Ich rekapituliere: Ich wollte etwas Verrücktes tun und habe etwas Verrücktes getan, wenn auch nur als Zuschauer, der ausnahmsweise mal den Bühneneingang benutzen und den Stars der Szene bei ihrem Treiben beiwohnen durfte. Ich habe einen verrückten Anhalter mitgenommen, mich von einem Kerl Marke Türsteher herumkommandieren lassen und einer wehrlosen Frau den Hintern versohlt. Reife Leistung, Marc Singer! Dabei hat das Thema SM bislang nicht mal Einzug in meine Pornografiesammlung gehalten, ich bin doch nicht sadistisch veranlagt, nie und nimmer. Es war nichts als die blanke Neugier, allein diese bizarre Situation, der Reiz des Verbotenen, das Außergewöhnliche jenseits aller Normen. Ich hätte auch an eine Domina geraten und mir selbst ein paar Schläge einhandeln können, ich hätte haargenau den gleichen Erregungsgrad empfunden, da bin ich mir sicher. Das ist ungewöhnlich. Bin ich deshalb auch ungewöhnlich? Oder nur über die Maßen gewöhnlich?
Ich lasse das Lenkrad los und halte mir die Hände vors Gesicht. Ich überlasse dem Wagen die Entscheidung, ob ich nun vollends abdriften soll, da holpert es plötzlich. Meine Hände sind wieder schneller am Steuer, als der Wagen ausbrechen oder mein Gehirn sich entscheiden kann. Typisch!
Nur noch eine knappe Stunde bis zur Küste. Inmitten weitläufiger Dünenlandschaften werde ich über Holzstege an Sanddornbüschen vorbeiwandern und mir im Angesicht der scheinbaren Unendlichkeit des Meeres in Ruhe überlegen, für was das alles nun gut war, falls es überhaupt für irgendetwas gut war, außer noch mehr Fragen aufzuwerfen.
Trostlos gräbt sich die Autobahn in öde Umgebung. Wohin man schaut nur flache, langweilige Landschaft, ab und an durchsetzt von klobigen Industriebauten und grell gestrichenen Einkaufszentren. Teerflicken und Schlaglöcher lassen meinen Wagen immer wieder holpern. Kein Wunder, dass die Belgier ihre Autobahnen nachts beleuchten. Ein Astronaut kann diese Lichterketten sogar aus dem Orbit erkennen, die NASA sagt dazu The Belgian Window. Vielleicht gleicht mein Lebensweg am Ende ja eher einer belgischen Autobahn als einem amerikanischen Highway, und es liegt weniger an mir selbst und meiner Fahrweise als an der Mittelmäßigkeit und Langeweile, die mich umgibt, dass ich das Gefühl nicht loswerde, mich fortwährend im Kreis zu drehen. Vielleicht habe ich wie ein Astronaut immer nur aus weiter Ferne auf mein eigenes Belgisches Fenster geschaut, dem aus der Nähe betrachtet jeder magische Glanz fehlt.
Umso erstaunlicher, dass ich ausgerechnet hier und jetzt das Gefühl habe, das Leben würde mich mit all seinen Farben durchfließen, als sei, indem ich Zeuge von Mels Selbstaufgabe geworden bin, irgendeine Urenergie durch mich hindurch geflossen, etwas Archaisches, das bislang keinen Platz in meinem Leben hatte. Ich taste im Handschuhfach nach einer neuen Kassette, The Strokes, großartig. Ich drehe den Lautstärkeregler auf und singe aus Mangel an Textkenntnis irgendein Pseudoenglisch mit. Die nackten und dreckigen Arrangements dringen mehr durch meinen Bauch als über das Ohr in mich ein, fünfzehn mal drei Minuten konzentrierte Ursuppe, das ist es. Ich werde diesen Trip ein wenig ausdehnen, im Verlag anrufen und mich krankmelden.
