aber in einem hatte sie Recht: Auf dem Planet tummelten sich Leute von so unterschiedlicher Herkunft und Prägung, dass man sie in dieser Konstellation außerhalb der Netzwelt höchstens bei Aldi oder im Telefonbuch antrifft. Die meisten Frauen suchen Freunde, die meisten Männer Sex. Ich mache da nicht unbedingt eine rühmliche Ausnahme, aber ich falle auch nicht mit der Tür ins Haus.
Als bevorzugter Grund für mein Online-Sein steht in meinem Profil Nette Leute kennen lernen. Gedanklich setze ich nette Leute zwar mit attraktiven Frauen gleich, aber ich hüte mich davor, wie ein notgeiler Neandertaler die verbale Keule zu schwingen, sobald ein weibliches Wesen den Cyberplanet betritt. Ich bin neugierig, gierig, aber nicht primitiv. Darüber hinaus hege ich die Absicht, den virtuellen Begegnungen reale Treffen folgen zu lassen. Also zeige ich mich auch im Internet von meiner besten und charmantesten Seite, nur einen Hauch freizügiger vielleicht. Über Themen wie Musik, Film, Beruf oder Reisen pirsche ich mich an meine weiblichen Opfer heran. Bis ich im Idealfall meine, ihr Verlangen nach Befriedigung im Flimmern meines Bildschirms erkennen zu können. Natürlich habe ich nicht immer Erfolg, aber wenn sich ein Kontakt erst als gefestigt erweist und das erste Date vereinbart ist, ist der Weg vom kühlen Chatroom ins warme Bett mitunter gar nicht so weit. Dreimal hat es so schon funktioniert. Bei bislang elf Dates kein allzu schlechter Schnitt, finde ich. Ich musste ja auch mal loskommen von Isabelle bzw. von dem, was von ihr in mir übrig ist. Nun gut, es war keine Frau zum Verlieben dabei, keine der Sorte Kopfverdreherin, keine absolute Granate. Aber man darf ja auch mal mit weniger zufrieden sein. Schnitzel und Pommes machen schließlich auch satt. Überhaupt! Was bringt es mir, wenn ich verliebt bin? Eine verklärte und irrationale Sicht der Dinge, ernstzunehmende Einschränkungen hinsichtlich Konzentration und Zurechnungsfähigkeit, weitreichende Probleme im Magen-Darm-Trakt. Nein, ich empfinde Verliebtheit nicht als das schönste aller Gefühle, zumal es offensichtlich untrennbar mit ständigem Warten verbunden ist: Warten auf den nächsten Anruf, die nächste E-Mail, das nächste Treffen, das erste Mal. Ich hatte doch schon erwähnt, wie sehr ich Warten hasse. Denn Warten heißt Ungewissheit und vertane Zeit. Ausnahmslos.
Auf dem Cyberplanet warte ich natürlich auch, sogar ständig: auf Antwort, auf Nachricht oder darauf, dass ein bestimmtes Profil zu blinken anfängt, weil dessen Besitzerin endlich online gegangen ist. Schöne Scheiße! Auch ohne Verliebtsein. Auch auf Galadriel habe ich gewartet, darauf, ihr endlich leibhaftig zu begegnen. Es war ja quasi schon ausgemacht. In Wirklichkeit hieß sie Bettina, glaube ich. Oder Birgit? Jedenfalls lebte sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in Koblenz und arbeitete halbtags in einer naturheilkundlichen Arztpraxis. Vermutlich kamen wir deshalb so schnell auf das Thema Krankheiten zu sprechen wie sonst nur ältere Damen bei einem Kaffeekränzchen. Ich berichtete ihr von den unvermittelt auftretenden Halsschmerzen und Magenkrämpfen, die mich hin und wieder überfallartig heimsuchten, woraufhin sie mir empfahl, versuchshalber einmal Nüsse in jeglicher Form von meinem Ernährungsplan zu streichen. Ihr Tipp erwies sich als genial, schon bald waren meine Beschwerden abgeklungen und mein Vertrauen in die Schulmedizin erschüttert, die mir nach mehrfachem Betasten, Spiegeln und Durchleuchten meines Körpers ein psychosomatisches Leiden hatte einreden wollen. Doch nicht zu viel Stress war der Auslöser für meine Beschwerden, sondern zu viel Nutella. Galadriel und ich tauschten rasch Fotos aus. Nachdem wir uns gegenseitig einer ›ausreichenden Attraktivität‹ vergewissert hatten, verlegten wir uns vom Quatschen immer mehr aufs Flirten. Sobald ihr Mann mal wieder auf Geschäftsreise war und die Schwiegermutter sich um den Nachwuchs kümmern konnte, würden wir uns treffen – bis es eines Tages hieß: Nachricht von Galadriel.
