Es ist die zweite Woche nach Lydias endgültigem Lebewohl. Es hat schon weh genug getan, sie nach Kapstadt abfliegen zu sehen, aber da durfte ich wenigstens noch guter Hoffnung sein, dass sie sich nichts sehnlicher wünscht als ein baldiges Wiedersehen am anderen Ende der Welt.
Ich habe mich sechsmal übergeben in den letzten Tagen, jeweils so lange und inbrünstig, dass ich meinte, meine inneren Organe wollten nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich versuche tief Luft zu holen, aber ab einem gewissen Punkt röchle ich nur noch. Mein Brustkorb fühlt sich an wie in einen Schraubstock gezwängt, gerade so weit, dass ich nicht ersticke. Lebenserhaltungssysteme auf dreißig Prozent. Seit drei Tagen habe ich nicht mehr geduscht. Meine Barthaare sprießen wie Unkraut und fangen an zu jucken. Ich habe nicht mal mehr Lust zu onanieren.
Ich gehe ans Fenster und blicke in den Himmel. Immer wenn ich in der Ferne die weißen Kondensstreifen eines Flugzeugs entdecke, dabei zusehe, wie sie langsam zerfleddern und sich auflösen, spüre ich den Schmerz am stärksten und kann mich trotzdem nicht von diesem Anblick lösen. Zum Glück liegt heute eine dichte Wolkendecke vor dem unerträglich weiten Blau. Ich lobe den Wettergott für sein Einfühlungsvermögen und den Erfinder der Thermopane-Verglasung für seine Weitsicht. Einem nicht einmal zwei Zentimeter dicken, in Glas eingeschlossenem Vakuum habe ich es zu verdanken, dass die Welt mitsamt ihren Menschen und den von ihnen produzierten Geräuschen und Abgasen nicht bis in meine Dachgeschossenklave vordringen kann. Meinen eigenen Mief kann ich dagegen recht gut aushalten. In der Luft steht ein träger Rauchschleier, der nur dann leicht wabert, wenn mein verlotternder Körper ihn durchschneidet, um sich aufs Klo, ans CD-Regal, an den PC oder an den Kühlschrank zu begeben. Wäre möglich, dass meine Kurzatmigkeit doch nicht ausschließlich auf mentale Ursachen zurückzuführen ist.
Der Grund für meine Verfassung liegt in einer knappen E-Mail, die mit den Worten endet: Von daher macht es wohl nicht viel Sinn, wenn du mich hier besuchst. Dir war aber doch klar, dass das mit uns nur eine Phase sein konnte. Ich hoffe, du hast nicht allzu viel in mich investiert. Vergiss mich nicht ganz. Lydia
Nicht ganz vergessen? Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann den, das Kapitel Lydia mit einem Mal aus meinem Gedächtnis zu löschen. Format: C. Nur eine Phase bin ich also für sie gewesen. Was für ein beschissenes Wort! Abschnitt einer stetigen Entwicklung, lese ich im Duden. Brutales Abschneiden einer hoffnungsvollen Entwicklung, sollte es heißen. Das Buch liefert noch eine Definition: Größe, die den Schwingungszustand einer Welle an einer bestimmten Stelle, bezogen auf den Anfangszustand, charakterisiert. Kapier ich nicht! Ich erinnere mich sowieso nicht mehr an den Anfangszustand (ich muss wohl benebelt gewesen sein), aber als Welle bin ich gebrochen und verebbt.
Was war ich auch so dumm zu glauben, Lydia lebe tatsächlich in einer Welt hinter dem Spiegel, in einem emotionalen Wunderland, in dem Schweigen Vertrauen, Körperlichkeit Liebe und Schmerz Tiefgang bedeutet. In Wirklichkeit bin ich einer traumatisierten Frau begegnet, die sich an mir geklammert hat wie ein Betrunkener an den nächst besten Laternenpfahl. Dann ist sie irgendwann aus ihrem Rausch erwacht, hat sich schnellen Schrittes davongemacht und mich an der angestammten Straßenecke zurückgelassen. Ich hätte irgendjemand sein können. Ich war nur ein Funktionserfüller für sie.