Nachdem ich mich in einer Pension in Domburg einquartiert habe, begebe ich mich augenblicklich so dicht ans Wasser wie trockenen Fußes möglich. Der Himmel hat die Farbe von Milch und verbindet sich mit den Schaumkronen der Wellen zu einer nassen Wand. Wellenbrecher ragen weit in das Meer hinaus. Die Doppelreihen mit Muscheln bewachsener Holzpfähle wirken wie kleine Alleen voller abgestorbener Bäume. Die Zeit friert ein, mein Unterbewusstsein verselbständigt sich.
Ich sehe mich an eine dieser Pfähle gefesselt, die nassen Stricke schneiden in mein Fleisch, mit der nächsten Flut wird das Wasser steigen, langsam werde ich ertrinken. Ich schreie nicht um Hilfe, ich werde mich aus eigener Anstrengung befreien, ich winde und bewege mich, scheuere mir die Haut auf. Das Salzwasser brennt auf den wunden Stellen, aber die Fesseln geben langsam nach. Ich versetze mich in Mels hinein, zögere meine Befreiung so lange wie möglich hinaus, empfinde Lust an der Gefahr, der Schmerz hält mich lebendig. Dann die Erlösung, wie aus dem Nichts, kurz bevor das Wasser mein Kinn erreicht. Mit einem Satz springe ich aus den Fluten, drei, vier Meter in die Höhe, stehe mit einem Mal auf der Spitze des Pfahls, der fast meinen Untergang bedeutet hätte, breite die Arme aus, verwachse mit dem toten Holz, hauche ihm wieder Leben ein. Es beginnt Wurzeln zu schlagen, die sich in Sekundenschnelle über die ganze Küste verbreiten, den Boden aufwühlen, Fundamente erschüttern, Menschen zu Fall bringen …
Ein rhythmisches Klicken, gefolgt von einer schlurfenden Bewegung in meinem toten Winkel, unterbricht meinen Tagtraum. Ich sehe mich nicht um. Du lässt dich zu leicht aus der Fassung bringen, denke ich. Im Kino hörst du das Rascheln einer Popcorntüte, erst leise im Hintergrund, dann schwingt es sich zu nervtötenden Höhen auf, du verpasst eine Schlüsselszene, weil du nur noch darauf wartest, dass der Popcornesser wieder und wieder seine Hand in die knisternde Tüte steckt und darin herumwühlt. Du wünschst dir, dass er auf der Stelle an seinem Futter erstickt … Wieder dieses Klicken, wie von einer Kamera … Oder zu Hause: Gerade hast du dich hingelegt und in ein gutes Buch vertieft, da kreuzt eine Fliege dein Blickfeld, ein schwarzer umherschwirrender Punkt in der Luft, du findet die Anschlusszeile nicht auf Anhieb wieder, verstellst die Brennweite, doch entdeckst den Störenfried schon nicht mehr, musst den letzten Absatz noch einmal lesen, weil du in Wirklichkeit über geeignete Fliegenfangmethoden nachgedacht hast. Du stehst auf und nimmst dich eines Problems an, das eigentlich keins ist.
»He!« ruft plötzlich jemand. »Ja, so bleiben. Das ist gut.« Jetzt drehe ich mich doch um. Rechterhand trabt ein Mann mit einer Kamera auf mich zu, legt immer wieder kurze Zwischenstopps ein, kniet sich hin und fuchtelt am Objektiv herum, um mich – tatsächlich mich – bei meinem Nichtstun abzulichten.
»Hey, was soll das? Ich bin doch nicht Robbie Williams«, rufe ich dem Mann zu, aber er scheint mich nicht hören zu wollen.
Er zieht ein neues Objektiv aus seinem Trenchcoat, hat es im Handumdrehen auf seine Kamera montiert und fährt fort mich zu fotografieren. Ich gehe auf den Mann zu, er ist außer Puste und jappst nach Luft, als hätten ihm die paar Schnappschüsse gerade zwei Jahre seines Lebens gekostet.