»Ich bin jetzt nackt, Herr, und erwarte deine Bestrafung.«
Ungläubig starrte ich auf diese Zeilen und schluckte mehrmals. Dann musste ich lachen. Mir vertraute sie sich Galadriel an, jemand anderem lieferte sie sich aus. Die Rolle des Folterknechtes war garantiert nicht mir zugedacht. Sie musste sich im Adressaten vertan haben. Was für eine bemerkenswerte Fähigkeit, dachte ich, binnen Sekunden gedanklich von Lack und Leder zu Lachs in Zitronensahne zu wechseln, da wir gerade im Begriff waren, unsere Lieblingsrezepte auszutauschen. Ich fragte mich, ob sie wirklich hüllenlos vor ihrem Computer saß und sich dabei womöglich noch selbst etwas antat?
»Hoppla, wohl vermailt«, schrieb ich zurück, nicht ohne meiner Nachricht einen augenzwinkernden Smiley hinzuzufügen. Ich erhielt keine Antwort. Einen Tag später war Galadriels Profil gelöscht und auch die E-Mail, die ich ihr noch schickte, blieb unbeantwortet. Dabei hätte ich mich sehr für den dunklen Fleck auf der Seele der treu sorgenden Mutter und Ehefrau interessiert. Sie traute sich jedoch nicht mehr in meine Nähe, auch wenn uns letztlich nur Glasfaserkabel und Kupferleitungen miteinander verbanden. Bestimmt ist sie längst wieder unter irgendeinem anderen zauberhaften Pseudonym auf der Suche nach fesselnden Momenten im Netz unterwegs.
So kommen und gehen die Kontakte in einer Folge, dass ich mir zu einigen Profilen Notizen mache, um nicht gänzlich den Überblick zu verlieren. Manchmal steht noch eine Telefonnummer dabei, aber die wähle ich ohnehin nie. Zu sehr fürchte ich den Moment, an dem es am anderen Ende der Leitung heißt: ›Wer ist da? Marc? Welcher Marc? ... Ach so, Cougar. Ja, ich erinnere mich ... Du, es ist gerade ziemlich ungünstig. Vielleicht ein anderes Mal, okay?‹
Nach den ersten, fast unverhofften ›Erfolgen‹ strengt mich der Cyberplanet mehr und mehr an. Immer dieselben Phrasen, Sprüche und Versprechen. ›Wir lesen uns morgen Abend‹ oder ›Ciao Bello‹. Morgen Abend passiert natürlich gar nichts und Bellos gibt es viele. Wie auch ich immer einer unter vielen sein werde, mit denen es sich gleichzeitig zu flirten lohnt. Man weiß ja nie, wer am Ende tatsächlich den meisten Grips, den größten Charme, die schönsten Augen oder den längsten Schwanz hat. Mal ganz ehrlich: drei Mal Sex bei elf Dates ist vielleicht kein schlechter Schnitt, aber drei Mal Sex bei ca. hundertzwanzig Anmachversuchen – da sieht das Ganze doch schon erheblich anders aus.
Wie bin ich bloß in diese Abhängigkeit von Avataren, Profilen, Messages, Favoritenlisten, E-Mail-Postfächern und Flirt-Matches hineingeschliddert? Es wird Zeit, dass der Frühling kommt und die Anziehungskraft der Sonne wieder größer wird als die des Cyberplanet. Seit Monaten hocke ich fast jeden Abend vor dem PC und verschiebe dann wieder alles Mögliche auf morgen, übermorgen, nächste Woche und so fort. Ich komme mir allmählich vor wie ein fettleibiger Kalorienjunkie, der sich mit einer Riesenpackung After Eight vergnügt. Ohne Reue schiebt er sich ein hauchdünnes Schoko-Minz-Plättchen nach dem anderen in den Mund und verschließt die Augen vor der kumulierten Gefahr. Selbst, wenn sich meine Tippfehler vor lauter Müdigkeit in einer Weise häufen, als lalle ich beim Schreiben, denke ich mir: Ein Profil klickst du noch an. Eine Frage ist noch drin. Eine E-Mail-Adresse ergatterst du noch.
Heute ist es schon zu spät für den Cyberplanet. Gott sei Dank. Nach Mitternacht treiben sich dort nur noch Kids mit Einschlafstörungen und ein paar Typen auf der Suche nach Cybersex herum. Ich fahre den Rechner hoch und checke lediglich meine E-Mails. Die üblichen Betreffzeilen springen mir ins Auge wie die drohenden Vorboten der Nach-Coca-Cola-Ära: Enlarge your Penis, Heißer Sex auf Parkplatztreffs, Debt free in 24 hours und Tiffany gets her first facial. Ich verfluche den Tag, an dem sich meine E-Mail-Adresse mit nur einem unbedachten Klick in das ganze Internet verbreitet hat und die Junkmail-Mafia rund um den Globus ihrer habhaft wurde. Ungelesen in den Müll damit! Nur bei Tiffany zögere ich kurz und mache mir Sorgen. Nicht etwa um dieses Mädchen, das womöglich gerade den entscheidenden Karrieresprung von der Highschool direkt ins schmuddeligste Pornomilieu geschafft hat. Eher darüber, dass ich wahrhaftig kurz überlege, meine Kreditkarte zu zücken, um in Echtzeit am Bildschirm mitzuerleben wie ein widerlicher Kerl in einer zu einem Filmstudio umfunktionierten Hinterhofgarage sein Sperma in das Gesicht dieser Tiffany spritzt. Ein Augenblick männlicher Schwäche. Kaum vermeidbar, so lange das World Wide Web beständig zum weltweiten Wichsen auffordert. Ich reiße mich zusammen und drücke die Delete-Taste. Eine Nachricht bleibt, übertitelt mit Foto.