Lange hockte ich nach dem Eingang ihrer E-Mail vor der Tastatur. Erst wollte ich eine seitenlange Schimpftirade verfassen, nach dem Motto Wie kannst du nur? und so weiter. Dann dachte ich daran, meiner tiefen Enttäuschung mit dem Pathos melodramatischer Phrasen die richtige Würze zu verleihen. Schließlich sollte es nur ein einziger Satz werden, ein Satz wie eine Explosion, der ihr brutal vor Augen führt, dass sie doch nichts weiter ist als ein außergewöhnlich gewöhnlicher Mensch. Am Ende ließ ich es ganz. Kein Wort, kein Warten, kein Schmerz.
Ich sollte mich ablenken, mal wieder in meine virtuelle Haut schlüpfen, als Cougar noch einmal die Krallen wetzen, bevor sie völlig stumpf werden. Es ist lange her, dass ich dem Cyberplanet einen Besuch abgestattet habe. Frustrierend! Nicht eine einzige Nachricht in meinem Postfach. Kein: Hey, ich würde dich gern kennen lernen. Nicht mal ein: Schade, hab dich lange nicht mehr hier gesehen. Da geht Die Schönste gerade online. Kurzerhand schreibe ich ihr: ›Schönheit ist vergänglich, Klugheit nicht. Aber bestimmt kannst du mit beidem aufwarten.‹ Erst mit Drücken des Send-Buttons wird mir bewusst, dass ich schon charmantere Sätze geschrieben habe. Ich bin vollkommen aus der Übung. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: ›Verpiss dich, du Arschloch!‹
Blöde Schnepfe! Trotz der offenkundigen Zurückweisung schaue ich nach, was im Profil der Schönsten steht: Aufgepasst Männer! All ihr armen Studenten, dürren Bohnenstangen und alten Säcke über 35 braucht es gar nicht erst zu versuchen. Für alle anderen gilt: Nervt mich nicht mit euren selten dämlichen Anmachen, wenn ihr einer echten Deluxe-Frau nicht das Wasser reichen könnt. Wer mich kennen lernen will, muss es in jeder Hinsicht drauf haben. Kapiert?
Ha! Die hätte sowieso kein nettes Wort verdient gehabt! ›Du selten arrogante Schlampe‹, tippe ich noch, aber meine Nachricht geht nicht mehr durch, weil Die Schönste mein Profil bereits gesperrt hat. Und sonst? Entweder keine Antwort, kein Interesse oder gerade besetzt. Virtuelle Scheißwelt!
Was rege ich mich eigentlich auf? Habe ich nicht beschlossen, niemandem wieder eine derart große emotionale Angriffsfläche zu bieten wie Lydia? Ich muss nur noch ein paar allzu lebendige Erinnerungen an sie ausradieren: ihr Gesicht zum Beispiel, das fast jedes Mal auftaucht, wenn ich meine Augen schließe. Was für ein unsinniger Reflex! Um sie ein für allemal loszuwerden, bediene ich mich klarer russischer Alkoholdestillate und düsterer finnischer Filmkunst. Moskovskaya und Kaurismäki als Schwimmweste und Rettungsanker. Ich trinke den ersten Schluck Wodka aus der Flasche und schalte den Videorekorder ein. Es gelingt mir nicht, mich auf den Film zu konzentrieren und es dem Mann ohne Vergangenheit gleichzutun.
Ausgerechnet ein Tauchlehrer, das ist der wirkliche Tiefschlag. Ein Naturbursche mit Charme bis zum Umfallen. Ein Draufgänger, der den Elementen trotzt. Ein Sonnyboy, dem die Frauenherzen nur so zufliegen. ›Jeff ist Tauchlehrer‹, hat Lydia geschrieben. Und weil Jeff so toll in seinem nassen Element ist, bin ich raus aus dem Spiel. So was Profanes! Mit ihrem Sprung in die Tiefe oder dem Abdriften in den Wahnsinn hätte ich leben können. Hätte auch besser zu ihr gepasst. Zu der Lydia, die ich kannte – zu kennen glaubte. Gesprungen ist sie ja, hinein in die atlantischen Fluten. Ein paar bunte Fische, ein schöner Mann, der sie ihr zeigt, eine Strandparty mit Barbecue, ein Kuss bei Sonnenuntergang – und alles ist geritzt. Vielleicht sollte ich auch Tauchlehrer werden, so schwer wird’s ja nicht sein.