»Haben sie nichts Besseres zu tun?« frage ich.
»Ich bin Fotograf«, antwortet der Mann und fährt sich mit den Fingern durch den grauen Bart, während er seine Kamera in einer schäbigen Umhängetasche verschwinden lässt.
»Ach was?!«
»Nun ja, nicht gerade ein Star der Szene. Eher gutes altes Handwerk. Und mittlerweile nur noch in eigener Mission unterwegs.«
Ich frage mich, was dieser komische Kauz von mir will, wo er mich schon aus meinem Tagtraum gerissen hat. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis unter das Kinn und betrachte das fleischige, verlebte Gesicht des Mannes. Unter buschigen Augenbrauen blitzen glasklare Augen hervor. Er wirkt wie eine gekonnte Mischung aus vollkommen verwahrlost und höchst kultiviert.
»Es ist mir ein Anliegen, mich erst einmal vorzustellen«, sagt er. »Martin Quast.« Zögernd erwidere ich seinen Händedruck. »Ich fotografiere Suchende. Und nirgends findet man suchendere Menschen findet als an einem menschenleeren Strand.«
»Ich hatte tatsächlich gehofft, dass er menschenleer ist«, erwidere ich. »Aber wo sie schon mal hier sind: Warum haben sie es gerade auf mich abgesehen?«
»Ach weißt du«, erwidert Quast, schiebt sich die für sein Alter eigentlich zu langen Haare hinter die Ohren und blickt aufs Meer hinaus. »Früher habe ich alles Mögliche fotografiert. Was man eben von mir verlangte: gestelzte Menschen in Büroatmosphäre, neue Automodelle in trendigen Farben und sogar Klöße mit Bratensoße, wenn es der Auftrag erforderte. Wusstest du, dass man anstatt Bratensoße Motorenöl verwendet, weil es unter der Hitze der Scheinwerfer nicht ausflockt oder klumpt? Kein Mensch merkt das.«
»Das ist ja nun wirklich ein alter Hut«, erwidere ich.
»So, so, der Herr weiß Bescheid«, sagt Quast und leckt über das Zigarettenpapier der Selbstgedrehten, die er in Windeseile gezaubert hat. Sein Gerede nervt mich, aber ich möchte schon gern wissen, ob die Fotos gut geworden sind.
»Was haben sie mit den Fotos vor?«
»Gar nichts ... sie entwickeln natürlich,« sagt Quast in den Wind.
»Ich frage mich wirklich, warum ich hier stehe«, sage ich kopfschüttelnd.
»Weil du als suchender Mensch viel zu neugierig bist, als dass du –«
»Hören sie auf! Das ist mir jetzt wirklich zu blöd.«
Quast, dessen Profil etwas von einer Krähe hat, grinst in sich hinein. Er zieht genüsslich an seiner Zigarette und pustet den Rauch in einer langen Fahne aus.
»Ich weiß, was jetzt kommt. Du bist schließlich nicht der Erste«, sagt er. «Ja, wirst du sagen, jeder Mensch ist ja irgendwie auf der Suche, sein ganzes Leben über sucht man und weiß eigentlich nie genau, wonach. Aber darauf kommt es mir als Fotograf nicht an. Der Ausdruck ist entscheidend, die Sehnsucht im Blick, die Unentschlossenheit in den Bewegungen. Du kannst das ruhig als Kompliment auffassen.«
»Oh, das macht mich jetzt richtig stolz. Ich als Suchender des Jahres auf dem Titel von Psychopatisches Fotografieren. Machen sie mit den Aufnahmen von mir aus, was sie wollen. Nur dieses Gequatsche höre ich mir nicht länger an.«
»Du kannst den Film gerne haben, bevor du noch denkst ich sei ein perverser alter Mann. Komm mich doch heute Abend einfach besuchen. Interessante Gäste sind mir immer willkommen.«
»Was?!«
»Hier«, sagt Quast und drückt mir eine Visitenkarte in die Hand.