Hallo Marc, ich war eben auf deiner Homepage. Kompliment! Gefällt mir ausgezeichnet. Du scheinst ein wirklich interessanter Typ zu sein. Auch die Fotos sind toll, schwarzweiß wirkt doch direkt viel edler. Deine Nase wirkt so elegant, fein und doch bestimmt. Mein Foto ist leider in Farbe, aber für einen guten ersten Eindruck sollte es wohl reichen *lach* Gehst du eigentlich gerne ins Theater? Ich habe Karten fürs Wochenende, das Stück heißt ›Shoppen & Ficken‹, klingt viel versprechend, findest du nicht? Apropos Shoppen: Würde dir gern noch mehr über mich schreiben, aber ich muss noch einkaufen, wir wollen heute Abend mit Freunden thailändisch kochen. Liebe Grüße, Liane
PS: Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich gebe mich stets mit dem Besten zufrieden. (Oscar Wilde)

Meine Nase? Noch nie hat eine Frau etwas über meine Nase gesagt. Ich dachte immer, sie sei völlig normal und unspektakulär. Und was hat es mit Oscar Wilde auf sich? Meint sie mit dem Besten etwa mich? Auch wenn sie einfach nur den Spruch des Tages von www.zitate.de abgetippt haben sollte, lässt dieses Zitat genauso auf einen kultivierten Lebensstil schließen wie Theater und Thai-Küche, auf einen Stadtmenschen wie mich, auf eine Frau mit Sinn für Ästhetik und Kultur, die genauso gerne in Lifestylemagazinen blättert wie im Feuilleton der Zeit, die von guten Filmen auch die Namen der Regisseure kennt ... Ach was, ich spekuliere schon wieder und drehe jeden noch so kleinen Hinweis in Richtung einer Seelenverwandtschaft, die so wenig belegt ist wie die Existenz des Yetis – nur gibt es von Liane ein Foto und das ist entscheidend.
Da steht sie nun in einem dünnen gelben Sommerkleid, das ihr gerade mal bis knapp über den Hintern reicht, das linke Knie angewinkelt, den Kopf leicht zurückgeworfen. Über einer grazilen Schulterpartie trägt sie ein ovales Gesicht mit feinen Konturen, katzenhaften Augen und kurzen dunklen Haaren. Der laszive Blick aber wirkt eindeutig aufgesetzt, so als hätte sie ihn sich von Kate Moss in einem dieser Calvin-Klein-Werbespots abgeschaut. Es ist eines dieser typisch freizügigen Fotos, wie sie manche Männer im Urlaub gerne von der Partnerin machen – nur um später beim Herumreichen der Abzüge im Kollegenkreis beim ersten ›Oha!‹ peinlich berührt verlauten zu lassen: ›Mist, das wollte ich doch aussortieren!‹. Daraufhin macht das Bild natürlich erst recht die Runde, und der Fotograf platzt innerlich vor Stolz, dass die von ihm abgelichtete Sexbombe seine eigene Frau ist.
Auch ich bin begeistert von Liane. Vor allem darüber, dass sie offensichtlich sie selbst ist und nicht etwa ein eingescanntes Model aus der Vogue, so viel steht für mein grafisch halbwegs geschultes Auge fest. Nur habe ich keinen blassen Schimmer, wer Liane überhaupt ist. Ich muss kürzlich mit ihr gechattet und ihr dabei die Adresse meiner Homepage gegeben haben, mit der ich im Übrigen ausschließlich das Ziel verfolge, meine äußeren Merkmale, inneren Werte und bevorzugten Freizeitaktivitäten im Chat nicht zum hundertsten Mal runterbeten zu müssen. Ich schreibe Liane umgehend zurück und frage sie, unter welchem Nick sie denn im Netz unterwegs ist.
Dann surfe ich doch noch einmal zum Cyberplanet, mehr aus Gewohnheit denn aus Neugier. Vielleicht ist ja heute der große Ausnahmeabend und doch noch jemand Interessantes online … natürlich nicht. Sicherheitshalber könnte ich zumindest noch einmal mein Passwort ändern. Was heißt hier sicherheitshalber? Wer sollte sich schon dafür interessieren und es zu hacken versuchen? Egal, allein die Vorstellung ist interessant, dass dies keinem gelingen wird – weil ich ein gewiefter Stratege bin und man mein Passwort nie mit mir als Person in Verbindung bringen würde. Ich gehe auf Meine Einstellungen und ändere Klaximo06 (das war mir einfach so eingefallen) in Lianissimo (das fällt mir auch einfach so ein).