Ich gieße mir ein weiteres Glas Wodka ein, es brennt nicht mal mehr in meinem Rachen. Vielleicht ist die echte Lydia auch tot und keiner bemerkt, dass sich seelenlose Aliens ihres Körpers bemächtigt haben, wie in diesem Science-Fiction-Film Die Körperfresser kommen. Scheiße, jetzt geht’s aber mit mir durch.
Ich hebe mich vom Sofa hoch und ziehe den Bund meiner Jogginghose straff. Sie musste lange auf den Moment warten, von mir als vollwertiges und praktisches Kleidungsstück anerkannt zu werden, wenngleich die Laufstrecke, die ich in den letzten Tagen zurückgelegt habe, kaum mehr als einer Stadionrunde entsprechen dürfte. Ich will mir gerade ein Bier holen, um meinen Flüssigkeitshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen, da verliere ich ebendieses und finde mich mit dem Gesicht auf dem Teppich wieder.
Ich habe staubtrockene Wollfäden im Mund und das Gefühl, eine Ewigkeit auf dem Boden gelegen zu haben. Vielleicht war ich im Koma, aber dann wäre ich wohl verdurstet und nun eine von diesen Leichen, die man erst nach Wochen findet, wenn sich im Treppenhaus ein süßlich-beißender Gestank ausbreitet. Wahrscheinlicher ist, dass abermals zwei, drei Wochen wie die Endlosschleife einer Soap-Sequenz an mir vorbeigezogen sind und ich nun schon zum x-ten Mal über mich selbst gestolpert bin.
Plötzlich habe ich eine Vision. Maki taucht im Flur auf und wedelt mit einem Schlüsselbund.
»Ich wusste es, ich wusste es. Irgendwann hast du mir mal den Zweitschlüssel anvertraut, aus Angst, dass du dich aussperrst. Stattdessen sperrst du dich ein, gehst nicht an die Tür und nicht ans Telefon. Schäm dich, Marc Singer!«
Keine Vision, fast ein bisschen schade. Gerade dachte ich, jetzt geht es so richtig mit dir bergab, jetzt wirst du zum Fall für die besten Psychologen der Stadt. Das wäre doch eine gute und praktische Entschuldigung für alles, was irgendwie nicht mehr richtig funktioniert.
»Das ist Hausfriedensbruch«, nöle ich.
»Falsch, das nennt man Fürsorge«, antwortet Maki.
»Brauch ich nicht. Was willst du?«
»Na was wohl? Dich rausholen aus diesem Rattenloch und deiner Selbstmitleidstour. Und falls es dich beruhigt: Ich mache das aus reinem Egoismus. Nicht, weil du mir leid tust, sondern weil es mir selbst nicht gut dabei geht, wenn mein bester Freund wochenlang auf megadepressiv macht.«
»Hey, mir geht’s wirklich mies«, sage ich, inzwischen auf dem Teppich kniend. Es ist mir nicht mal peinlich, dass Maki mich in diesem Zustand sieht.
»Komm schon, lass uns was machen. Erstmal an die frische Luft gehen. Hier stinkt’s ja wie ...« Sie rümpft die Nase.
»Danke, keine Lust.«
Ich stehe auf und lasse mich ins Sofa fallen, den einzigen verständnisvollen und nachgebenden Freund, den ich derzeit habe. Maki schickt sich an, ein Fenster aufzumachen.
»He, lass das!« sage ich. »Niemand hat dich gebeten meine Mutter zu spielen.«
Ich ernte den niederträchtigsten Blick, den Maki mir je zugeworfen hat, und freue mich innerlich, dass sie mit der simplen Fenstermechanik offensichtlich nicht klarkommt.
»Ich denke es wird dir nur gut tun, wenn wir beide wieder etwas mehr Zeit miteinander verbringen«, sagt sie, die Hände in die Hüften gestemmt.