Er dreht sich um und geht, ohne dass ich noch etwas erwidern kann. Zum Abschied hebt er in Inspektor-Columbo-Manier noch einmal den Arm. Spinner! Lässt mich absichtlich verwirrt zurück, auf dass ich ins Grübeln gerate. Wenn ich in Tunesien am Strand wäre und ein alter Araber lüde mich in sein Haus ein, wüsste ich, was mich erwartet: Teppiche, Töpfe, Lederwaren. Aber Quast? Was will der? Ich drehe seine Karte in meiner Hand. Er wohnt in Middelburg, keine zehn Kilometer entfernt, und er ist ein kauziger alter Mann, der mir kaum gefährlicher werden kann als Tank es geworden ist, und selbst den habe ich ja unbeschadet überstanden. Vielleicht sollte ich tatsächlich über sein Angebot nachdenken, bevor ich mich am Abend allein im Café Domburg wieder finde, zu ewig gestrigen Hardrockklängen, mit einem Bier in der Hand, dessen Schaumkrone mit einem billigen Plastikschaber gnadenlos abgestrichen wurde. Es beginnt zu regnen. Mag das Wetter am Meer noch so unberechenbar sein, ich bleibe ruhig und nehme, was kommt. Ich bin ja kein Sonntagsspaziergänger, der beim ersten Tropfen prüfend die Handfläche in die Luft hält, sich sorgenvoll einer immer schneller werdenden Plätscherfrequenz vergewissert und hektisch Schutz unter der nächstgelegenen Markise sucht. Mutig halte ich mein Gesicht in den klebrigen Regen, der meine Haut mit einem salzigen Film überzieht. Ich fühle mich jung. Ich bin der Augenblick. Endlich.
Ich mache mich auf den Rückweg und hänge losen Gedanken nach. Wie alt mag Quast sein? Was mag er in seinen vielleicht sechzig Lebensjahren nicht alles erlebt haben, dass er so geworden ist? Ich werde kaum so enden, so seltsam kauzig, so fernab aller Konventionen lebend. Obwohl es vielleicht nicht das Schlechteste wäre, auf diese Weise den Zwängen meiner selbst zu entkommen. Lange Jahre schaust du immer nur auf die Uhr, denke ich, und viel zu spät auf den Kalender. Und ehe du dich versiehst, ist deine Zeit um. Gestoppte fünfundsiebzig Jahre, gelebte fünfunddreißig – wenn es hoch kommt. Ich sollte mir nichts vormachen. Auch, wenn ich alle Zeit der Welt hätte, würde es mir kaum gelungen, den perfekten Popsong zu schreiben. Ich würde mein Gitarrenspiel nicht in einer Weise vervollkommnen, dass Eric Clapton weiche Finger bekäme. Ich würde es mir so oder so gemütlich machen in den fruchtbaren Niederungen des bequemen Mittelmaßes, ganz einfach, weil ich es nicht anders gewohnt bin. Am Ende könnte ich Stolz darauf sein, jede Startrek- und Akte-X-Folge locker viermal gesehen zu haben und eine Tausend-Gigabyte-Festplatte zu besitzen, auf der sich eine der weltweit größten Sammlungen an Porno-Pics befände.
Nur noch wenige Meter bis zu meiner Pension. Ich bin durchgefroren und nass bis auf die Knochen.
»Mijnher«, schallt es mir entgegen.
Meine Vermieterin ist bestürzt, faltet die Hände vors Gesicht. Es tue ihr leid, sagt sie in mit Rudi-Carrell-Akzent. Es sei alles in Ordnung, erwidere ich, sie könne ja nichts für das Wetter und erst recht nichts für meine Entscheidung, im Regen spazieren zu gehen. Meine Gedanken sind ganz woanders, kreisen um den Orbit wie ein orientierungsloser Satellit, der für seine Erbauer nutzlos geworden ist, weil er nur noch verzerrte Funksignale zur Erde sendet. Da ich aber bezweifle, dass Frau van der Velde Verständnis für meine Gedankenkonstrukte aufbringt, stapfe ich wortlos die Treppe zu meinem Zimmer hinauf, während das Wasser aus meinen Jackenärmeln auf die Stufen tropft.
Ein tiefer Fall reißt mich aus einem beängstigend realitätsnahen Traum. Ich wollte Maki zu Hilfe eilen, die von kopflosen Zwergen auf einem Grillrost festgekettet worden war. Bald war Essenszeit und sie würden sie bei lebendigem Leibe braten. Scheißkerle! Zum Glück war ich in der Lage, eine Art Laserstrahl aus meinen Augen abzufeuern. Ich tötete ein paar der Zwerge, sie zerplatzten lautlos, aber meine Reichweite genügte nicht, um bis zur Opferstätte vorzudringen, auf der Maki lag und mich voller Angst ansah und rief: ›Marc, wo bleibst du? Liebst du mich denn gar nicht?‹ Ich versuchte zu ihr zu rennen, aber irgendetwas riss mich zurück, zerrte an meinem Hals, drohte mich zu erdrosseln. Ich sah mich um, hinter mir stand eine baumgroße, diabolisch grinsende Isabelle, lediglich mit einem schwarzen Lederbikini bekleidet. Sie hielt eine Leine in ihrer Hand, an der ich wie ein Schoßhündchen zappelte, spielte mit mir, ließ mal etwas locker und zog dann wieder an. Ich zielte mit meinen Augen auf die Leine, ja, das müsste klappen, ich würde sie einfach durchschmoren. Erst ein Glühen, dann ein Brutzeln, endlich ein Ruck, dann der Fall, unter mir nur schwarzer Abgrund. Ich wachte auf, benommen, schweißgebadet, mit einem Zucken in den Beinen. Maki, die Gute. Isabelle, die Böse.
Ich knie mich vor die Duschwanne und halte den Kopf über den Rand wie kurz vor der Enthauptung. Der kalte Wasserstrahl trifft mich wie ein wuchtiger Schwerthieb und holt mich mit einem Mal ins Diesseits zurück. Draußen wird es bereits dunkel. Ich beschließe, Quasts Einladung nachzukommen. An ein frühes Zubettgehen ist sowieso nicht mehr zu denken.
Die Nummer zwölf ist ein freistehendes kleines Backsteinhaus mit tief liegenden Fenstern. Ich schalte den Motor ab und bleibe noch so lange im Wagen sitzen, bis Placebo den letzten Akkord gespielt haben und die Scheiben von innen vollständig beschlagen sind.
Quast empfängt mich lächelnd, in Filzpantoffeln und einem weißen T-Shirt, das sich über seinem Bauch spannt. Außer ›Hallo‹ sage ich erstmal nichts. Von innen wirkt das Haus noch kleiner als von außen, Flur und Küche sind zweckmäßig-spartanisch eingerichtet, nur das Wohnzimmer sieht nach Leben aus, wenngleich die dicken Wollteppiche, der alte Kronleuchter und die dunklen Holzmöbel den Charme eines muffigen Antiquariats versprühen. Ich gehe hinüber zu einer Vitrine voller alter und neuer Kameras.
»Sieh dich ruhig um«, sagt Quast und deutet auf einen unscheinbaren quadratischen Kasten. »Das hier ist mein ganzer Stolz, eine Hasselblad von 1954. Bis heute praktisch unerreicht.«
»Und wo sind die Fotos?« frage ich.
Unaufgefordert nehme ich ein Glas Whisky aus der fleischigen Hand meines Gastgebers entgegen.