»So wie damals etwa, als ich uns alles für ein fettes Willkommensmenü besorgt hatte und du nicht zurückgekehrt bist aus deinem Liebesnest auf La Gomera?«
»Jetzt werd nicht unfair!«
»Schon mal was von Déjà-vu gehört?«
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
»Na, du hast dir damals deinen Barkeeper gekrallt und Lydia sich jetzt ihren Tauchlehrer. Was habt ihr Frauen doch bloß für kranke romantische Ideale.«
»Jetzt vergleich mich bloß nicht mit dieser Person.«
»Stimmt. In dich war ich ja nie verliebt.«
»Herrgott! Was mache ich eigentlich hier?«
»Das frag ich mich auch«, murmele ich.
Ich spiele mit einer Zigarette so lange an meinen Lippen herum, bis ich sie am falschen Ende anzünde. Ich huste aus vollem Hals, lauter gelbe Sterne tanzen vor meiner Netzhaut. Maki und Lydia scheinen noch mehr gemeinsam haben als ein offensichtliches Faible für Aussteiger und Abenteurer. Sie platzen einfach in mein Leben und krempeln es um. Und wo bleibe ich? Warum komme ich nicht raus aus meinem selbst gewählten Exil? Will ich die Kränkung, die mir widerfahren ist, am Ende auf eine bizarre Art genießen? Schließlich liefert sie mir den besten Grund dafür, warum mir dieser Tage alles andere zuviel, zuwider oder egal ist. Tief in mir drin ahne ich ja, dass auch Lydia nicht hätte Lydia sein müssen, damit ich hier Wodka trinkend und Kette rauchend in meiner Jogginghose ende. Ich habe mich genauso an sie geklammert wie sie an mich, mit dem Unterschied, dass sie zurück in eine Normalität wollte, aus der ich im Begriff war zu entfliehen. Beziehungstechnisch waren wir beide Trittbrettfahrer. Noch dazu mit einem schlechtem Timing.
Im Grunde genommen möchte ich gerne aufstehen, Maki um den Hals fallen und hemmungslos zu schluchzen anfangen. Dann würde ich mir trotzig den Rotz aus dem Gesicht wischen und – als wenn nichts gewesen wäre – mit ihr in irgendein kleines Café gehen, um über Bücher, Filme und Musik zu reden.
Ich hänge diesen und anderen Gedanken nach, da packt Maki mich am Arm und zerrt mich vor den Spiegel.
»Was siehst du?« fragt sie.
»Na mich … und dich.«
»Ja, mich sehe ich auch. Aber statt dir sehe ich ein elendes, ungepflegtes Etwas. Einen Kerl, der sich in seinem Leid suhlt wie ein Schwein im Dreck. Wieso nur?«
»Lydia«, seufze ich und blicke an meinem Spiegelbild vorbei ins Leere.
»Ich sehe keine Lydia! Nicht ein einziges Mal hab ich sie gesehen. Nur ein paar ominöse Bemerkungen von wegen geheimnisvolle Frau, Seelenverwandtschaft, Grenzerfahrung sammeln und solcher Blödsinn. Und wo hat es dich hingebracht?«
»Wo bringt uns das Menschsein überhaupt hin?« frage ich.
»In deinem Zustand solltest du nicht auch noch zu philosophieren anfangen.« Maki nimmt meinen Kopf zwischen ihre Hände und zwingt mich, in mein Spiegelbild zu sehen. »Du hast schon besser ausgesehen. Findest du nicht?«
»Wär möglich«, sage ich.
Ich presse meine Lippen zusammen, damit Maki das Grinsen nicht bemerkt, dass mir meine Gesichtsmuskulatur plötzlich diktiert. Mein eigener Körper will mir die Unsinnigkeit meiner ›Selbstaufgabe Light‹ vor Augen führen.
»Man könnte ja meinen, du bist eifersüchtig«, sage ich.
»Auf wen denn? Auf deine Phantomfrau?« Maki legt ihre Arme um meine Taille. »Ach Marc, komm doch wieder zurück!«
Im Spiegel sehe ich aus, als hätte ich zwei Köpfe. Eigentlich kann ich mich glücklich schätzen, dass Maki für mich mitdenkt. Dass sie überhaupt an mich denkt.