»Na hör mal. Das hier ist meine Wohnung und kein Museum. Oder denkst du, Picasso hätte in seinem Haus, das zweifelsohne viel größer und prächtiger war als dieses, nichts anderes an den Wänden hängen gehabt als seine eigenen Bilder.«
»Hm«, sage ich und setze mich auf die dunkle Ledercouch in der Mitte des Raumes. »Warum lebt ein Fotograf ausgerechnet in so einem verregneten Nest? Warum nicht an der Cote d’Azur oder in der Toskana?«
»Auch ich bin in erster Linie ein Mann und dann erst Fotograf.« Ein brummiger Seufzer. »Die Liebe zu einer Frau hat mich hier hergebracht. Anouk und ich waren über zwölf Jahre verheiratet. Dann kam der Krebs. Wie aus dem Nichts. Sie hat zwei Jahre lang schrecklich gelitten. Der Tod war eine Erlösung für sie.«
»Tut mir wirklich leid«, sage ich.
Plötzlich empfinde ich Mitleid mit Quast und muss mein vorgefertigtes Urteil über ihn revidieren. Statt eines geschwätzigen Weltverbesserers sitzt mir ein einsamer, tieftrauriger Mann gegenüber. Ich finde, er hat etwas Don-Quichotte-Haftes an sich, und was er vor die Kamera bekommt, sind seine Windmühlen. Er schwenkt sein Glas in der Hand und sieht nachdenklich hinein.
»Wusstest du eigentlich, dass Whisky erst durch einen Schuss Wasser sein volles Aroma entfaltet? Es sollte schon frisches Quellwasser sein, aber es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass man ihn pur trinken müsse. Das behaupten nur Nichtkenner.«
»Wusste ich nicht.«
Auch wenn Quast mir leid tut, komme ich mir absolut deplaziert vor als Trostspender für einen fremden alten Mann. Ich sage etwas wie ›Tja‹, da hält er sich plötzlich die Hand vor dem Mund und stolpert ins Bad. Es folgt ein grauenvolles Husten. Ich fürchte, er wird sich übergeben und könnte daran ersticken.
»Kann ich etwas tun?« rufe ich.
»Geht gleich wieder«, ächzt Quast zwischen zwei Hustenattacken, dann steht er mit hochrotem Kopf und feuchten Augen wieder in der Tür. »Ich zeig dir was. Dann verstehst du mich besser«, sagt er, wieder einigermaßen bei Stimme.
Er öffnet den großen alten Bauernschrank, zieht ein paar Alben hervor und rückt sich einen Sessel nah an das Sofa heran.
»Menschen auf der Suche. Die Sehnsucht ist unser Antrieb, bei allem, was wir tun. Ich hatte mein Glück bereits gefunden, meine Anouk. Und auch, wenn die Zeit mit ihr viel zu schnell zu Ende ging, muss ich mich doch als glücklichen Menschen betrachten. Ich hatte meine Erfüllung. Ich muss mich nicht mehr auf die Suche machen. Die Krux an der Sache ist nur, dass mich diese Tatsache gleichzeitig jeglichen Antriebs beraubt, mir jeden Tag ein Stück Lebensenergie entzieht ... Ach, was red ich da. Mach dir keine Gedanken. Es ist wirklich nicht tragisch.«
Ich lasse meinen Blick über die Fotografien wandern. Ich versuche eine Gemeinsamkeit zwischen all den alten und jungen, männlichen und weiblichen ›Modellen‹ zu entdecken, die mal in die Ferne schauen und mal die Augen geschlossen haben, denen hier Neugier und dort Wehmut ins Gesicht geschrieben steht. Die Aufnahmen sind ausschließlich schwarzweiß und besitzen eine ungeheure Intensität, so als hätte Quast den von ihm abgelichteten Menschen ein paar Sekunden ihrer Zeit gestohlen, und diese winzige Zeitspanne würde ausreichen, um ein ganzes Leben widerzuspiegeln.
Quast leert in einem Zug ein halbes Glas Whiskey.
»Es ist so«, sagt er leise, »indem ich andere Menschen bei ihrer Suche beobachte, Leute wie dich eben, die von einem unstillbaren Lebensdurst getrieben werden, und auf meine Weise ihre Sehnsüchte und Wünsche teile, glimmt auch in mir wieder ein Funke Leben.«
»Fantastische Bilder. Die sind wirklich gut. Wahnsinnig ausdrucksstark. So ein Zufall. Ich arbeite in einem Verlag, der Bildbände herausbringt. Ich könnte mich mal umhören und –«
»Danke. Aber daran habe ich kein Interesse.« Quast steht auf und mach eine ausladende Handbewegung. »Sieh dich um. Das alles bedeutet mir nichts mehr. Nicht mal die Fotos sind mir wichtig, es ist allein der Akt des Fotografierens. Nur dann fühle ich noch etwas. Ansonsten esse und trinke, schlafe und scheiße ich, bin einfach nur noch da.«
Ich höre den letzten Satz kaum noch, denn ich erblicke eine Fotoserie, die meinen Lidschlag auf der Stelle einfrieren lässt. Das gibt’s doch gar nicht! Die Aufnahmen zeigen Maki, wie sie am Strand steht und in die Ferne sieht, genauso wie ich am Tag zuvor. Aus der Entfernung ist sie nur irgendein Mensch, eingebettet in eine wildromantische Szenerie, aber von Bild zu Bild rückt ihr Gesicht immer näher in den Fokus, bis auf dem letzten Foto nur noch Augen, Nase, Mund und eine flatternde Haarsträhne zu sehen sind. Sie sieht traurig aus. Die Bilder müssen auf La Gomera entstanden sein.
»Ich kann’s nicht glauben«, sage ich aufgeregt. »Das hier ist meine beste Freundin. Wir kennen uns schon ewig.«
Ein genugtuendes Grinsen macht sich in Quasts Gesicht breit. »Ich wette, es ist eine Freundschaft, die schon oft auf die Probe gestellt wurde. Eine Freundschaft, deren intensivstes Stadium längst noch nicht erreicht ist.«
»Ich weiß nicht –«
»Ich kann mich natürlich nicht mehr an jeden einzelnen Menschen erinnern, der mir vor die Linse gekommen ist, aber an deine Freundin erinnere ich mich sehr wohl. Sie war lange nicht so misstrauisch wie du. Ich meine sogar, dass sie von einem Freund sprach, den sie in Deutschland zurückgelassen hatte.«
Quast erzählt noch eine Weile von seiner Begegnung mit Maki. Ich höre gespannt zu und berichte dann meinerseits über die seltsamen Umstände unseres Kennenlernens, von ihrer Rückkehr aus La Gomera und von ihrem mentalem Aufbautraining an meiner Person, nachdem Lydia mich verlassen hatte. Nachdem meine Ausführungen beim Hier und Jetzt angekommen sind, sackt Quast mit müde im Sessel zusammen.
»Es ist schon ... sehr spät«, murmelt er. »Ich bin müde.«
»Dann werde ich mal aufbrechen. Danke für alles. Tut mir leid, dass ich am Anfang –«
»Ach was. Ich bin ein seltsamer Vogel, das weiß ich selbst. Vergiss die Fotos deiner Freundin nicht. Und den Film.« In einem letzten Kraftakt erhebt er sich aus den Tiefen seines Sessels und drückt mir den Film vom Nachmittag in die Hand.
»Vielleicht komme ich sie – dich – ja mal gemeinsam mit Maki besuchen«, sage ich.
»Lasst mal gut sein. So viel Gesellschaft verkrafte ich dann doch nicht mehr.«
Unentschlossen bleibe ich im Türrahmen stehen. Erst als Quast grimmig eine hinausweisende Handbewegung macht, überlasse ich ihm seinem Schicksal und mache mich, nicht ohne ein ungutes Gefühl, auf den Rückweg nach Köln. Wie soll man jemanden retten, der sich längst aufgegeben hat?
Die Anlage spielt The world has turned and left me here von Weezer. Das Belgische Fenster erstrahlt in voller Pracht.